Frankreichs Kampfjet-MonopolistAn Dassault beißt sich nicht nur Merz die Zähne aus

Dassault ist verglichen mit Airbus ein Winzling und nahezu vollständig von der französischen Regierung abhängig. Trotzdem lässt sich das Familienunternehmen von niemandem reinreden. Es wird auch die nächste Generation von Kampfflugzeugen für Frankreich bauen, und zwar allein, wie seit Jahrzehnten.
Die Rollen waren in diesem Gespräch von vornherein klar verteilt. Auf der einen Seite der Chef eines Familienunternehmens, auf der anderen Seite der Regierungschef der größten Volkswirtschaft Europas mit dem mit Abstand größten Rüstungsbudget des Kontinents. Trotzdem kam Letzterem, Bundeskanzler Friedrich Merz, die Rolle des Bittstellers zu, der vergeblich versuchte, Éric Trappier, den Boss des französischen Flugzeugbauers Dassault, zu einem Kompromiss zu bewegen und die Zusammenarbeit mit Airbus am deutsch-französischen Kampfjet-Projekt FCAS fortzusetzen.
Trappier bewegte sich nicht. Weder in dem Gespräch, das er laut einem Bericht des ZDF mit Merz führte, noch in Verhandlungen seines Unternehmens mit Airbus und auch nicht auf den Druck hin, den die französische Regierung ausübte. Immerhin hatte Präsident Emmanuel Macron selbst das 100 Milliarden Euro schwere Projekt FCAS – kurz für „Future Combat Air System“ – mit aus der Taufe gehoben und erklärt, Deutschland und Frankreich hätten „eine Verpflichtung“, es zum Erfolg zu führen, da es „ein Test für die Glaubwürdigkeit Europas“ sei.
Dieser Test ist nun gescheitert. Merz und Macron verkündeten am Montag nach jahrelangem Ringen das endgültige Aus. Neben unterschiedlichen technischen Präferenzen zwischen den Militärs beider Länder ist die Unnachgiebigkeit von Dassault einer der Hauptgründe. Woher Deutschland die nächste Generation seiner Kampfflugzeuge nun bekommen wird, ist offen. Airbus soll sich wohl auf die Suche nach neuen Partnern begeben. Für Frankreich ist die Lage dagegen klar: Dassault baut auch den nächsten Jet für die Armée de l’Air allein – wie seit Jahrzehnten.
„Minister kommen und gehen“
Trappier hatte von Beginn an deutlich gemacht, dass Dassault das Kampfflugzeug der nächsten Generation am besten allein bauen könne und wolle. Vor einigen Monaten sagte er bei einer Rede, Dassault sei „durchaus bereit, mit Partnern zusammenzuarbeiten – auch mit den Deutschen -, aber wir brauchen das nicht“. Entsprechend beanspruchte der französische Flugzeugbauer die unangefochtene Führung bei dem Megaprojekt und war auch nicht bereit, sensible technische Informationen mit dem nach Umsatz und Mitarbeiterzahl zehnmal so großen Partner Airbus zu teilen.
Seit Jahrzehnten hat sich Dassault in enger Verbindung mit dem französischen Staat eine extrem starke Position geschaffen, sodass im Verhältnis zwischen der Regierung und dem Unternehmen oft nicht klar ist, wer das Sagen hat. Die „Financial Times“ zitierte in einem Bericht über Dassault einen Manager des Unternehmens mit den Worten: „Minister kommen und gehen. Dassault bleibt.“
Firmengründer Marcel Bloch entwickelte schon 1917 sein erstes Flugzeug für das französische Militär. 1928 gründete er den Vorläufer des heutigen Konzerns. Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg wurde Bloch wegen seiner jüdischen Herkunft verhaftet und nach Buchenwald deportiert. Nach dem Krieg änderte er seinen Familiennamen in Dassault, das war der Kampfname seines Bruders im Widerstand und leitet sich Berichten zufolge von „Char d’assaut“ ab – „Kampfpanzer“. Auch seine Firma erhielt diesen Namen.
Geschätztes Familienvermögen von 35 Milliarden Euro
Marcel Dassault entwickelte mit seinen Ingenieuren unter anderem Frankreichs ersten Kampfjet Mystère, später die Mirage und schließlich die Rafale-Kampfflugzeuge. 1971 übernahm er die Mehrheit am Flugzeugbauer Breguet und sicherte sich damit eine monopolartige Stellung in Frankreich, das im Zuge der „Grandeur“-Politik von Präsident Charles de Gaulle ausschließlich auf die heimische Rüstungsproduktion setzte.
Der Dassault-Konzern wuchs auch in anderen Branchen. Heute gehören unter anderem die Software-Firme Dassault Systèmes, eine Mediengruppe um die konservative Zeitung „Le Figaro“ und ein Anteil am Entsorgungs- und Energiekonzern Veolia dazu.
Mehrfach machte die französische Regierung – über Jahrzehnte der einzige Großkunde der Kampfflugzeuge von Dassault – Anstalten, den Flugzeugbauer zu verstaatlichen. Zeitweise übernahm der Staat ein großes Aktienpaket und die Stimmenmehrheit im Unternehmen. In den 1990er-Jahren versuchte der damalige Präsident Jacques Chirac, Dassault in das Vorläuferkonsortium des deutsch-französischen Flugzeugbauers Airbus einzugliedern.
Doch am Ende konnte Dassault immer seine Unabhängigkeit bewahren. Geholfen hat dabei unter anderem, dass sowohl der Unternehmensgründer als auch sein Sohn und Enkel sich stark politisch engagierten und zeitweise als Abgeordnete im Parlament saßen. Bis heute ist der Flugzeugbauer mehrheitlich im Besitz der Nachkommen Marcel Dassaults. Das Vermögen der Familie wird auf rund 35 Milliarden Euro geschätzt.