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Reichweite und Latex-Stiefel: Warum Gewaltvideos mit Tieren im Netz boomen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 12, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Reichweite und Latex-StiefelWarum Gewaltvideos mit Tieren im Netz boomen

Bei vielen Konsumenten spielen sexuelle Motive eine Rolle. So werde das „Crushing“ der Tiere oft mit bestimmten Schuhen durchgeführt. (Foto: picture alliance / imageBROKER)

Wer sind die Menschen, die solche Video drehen? Und wer sieht sie sich an? Foltervideos oder inszenierte Tierrettungen erzielen millionenfach Klicks in sozialen Medien. Tierschützer und Ermittler suchen auf Bali nach Auswegen, den grausamen Trend zu stoppen.

Die Aufnahmen dauern oft nur wenige Sekunden. Ein Affenbaby schreit. Ein Hund wird misshandelt. Eine Katze wird gequält. „Mach es noch einmal!“, schreibt ein Nutzer. Ein anderer bietet Geld für neue Foltervideos. Wenige Tage später wird irgendwo auf der Welt wieder ein Tier misshandelt, gefilmt und die Szene ins Netz gestellt. Unfassbar, aber wahr: Das Geschäft mit zur Schau gestelltem Tierleid boomt.

Besonders erschütternd ist das sogenannte „Crushing“. Dabei filmen sich Nutzer beim Zerdrücken oder Zertreten lebender Tiere und animieren andere zur Nachahmung – eine neue Art der Internet-Challenge. „Es begann mit Insekten, aber mittlerweile werden unter anderem Katzenbabys, Hundewelpen und Kaninchen totgetreten“, sagt Wiebke Plasse, Kampagnenverantwortliche der deutschen Welttierschutzgesellschaft (WTG). Im Streben nach immer mehr Aufmerksamkeit und Reichweite seien die Inhalte zunehmend brutaler geworden.

Brennpunkt Asien

Auf Bali suchten in dieser Woche Tierschützer, Wissenschaftler, Ermittler und Vertreter großer Internetplattformen nach Wegen, Tierquälerei im Netz einzudämmen. Beim ersten globalen SMACC-Gipfel ging es zwei Tage lang um bessere Strafverfolgung, strengere Regeln für Plattformen und den Einsatz neuer Technologien im Kampf gegen das Phänomen. 

SMACC steht für Social Media Animal Cruelty Coalition (Koalition gegen Tierquälerei in den sozialen Medien). Es handelt sich um einen internationalen Zusammenschluss von mehr als 40 Tier- und Artenschutzorganisationen. Bali als Tagungsort ist dabei bewusst gewählt: Viele der im Internet verbreiteten Tierquälerei-Videos stammen aus Asien, und Indonesien gehört nach Einschätzung von Tierschützern zu den Brennpunkten des Problems.

Gesetzesänderung in Deutschland?

Die WTG mit Sitz in Berlin, die Mitglied des Bündnisses ist, setzt sich vehement für eine Gesetzesänderung in Deutschland ein. Sie fordert, dass Tiere in die Regelungen gegen gewaltverherrlichende und -verharmlosende Darstellungen aufgenommen werden. Vorbild ist ein Paragraf des Strafgesetzbuches, der bereits die Verherrlichung schwerer Gewalt gegen Menschen erfasst. Künftig könnten entsprechende Vorschriften auch für Gewalt gegen Tiere gelten. 

„Es sieht gut aus für unsere Forderung“, so Plasse auf Bali im Pressegespräch. Der Entwurf liege in Berlin vor. „Und wir haben bereits den Zuspruch aus den Regierungsparteien.“ Ziel sei es, die Verbreitung und den Konsum solcher Inhalte künftig mit Freiheitsstrafen zu ahnden. „Derzeit fühlen sich die TäterInnen noch völlig frei und sicher – wir hoffen, dass harte Strafen sie abschrecken werden.“ 

Jason Baker, Präsident der Tierrechtsorganisation Peta Asien betont, die Ermittlungen seien jedoch oft langwierig und komplex. „Strengere Gesetze sind nötig, aber auch die Social-Media-Unternehmen müssen ihren Beitrag leisten.“ Ziel müsse es sein, die Produktion dieser Videos von vornherein zu verhindern, indem die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Auch die WTG fordert, die Plattformen in die Pflicht zu nehmen – allen voran Facebook, wo die allermeisten solcher Qual-Videos zirkulierten. An der Fachkonferenz nahmen derweil lediglich Vertreter von YouTube und Tiktok teil – Facebook und andere Plattformen blieben der Veranstaltung fern.

Reichweite und Latex-Stiefel

Aber was treibt Menschen an, derart grausame Inhalte zu erstellen oder zu konsumieren? Bei den Produzenten gehe es fast immer um digitale Reichweite, Erfolg und Lob, sagt Plasse. Bei vielen Konsumenten spielten dagegen sexuelle Motive eine Rolle. So werde das „Crushing“ der Tiere oft mit bestimmten Schuhen wie Leder- oder Latexstiefeln durchgeführt.

Überraschend scheint, dass sehr häufig Frauen beteiligt sind, wie Plasse unter Berufung auf viele Ermittlungsergebnisse erzählt. „Es ist erstaunlich, aber oft handelt es sich bei denen, die solche Videos filmen oder klicken, um ganz normale Leute. Was auch immer normal ist.“ Weitere Untersuchungen seien aber nötig, um die psychologischen Hinter- und Abgründe zu verstehen. Offensichtlich ist jedoch: Gerade junge Äffchen wie Makaken sehen Menschenbabys sehr ähnlich. „Und wenn das Tier irgendwann nicht mehr reicht, möchte der Mensch mehr“, warnt Plasse. 

Schockierender Fall: Makakenbaby Mini

Apropos Makaken: Besonders schockierend ist der Fall von Mini. Das Makakenkind wurde zum Symbol einer aufsehenerregenden BBC-Recherche und war auch auf Bali Thema. Ein internationales Netzwerk hatte Foltervideos von Affen in Auftrag gegeben und verbreitet. Mini war als Baby ihrer Mutter entrissen worden und landete bei einem Mann in Indonesien, der sie für zahlende Kunden misshandelte und die Qualen filmte. 

In Chatgruppen auf Plattformen wie Telegram galt sie als eine Art „Star“, für dessen Misshandlung immer neue Wünsche und Vorschläge geäußert wurden. Die BBC trug nach monatelangen Recherchen dazu bei, dass mehrere Beteiligte festgenommen wurden. Nach ihrer Rettung verbrachte Mini mehr als zwei Jahre zur Rehabilitation in einer Auffangstation, bevor sie 2024 endlich wieder in die Freiheit entlassen werden konnte.

Rettungsvideos oft nur Fake

Und noch ein weiteres dramatisches Phänomen grassiert: Bei sogenannten „Fake Rescues“ werden Tiere gezielt in Notlagen gebracht – etwa in Gruben oder Wasserlöcher gesetzt, festgebunden oder verletzt –, um sie anschließend vor laufender Kamera zu retten. Viele User haben keine Ahnung, dass die Videos, die sie vor lauter Mitgefühl oder Freude über eine geglückte Rettung zum Weinen bringen, nur gestellt sind.

Die WTG berichtet von Hunden, die etwa im ostafrikanischen Uganda für Spendenvideos misshandelt oder ausgehungert worden sein sollen. Die emotionalen Aufnahmen erzielen Millionen Aufrufe und dienen dazu, Spenden und Werbeeinnahmen zu generieren. „Das ist nicht nur Betrug an gutgläubigen Tierfreunden, es ist massive Gewalt gegen Tiere, die erst durch Social Media möglich wird“, sagt Plasse.

Appell an Nutzer sozialer Medien

Die Tierschützer auf Bali appellierten an Nutzer sozialer Medien, Inhalte mit offensichtlichem Tierleid zu melden – und vor allem nicht mit ihnen zu interagieren. Peta-Präsident Baker brachte es auf den Punkt: „Das Ansehen, Liken, Kommentieren und Teilen von Videos, die Tierquälerei zeigen, füttert lediglich die Algorithmen, die dazu beitragen, dass sich diese Inhalte verbreiten und Einnahmen generieren.“

Quelle: ntv.de, Carola Frentzen, dpa

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