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Startseite»Nachrichten»10. Todestag von Muhammad Ali: Die unglaubliche Reise des Größten aller Zeiten
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10. Todestag von Muhammad Ali: Die unglaubliche Reise des Größten aller Zeiten

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 3, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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10. Todestag von Muhammad AliDie unglaubliche Reise des Größten aller Zeiten

03.06.2026, 08:18 Uhr

Von Martin Armbruster
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Muhammad Ali ist der Größte aller Zeiten. (Foto: imago images/United Archives International)

Ein Fahrrad in Louisville, die Weltmeisterschaft im Schwergewicht, ein Kampf gegen die US-Regierung, viele Frauen, eine schwere Krankheit – und doch jede Menge Glück. Das Leben Muhammad Alis ist Drama, Thriller und Märchen. Heute vor zehn Jahren starb der „Größte“.

Joe Frazier kannte das Ghetto. In den rauen Straßen Philadelphias lernte der Mann, der Muhammad Alis großer Rivale um den Boxtitel aller Klassen werden sollte, das Leben und Überleben. Fressen oder gefressen werden, lautete das Gesetz. Und Frazier verstand es.

„Was zum Teufel weiß der schon vom Ghetto?“, entfährt es dem Schwergewichts-Champion daher Anfang 1971, als man ihm zu Ohren trägt, was sein Herausforderer um die WM-Krone verkündet. „Ich kämpfe für den kleinen schwarzen Mann im Ghetto“, hatte Muhammad Ali vor dem „Kampf des Jahrhunderts“ im New Yorker Madison Square Garden in seiner unnachahmlichen Art herausposaunt und Frazier damit indirekt zum Favoriten des weißen Amerika abgestempelt. Einem Amerika, das Ali in jenen Tagen nichts lieber wünscht als eine Tracht Prügel.

Frazier hatte allen Grund sauer zu sein. Denn Muhammad Ali kam in der Tat nicht aus dem Ghetto. Die Geschichte des „Größten“ beginnt in Louisville im US-Bundesstaat Kentucky. Hier wächst Ali, Jahrgang 1942, getauft als Cassius Marcellus Clay jr., in behüteten Verhältnissen auf. Der Vater ist Schildermaler und bringt ein geregeltes Einkommen nach Hause. Sonntags geht es in die Kirche, unter der Woche besucht Cassius die High School. Es ist fast so etwas wie eine „schwarze Mittelklasse“, der die Clays angehören. Das Philadelphia-Ghetto, in dem sich etwa zur selben Zeit Joe Frazier durchschlagen muss, ist für den jungen Cassius jedenfalls weit weg.

Olympia-Bürgermeister, Weltmeister, Kriegsdienstverweigerer

Mit zwölf Jahren ist der Teenager vielmehr stolzer Besitzer eines Fahrrads und fuchsteufelswild, als ihm jemand den Drahtesel klaut. Er schwört, den Gauner ordentlich zu vermöbeln, sollte er ihn je in die Finger kriegen. Joe Martin, Polizeibeamter in Louisville und Leiter eines Box-Gyms, hört sich die Tiraden des jungen Clay geduldig an und empfiehlt dem aufgebrachten Jungen, den Kampf mit den Fäusten lieber erst zu lernen. Am nächsten Tag steht das Diebstahl-Opfer in Martins Boxhalle.

Während der schlanke Cassius im Boxring sein einmaliges Boxtalent entfaltet, reift abseits des Seilgevierts seine große Klappe heran, trotz (oder wegen) der ihn in Louisville alle lieben. „Er hatte viel von meinem Vater, der bei uns in der Familie der Entertainer war und alle zum Lachen brachte“, verortet Alis Bruder Rahaman später die Wurzeln der „Louisville Lip“. Die irischen Gene des Urgroßvaters, die Ali 1972 bei seinem Besuch auf der ins Boxen, die Poesie und Limericks vernarrten Insel verrät, tun wohl ihr übriges.

Mit nur 18 Jahren, die Rasierklinge noch eine Fremde, ist Cassius Clay bereits so gut, dass ihn die USA zu den Olympischen Spielen nach Rom schicken. In der „Ewigen Stadt“ schnappt sich der Kämpfer durch die Goldmedaille im Halbschwergewicht nicht nur die Eintrittskarte ins Pantheon der Boxgrößen, die er später mit seinen Kämpfen gegen Sonny Liston, Joe Frazier und George Foreman abstempeln wird. Er zieht mit seinem Charme alle – Athleten wie Journalisten – in seinen Bann, wird zum „inoffiziellen Bürgermeister des Olympischen Dorfs“ (so die US-Zeitschrift „Newsweek“).

„Kein Problem mit dem Vietcong“

Nach dem Wechsel ins Profigeschäft bleibt Clay im Ring zwar weitgehend unantastbar, seine marktschreierischen Show-Einlagen vor den Kämpfen kommen aber nicht bei allen gut an. Ein junger Schwarzer, der sich zum schönsten und größten Boxer aller Zeiten kürt, zum „Greatest of all Time“, ist für das bigotte Amerika der 60er Jahre, in dem Schwarze im Bus nur auf den Hinterbänken sitzen dürfen, zu viel. Clay aber will nicht den braven Champion à la Joe Louis geben: Nach dem Gewinn der WM-Krone 1964 gegen Liston legt er seinen „Sklavennamen“ ab, konvertiert zum Islam – und macht als Muhammad Ali keine Kompromisse mehr, was seine Überzeugungen angeht.

1967 verscherzt es sich Ali endgültig mit der herrschenden Klasse: Die 1-A-gemusterte Nummer 15-47-42-127 auf der Einzugsliste der US-Streitkräfte verweigert den Befehl zum Krieg in Vietnam. „I ain’t got no quarell with them Viet Cong“ (Ich hab‘ kein Problem mit dem Vietcong), donnert der Champ der US-Öffentlichkeit entgegen. Uncle Sam lässt sich das nicht bieten und schlägt knallhart zurück: Fünf Jahre Gefängnis, 10.000 Dollar Strafe, Entzug der Boxlizenz, Aberkennung des WM-Titels. Ali gehen Millionen Dollar und die sportlich besten Jahre durch die Lappen. Weil der damals 25-Jährige aber nicht einknickt vor der mächtigsten Regierung der Welt, weil er bis vor den Obersten Gerichtshof zieht – der seine Verurteilung 1971 aufhebt -, feiert ihn das schwarze Amerika als unbeugsamen Helden. So wird Ali der „Repräsentant“ des schwarzen Mannes – und des Ghettos.

Neun Kinder, vier Frauen, zu viele Kämpfe

Charme und Anziehungskraft verliert Ali in den politischen Wirren jener Jahre trotz aller Rückschläge und Ungerechtigkeiten nie. Ganze fünf Minuten braucht er 1964, um dem Fotomodell Sonji Roi einen Antrag zu machen. Die Ehe ist fast von ebenso kurzer Dauer, weil Sonji alles ist, nur nicht die züchtige, muslimische Ehefrau, die Ali zum Maßstab erklärt. Eine solche Frau findet und heiratet er 1967 mit Belinda Boyd. Wirklich treu bleibt „der Größte“ meist aber nur sich selbst. „Ali war ein echter Womanizer“, erzählt Lloyd Wells, jahrelang fester Bestandteil von Alis Entourage, einmal über die Eskapaden des Champs.

Neun Kinder (zwei davon außerehelich), vier Frauen, drei Scheidungen stehen in Alis „Ehe-Rekord“. Erst der vierte Bund mit Yolanda Williams hält, bis der Tod sie scheidet. Im Ring schlägt Ali derweil viel zu viele kräftezehrende Schlachten. Sein Triumph im „Rumble in the Jungle“ über den als unschlagbar geltenden Foreman (1974) sowie der Sieg in der brutalen Abnutzungsschlacht „Thrilla in Manila“ gegen Erzrivale Frazier (1975) machen ihn sportlich zwar unsterblich. Wie so viele Box-Ikonen vor ihm verpasst Ali jedoch den richtigen Zeitpunkt, um aufzuhören, tritt erst nach demütigenden Niederlagen gegen Larry Holmes (1980) und Trevor Berbick (1981) ab.

Drei Jahre nach seinem Karriere-Ende der Schock: Ärzte diagnostizieren bei Ali das Parkinson-Syndrom. Die Krankheit verwandelt das einst so flinke Wesen in einen langsamen, zitternden, nuschelnden Mann – der sich seinem Schicksal dennoch niemals beugt. „Das Boxen war nur die Umkleidekabine“, flüstert Ali, geht raus und macht die Welt erneut zu seiner Arena. Es ist Alis zweiter Lebensabschnitt, der außerhalb des Rings, der ihn zum „Greatest of all Time“ macht. Seine im Ring hart erkämpften Millionen, vielmehr aber noch das wohl berühmteste Gesicht des Planeten, nutzt Ali wie kaum ein zweiter, um die Welt ein Stück besser zu machen.

„Die einzig wahre Religion ist die des Herzens“

Unermüdlich jettet er trotz seiner körperlichen Gebrechen um die Erde, setzt sich für die Schwachen ein, kämpft gegen Rassismus, Hunger und Armut. Längst ist Ali nicht mehr nur der „Vertreter des schwarzen Mannes im Ghetto“. Im Jahr 2002 ernennen ihn die Vereinten Nationen zum „Botschafter des Friedens“. Und der wandelnde Mythos trifft sie alle: den Papst, diverse Präsidenten, Fidel Castro. Im Zuge des Golfkriegs 1991 reist der damals 48-Jährige sogar in den Irak und bringt den Despoten Saddam Hussein dazu, 15 amerikanische Geiseln freizulassen.

„Die einzig wahre Religion ist die des Herzens“, hat Ali Tochter Hana in seinen letzten Jahren anvertraut. Am 3. Juni 2016, eine halbe Stunde, nachdem alle lebenswichtigen Organe ihren Dienst schon eingestellt hatten, hörte Muhammad Alis helfendes und unbeugsames Herz im Alter von 74 Jahren auf zu schlagen. Der Geist des „Größten“ aber ist geblieben.

Quelle: ntv.de

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