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Startseite»Politik»Entsiegelung von Flächen als Wettbewerb: Aus Grau wird Grün
Politik

Entsiegelung von Flächen als Wettbewerb: Aus Grau wird Grün

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 5, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 05.06.2026 • 13:36 Uhr

Weniger Pflastersteine, mehr Gräser, Blumen und Sträucher: Die Entsiegelung von bebauten Flächen verbessert das Stadtklima. Ein Wettbewerb im „Abpflastern“ zeigt, wie Menschen ihren Beitrag zur Klimaanpassung leisten können.

„Ab das Pflaster, fertig, los!“ In Hamburg haben Schülerinnen und Schüler einer Berufsschule unter dem Motto schon im vergangenen Jahr zur Spitzhacke gegriffen, um Pflastersteine zu entfernen. „Naja, sagen wir mal ehrlich, wir haben echt sehr viel von der Natur weggenommen. Und es ist halt schön, wenn man da ein bisschen was zurückgibt“, sagte Schülerin Sarah Hahnel damals.

An ihrer Hamburger Berufsschule mussten 15 Quadratmeter Pflaster weichen, um Platz für Schöneres zu machen: Gräser, Blumen und Sträucher. Der Wettbewerb „Abpflastern“ ruft auch dieses Jahr wieder dazu auf, Privatflächen von Pflastersteinen zu befreien und das auf einer Website zu dokumentieren.

„Tegelwippen“ wird zu „Abpflastern“

Inspiriert ist der Wettbewerb von einer Aktion aus den Niederlanden. „Tegelwippen“ heißt es dort und hat seither für das Entfernen von mehr als 14 Millionen Pflastersteinen gesorgt. Die Hochschule für Gesellschaftsgestaltung Koblenz hat die Idee übernommen und daraus „Abpflastern“ gemacht. Im vergangenen Jahr wurden so in Deutschland Flächen von rund eineinhalb Fußballfeldern entsiegelt.

Letztes Jahr haben rund 30 Gemeinden teilgenommen – manchmal Einzelpersonen, manchmal Nachbarn, Vereine oder Schulen. Von März bis Oktober können die Flächen registriert werden. „Dieses Jahr wurden 80 Aktionen aus 41 Kommunen gemeldet“, erklärt die Projektkoordinatorin von „Abpflastern“, Mareike Gaiser.

Weltumwelttag

Der heutige Weltumwelttag soll das Umweltbewusstsein stärken und auf die weltweite Naturzerstörung aufmerksam machen. Er geht auf einen Beschluss der ersten UN-Weltumweltkonferenz am 5. Juni 1972 in Stockholm zurück. In Deutschland steht der Tag in diesem Jahr unter dem Motto „Umweltschutz bringt was. Zusammen“.

Was Entsiegeln bringt

Laut Statistischem Bundesamt waren Ende 2024 circa 45 Prozent der Verkehrs- und Siedlungsflächen in Deutschland versiegelt. Das hat Auswirkungen auf das Mikroklima in Städten: „Unter versiegelten Flächen ist kein Leben. Da ist nichts drin, was biologisch von großem Wert ist“, erklärt Oliver Wagner vom Wuppertal Institut für Klima, Energie und Umwelt.

Das Entfernen von Pflastersteinen hat gerade bei Extremwetterlagen zwei wichtige Effekte. Es wird Oberfläche geschaffen, in der Wasser besser versickern kann. Außerdem speichern versiegelte Flächen besonders viel Wärme und tragen zur Überhitzung von Städten bei. Im Kontrast können Grünflächen mit Bäumen und Sträuchern für Abkühlung sorgen.

Welche Auswirkung es hat, eine Fläche von der Größe von eineinhalb Fußballfeldern zu entsiegeln, lässt sich nicht konkret quantifizieren. Aber Projektkoordinatorin Gaiser erklärt: „Uns geht es weniger darum, dass möglichst viele Flächen entsiegelt werden. Im Mittelpunkt steht, dass Menschen sich vernetzen und ein Lerneffekt zum Thema entsteht.“ Die Projektkoordinatorin ist sich sicher, dass auch der Wettbewerbscharakter die Leute dazu anregt, anzupacken: „Das macht die Themen zugänglicher.“

Was ist gelungener Klimaschutz?

Auch Forscher haben verstanden: besonders der spielerische Ansatz ist wichtig. In einem Papier hat das Wuppertal Institut 2025 das „Tegelwippen“ und 13 weitere Beispiele für Klimaschutz auf kommunaler Ebene analysiert. Dazu gehörten unter anderem auch der kostenlose Personennahverkehr in Monheim im Kreis Mettmann und eine Autostilllegungsprämie in Marburg. Die Autoren wollten herausarbeiten, was dazu beiträgt, dass Umweltschutz gelingen kann.

„Wenn etwas Messbares und Erfahrbares dabei herauskommt, steigt die Akzeptanz für eine Maßnahme – besonders, wenn sie vielen etwas bringt“, erklärt Oliver Wagner vom Wuppertal Institut. Für das „Abpflastern“ fasst er es so zusammen: „Eine ehemals versiegelte Fläche ist dann für alle Bevölkerungsgruppen nutzbar und schafft einen öffentlichen Raum, von dem alle etwas haben.“

Maßnahmen sind erfolgreich, wenn sie freiwillig sind, zu diesem Schluss kommt die Publikation. Genauso wichtig ist laut Wagner aber auch das Einführen ordnungsrechtlicher Maßnahmen. Dabei komme es vor allem auf die richtige Kommunikation an: „Die Einsicht, dass eine Maßnahme sinnstiftend ist, muss man transportieren und gut kommunizieren.“ Wichtig sei, dass verschiedene Ebenen eingebunden werden, sagt der Wissenschaftler für Klimapolitik: „Auch Akteure, die mit Umweltschutz eigentlich gar nicht so viel zu tun haben.“

So wurde bei der Marburger Autostilllegungsprämie zum Beispiel der Einzelhandel eingebunden: Die Bürgerinnen und Bürger, die für ein Jahr ihr Auto abmeldeten, bekamen im Gegenzug Gutscheine für lokale Geschäfte.

Unterstützung für die Kommunen

„Die Kommunen sind die Schlüsselakteure bei Nachhaltigkeits- und Umweltaspekten. Irgendwo müssen die Maßnahmen umgesetzt werden, und in der Regel sind das Städte und Gemeinden“, sagt Wagner. Internationale Analysen aus 2016 belegen, dass neun der 17 globalen Nachhaltigkeitsziele davon profitieren, wenn sie auf lokaler Ebene angegangen werden.

Der Co-Leiter des Forschungsbereichs Energiepolitik sieht dabei vor allem eine Hürde: „Ein großes Hemmnis für Klimaschutz ist die schlechte finanzielle Ausstattung der Kommunen. Diese haben oft Angst vor Veränderungen – zum Beispiel, dass Firmen abwandern.“ Das würde bedeuten, dass sie weniger Einnahmen durch die Gewerbesteuer hätten. Eine bessere finanzielle Ausstattung der Kommunen kann den Klimaschutz fördern, so lautet die Empfehlung der Forscher für die bundespolitische Ebene.

Flensburg lockt mit Geschenken

Den „Abpflastern“-Wettbewerb unterstützen schon einige Kommunen. Wer zum Beispiel in Flensburg über fünf Quadratmeter entsiegelt, bekommt von der Stadt einen Strauch geschenkt. Damit belegte die norddeutsche Stadt im vergangenen Jahr Platz eins in der Kategorie mittelgroßen Städte. Projektkoordinatorin Mareike Gaiser von „Abpflastern“ sieht noch Potenzial: „Es gibt rund 11.000 Kommunen, es wird in etwas mehr als 40 abgepflastert. Da geht noch mehr.“

Auch an der Hamburger Berufsschule unterstützte die Stadt im vergangenen Jahr den Wettbewerb mit Equipment und Entsorgung. Schülerin Sarah Hahnel hofft auf einen Effekt, der über Klimaschutz hinausgeht: „Dass die Menschen ein bisschen entspannter sind. Weil ich glaube, die Farbe Grün und die natürlichen Gerüche, machen viel mit einem.“

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