Ihre Virtuosität und ihr Temperament sind atemberaubend. Heute wird die Pianistin Martha Argerich 85 Jahre alt. Woher nimmt sie die Kraft, noch so präsent zu sein?
Es sind Finger, die mit raubtierhafter Beweglichkeit und messerscharfer Brillanz über die Tasten fliegen. Dem Orchester rasen sie davon, um sich in kleinen Klangexplosionen zu entladen. Martha Argerich haben sie Spitznamen wie „Tigressa“, „Löwin am Klavier“ oder einfach nur „La Martha“ beschert.
Oft zieht Argerich ihre Finger nach dem Schlussakkord abrupt von den Tasten, eilt murmelnd aus dem Saal, verschwindet einfach. Klavierspielen ist ihr Leben, das Publikum ist es nicht.
Dem Lampenfieber entkommen: In ihren späteren Jahren verlegt sich Martha Argerich auf Kammermusik, wie mit dem Cellisten Mischa Maisky.
Unglückliches Wunderkind aus Argentinien
Schon als Kind fühlt sich Martha Argerich auf der Bühne wie ein „Insekt unter der Lampe“. Geboren 1941 in Argentinien kann sie schon vor ihrem dritten Geburtstag aus dem Stand fehlerfrei eine Melodie auf dem Klavier nachspielen. Die Eltern erkennen ihre Begabung.
Martha Argerich geht nie zur Schule. Als Siebenjährige debütiert sie in Buenos Aires mit Beethovens 1. Klavierkonzert. Dort gilt sie als Wunderkind. Doch Martha ist wütend: auf die Erwachsenen, die sie zum einsamen Üben verdammt und ihren kleinen Bruder zu den Großeltern gegeben haben, damit er sie nicht vom Klavier abhält.
„Eine chaotische Existenz“
Mit zwölf Jahren spielt Martha Argerich in Wien dem Klaviervirtuosen Friedrich Gulda vor. Der findet, sie könne bereits alles spielen. Doch sie verschleudere „ihr Potenzial mit ihrer chaotischen Existenz“. Mit diesen Worten sollte er teilweise Recht behalten.
Mit 16 Jahren gewinnt Martha Argerich den Ersten Preis beim Busoni-Wettbewerb in Bozen. Mit 20 heiratet sie den Dirigenten und Komponisten Robert Chen und bekommt eine Tochter. Doch die Mutterschaft überfordert sie. Die Virtuosin zieht sich vorübergehend komplett von der Bühne zurück und verliert das Sorgerecht für ihre Tochter.
Aus drei Beziehungen hat Martha Argerich drei Töchter: Mit Anne Catherine Dutoit, Stephanie Argerich and Lyda Chen nahm sie 2016 im Kennedy-Center den Preis für ihr künstlerisches Lebenswerk entgegen.
Triumph 1965 beim Chopin-Wettbewerb
Erst ihr neuer Lehrer, der polnische Pianist Stefan Askenase, kann sie nach vier Jahren dazu überreden, ins Rampenlicht zurückzukehren und 1965 am Chopin-Klavierwettbewerb in Warschau teilzunehmen.
Es wird der Meilenstein ihrer Karriere. Triumphal gewinnt Martha Argerich den ersten Preis. Ihr Chopin ist nicht verträumt und salonhaft-poetisch, sondern explosiv und spontan, risikobereit und trotzdem perfekt artikuliert.
Doch auch in Warschau bleiben ihre inneren Konflikte nicht unbemerkt. „Um diese Frau scheint sich ein Strudel emotionaler Turbulenzen zu drehen“, schreibt die britische Zeitung Daily Telegraph, „doch sobald sie sich ans Klavier setzt, verschwinden Unordnung und Zweifel“.
Wie ein „Insekt unter der Lampe“
Robert Schumann, Franz Liszt, Sergej Prokofjew, Peter Tschaikowsky: Es gibt kein virtuoses Klavierwerk, das nicht unter den Fingern von Martha Argerich klanglich explodiert. Sie arbeitet mit Stardirigenten wie Claudio Abbado und Charles Dutoit zusammen. 1966 gibt sie in New York ihr Debüt, 1967 in Paris.
Doch Martha Argerich leidet, sobald sie aus ihrer Musik auftaucht. Sie hat extremes Lampenfieber und immer noch das Gefühl, als „Insekt unter der Lampe“ angestarrt zu werden. Immer häufiger sagt sie blitzartig Konzerte ab und weigert sich, vorab Verträge zu unterschreiben.
Als „Madame No“ ist sie gefürchtet. Auch unter Journalisten, die sie stundenlang warten lässt, um schließlich doch nicht zu erscheinen oder sich in Schweigen zu hüllen. Privat herrscht ebenfalls weiter Chaos in ihrem Leben. Mit ihren drei Töchtern aus drei Beziehungen haust sie als alleinerziehende Mutter in einer hippieartigen WG bei Genf.
Das Leben beginnt oft erst nach Mitternacht. Martha Argerich lebt aus dem Impuls: „Ich liebe es sehr, Klavier zu spielen, aber ich bin ungern eine Pianistin – und möchte nur spielen, wenn ich mich in der Stimmung befinde.“
Argerich wendet sich der Kammermusik zu
Anfang der 1980er-Jahre zieht Martha Argerich die Reißleine. Sie hat genug von der Einsamkeit und beschließt, nicht mehr alleine aufzutreten. Gemeinsam mit engen Musikerfreunden wie dem Cellisten Mischa Maisky und dem Geiger Gidon Kremer wendet sie sich der Kammermusik zu.
In Hamburg habe sie sich schon als 17-jährige verliebt: 2018 trägt sich Martha Argerich im Beisein des Regierenden Bürgermeisters Peter Tschentscher ins Goldene Buch der Stadt ein.
Aus der donnernden Klaviervirtuosin wird eine erstaunlich sensible Klavierbegleiterin. Noch ruhiger wird es um sie in den 1990er-Jahren, als sie sich wegen einer schweren Krebserkrankung für mehrere Jahre zurückziehen muss.
2002 gründet sie ihr eigenes Kammermusikfestival, zunächst im schweizerischen Lugano. 2018 zieht sie damit weiter nach Hamburg. Um ihren Geburtstag herum organisiert sie mit den Hamburger Symphonikern seitdem jährlich ihr „Martha Argerich Festival“ – diesmal ab 20. Juni.
In die Stadt habe sie sich schon mit 17 verliebt, als sie zum ersten Mal in der Laeiszhalle aufgetreten sei. „Meine Karriere! Die habe ich noch nie gesteuert. Mein Leben auch nicht. Ich habe nie etwas geplant, nichts, jemals.“
