Aktuell kursieren Berichte über 6G, die Überschriften wie „scannt Menschen durch Wände“ oder „misst Atmung sowie Herzschlag“ verwenden. Das klingt, als stehe ein neues Mobilfunknetz kurz vor dem Start, das Menschen automatisch in ihren Wohnungen erfassen kann.
So ist es nicht. Richtig ist: Funksignale können nicht nur Daten übertragen, sondern unter bestimmten Bedingungen auch Informationen über ihre Umgebung liefern. Irreführend ist aber, daraus eine bereits vorhandene oder feststehende Eigenschaft eines neuen 6G-Netzes zu machen.
Der technische Kern ist real
Hinter den Berichten steht ein Forschungsfeld namens Integrated Sensing and Communication, kurz ISAC. Dabei werden Funksignale nicht nur für Kommunikation genutzt. Ein System wertet zusätzlich aus, wie diese Signale von Menschen, Fahrzeugen, Wänden oder anderen Objekten reflektiert und verändert werden.
Daraus lassen sich je nach Aufbau zum Beispiel Anwesenheit, Entfernung, Bewegungsrichtung oder Geschwindigkeit ableiten. Die Internationale Fernmeldeunion ITU führt Integrated Sensing and Communication in ihrem IMT-2030-Rahmenwerk (Empfehlung ITU-R M.2160, 2023) als eines von sechs Nutzungsszenarien der kommenden 6G-Generation. Die Zielrichtung ist damit gesetzt, die konkrete technische Ausgestaltung aber nicht.
Das bedeutet aber nicht, dass ein heutiges oder bereits eingeführtes 6G-Netz Menschen flächendeckend scannt. 6G befindet sich weiterhin in Forschung, Anforderungsdefinition und Standardisierung. Konkret: Das zuständige Gremium 3GPP hat den Zeitplan für Release 21 – die erste 6G-Spezifikation – im Juni 2026 beschlossen, mit funktionalem Freeze im Dezember 2028. Die Datenschutzkonferenz selbst geht von einer Einführung ab 2030 aus.
Welche Sensorfunktionen später tatsächlich in kommerziellen Netzen, Basisstationen, Routern oder Smartphones landen, ist offen.
Herzschlagmessung ist kein allgemeines 6G-Merkmal
Kontaktlose Messungen von Atmung und Herzschlag mit Funktechnik sind grundsätzlich möglich. Atmung und Herzschlag verursachen sehr kleine Bewegungen des Brustkorbs. Diese Bewegungen können reflektierte Funksignale minimal verändern. Mit geeigneten Geräten und Algorithmen lassen sich solche Veränderungen auswerten.
Solche Nachweise gibt es unter anderem mit WLAN, Ultra-Wideband, Millimeterwellen und speziellen Radarsystemen. Das ist ein echter technischer Befund.
Er beweist aber nicht, dass ein zukünftiges Mobilfunknetz bei beliebigen Personen, durch beliebige Wände und in beliebigen Wohnungen medizinisch verlässliche Vitaldaten bestimmen kann. Die Genauigkeit hängt stark von Entfernung, Körperposition, weiteren Personen im Raum, Wandmaterial, Frequenz, Bandbreite, Antennenanordnung und Signalverarbeitung ab.
Ein Forschungsaufbau ist deshalb nicht dasselbe wie eine allgemeine Funktion jedes Mobilfunknetzes.
„Durch Wände sehen“ führt leicht in die Irre
Auch die Formulierung, 6G könne „durch Wände sehen“, ist stark zugespitzt. Bestimmte Funkwellen können nichtmetallische Hindernisse durchdringen. Mit speziellen Systemen lassen sich unter geeigneten Bedingungen Bewegungen oder Personen hinter manchen Wänden erkennen.
Dabei entstehen jedoch keine Bilder wie bei einer Kamera. Es handelt sich auch nicht um Röntgensicht. Aus den reflektierten Signalen werden vielmehr Positionen, Bewegungsmuster, grobe Silhouetten oder Körperhaltungen rekonstruiert.
Wie gut das funktioniert, hängt stark vom Material ab. Gipskarton, Holz, Glas, Stahlbeton, Metall, Wärmeschutzverglasung oder mehrere Wände dämpfen Funksignale sehr unterschiedlich. Gerade metallische Bauteile oder massive Wände können Messungen erheblich erschweren oder verhindern.
Sachlicher wäre daher die Formulierung: Bestimmte Funk- und Radarsysteme können unter geeigneten Bedingungen Bewegungen oder Körpermerkmale hinter bestimmten Hindernissen erfassen. Das ist etwas anderes als die pauschale Aussage, ein Mobilfunknetz könne Menschen „durch Wände sehen“.
Die Formulierung stammt allerdings nicht allein aus der Boulevardpresse. Die Datenschutzkonferenz selbst überschreibt den entsprechenden Abschnitt ihrer Pressemitteilung mit „ISAC und 6G – oder Technik, die durch Wände schauen kann“ und spricht von einer Wahrnehmung von Objekten und Personen potenziell auch durch Wände und Mauern hindurch. Gemeint ist damit die physikalische Möglichkeit unter geeigneten Bedingungen, nicht ein Bild und nicht eine Funktion, die es heute gibt.
Die Quellen warnen vor Risiken, nicht vor einem fertigen Netz
Die aktuellen Berichte stützen sich unter anderem auf eine Pressemitteilung des Barkhausen Instituts und ein Positionspapier der Datenschutzkonferenz vom 17. Juni 2026.
Das Barkhausen Institut forscht seit Jahren an technischen Verfahren, mit denen sich Sensorfunktionen in Kommunikationsnetzen kontrollieren, absichern und transparent gestalten lassen, und bringt diese Arbeiten unter anderem in die ETSI-Standardisierung ein. Daraus sind erste Konzepte entstanden: ein An-/Ausschalter, den Smartphonehersteller künftig in ihre Geräte integrieren könnten und der die Sensorfunktion des Geräts abschaltet, während die Kommunikation weiter möglich bleibt, sowie eine prototypische App, die anzeigt, ob am aktuellen Standort Sensing stattfindet.
Das sind Forschungsansätze und Prototypen. Sie sind kein Beleg dafür, dass solche Funktionen bereits für alle künftigen Geräte beschlossen sind oder umgesetzt werden. Vorhandene Smartphones oder Router werden dadurch auch nicht automatisch allein per Software zu vollwertigen Radarsystemen. Für leistungsfähige Sensing-Anwendungen können angepasste Antennen, Hochfrequenzhardware, Wellenformen und weitere technische Komponenten nötig sein.
Die Datenschutzkonferenz warnt ebenfalls vor realen Risiken. ISAC-Systeme könnten auch Menschen erfassen, die selbst kein Gerät verwenden und nichts von der Messung wissen. Das wirft erhebliche Fragen zu Transparenz, Einwilligung, Schutz privater Räume und Grundrechten auf. Bemerkenswert ist dabei, dass sich das Papier ausdrücklich nicht nur auf 6G bezieht, sondern auch auf künftige WLAN-Standards. Dieser Teil der Entwicklung liegt zeitlich sogar näher als der Mobilfunk.

Diese Warnung ist berechtigt. Sie ist aber eine Risikobewertung für eine Technologie in Entwicklung, nicht der Nachweis eines bereits bestehenden 6G-Überwachungsnetzes.
Die Überschriften vermischen mehrere Ebenen
Problematisch ist vor allem, dass mehrere Ebenen miteinander vermischt werden: bekannte physikalische Möglichkeiten, Forschungsprojekte, mögliche künftige Anwendungen und Datenschutz-Worst-Case-Szenarien.
Aus „unter bestimmten Bedingungen technisch möglich“ wird dann „6G kann durch Wände sehen“. Aus „Funktechnik kann in Forschungsaufbauten Vitalzeichen erfassen“ wird „das neue 6G-Netz misst Herzschlag und Atmung“.
Gerade Leserinnen und Leser, die eher nur Überschriften wahrnehmen, können daraus schließen, ein neuer Mobilfunkstandard sei bereits einsatzbereit und könne automatisch in Wohnungen hineinmessen und -blicken. Dafür gibt es nach aktuellem Stand keine belastbare Grundlage.
Die Datenschutzfragen sollten früh diskutiert werden. Überzeichnete Schlagzeilen helfen dabei jedoch nicht. Sie ersetzen eine genaue technische Einordnung durch ein bedrohliches Bild.
Was Nutzer daraus mitnehmen sollten
Die Berichte sind keine frei erfundene 6G-Verschwörung. Der technische Kern stimmt: Funkbasierte Sensorik kann Bewegungen erfassen und unter bestimmten Bedingungen auch Vitalzeichen erkennen. Die Kombination von Kommunikation und Sensorik ist im ITU-Rahmenwerk für 6G ausdrücklich als Nutzungsszenario vorgesehen und wird entsprechend erforscht.
Irreführend ist aber die Darstellung, als gebe es bereits ein neues 6G-Netz mit allgemeiner Herzschlagmessung oder verlässlicher Durch-Wand-Erfassung. Noch gibt es kein regulär eingeführtes 6G-Netz und keinen abgeschlossenen Mobilfunkstandard mit festgelegten 6G-Funktionen. Ebenso gibt es keine allgemeine Funktion, mit der Smartphones oder Router Menschen hinter Wänden analysieren.
Bewertung: Irreführend. Die Berichte greifen reale Forschung auf, machen daraus aber eine technisch unsaubere und zu pauschale Aussage über ein noch nicht eingeführtes 6G-Netz.
FAQ zu 6G
Gibt es schon ein 6G-Netz, das Menschen scannt?
Nein. 6G ist noch nicht regulär eingeführt. Die Technik befindet sich in Forschung, Entwicklung und Standardisierung.
Kann Funktechnik wirklich Herzschlag messen?
Grundsätzlich ja. In Forschungsaufbauten können reflektierte Funksignale kleinste Bewegungen durch Atmung oder Herzschlag erfassen. Das bedeutet aber nicht, dass jedes Mobilfunknetz solche Daten zuverlässig messen kann.
Bedeutet „durch Wände sehen“ echte Bilder?
Nein. Funkbasierte Systeme erzeugen keine Kamerabilder und keine Röntgenaufnahmen. Sie können unter passenden Bedingungen Bewegungen, Positionen oder grobe Körpermerkmale aus Signalveränderungen ableiten.
Ist 6G dadurch gesundheitsschädlicher?
Dafür liefern die Berichte keinen Beleg. Die geprüften Quellen befassen sich mit Sensorik, Standardisierung und Datenschutz, nicht mit gesundheitlichen Auswirkungen von Mobilfunkstrahlung.
Wann kommt 6G überhaupt?
Die erste 6G-Spezifikation soll Ende 2028 stehen, erste kommerzielle Netze werden ab etwa 2030 erwartet. Welche Sensorfunktionen bis dahin tatsächlich in Netzen und Geräten landen, entscheidet sich derzeit in den Standardisierungsgremien.
Barkhausen Institut
Laufendes Projekt
Datenschutzkonferenz
17. Juni 2026
International Telecommunication Union
17. März 2026
IEEE Xplore | Y. Gu, X. Zhang, Z. Liu and F. Ren
27. Februar 2020
International Telecommunication Union
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