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Altes Geschäftsmodell am Ende: Kaum eine Firma bringt Deutschland wirklich nach vorn

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 13, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Altes Geschäftsmodell am EndeKaum eine Firma bringt Deutschland wirklich nach vorn

13.06.2026, 11:58 Uhr

Von Jannik Tillar
Team-working-on-laptops-in-modern-soundproof-office-cubicles-model-released-Symbolfoto-YTF04733
Raum für neue Ideen ist hilfreich. (Foto: IMAGO/Westend61)

Nur 29 von 16.200 Firmen treiben fast die Hälfte des deutschen Produktivitätswachstums. Eine Analyse zeigt, warum Mut wichtiger ist als Branche oder Größe.

Gerade einmal 0,2 Prozent der deutschen Unternehmen sind für 47 Prozent des gesamten Produktivitätswachstums in Deutschland verantwortlich. Das ergibt eine Analyse der Beratung McKinsey aus 16.200 Unternehmen – ein Querschnitt, der für gut ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts steht. Nur 29 untersuchte Unternehmen zogen die Volkswirtschaft nach vorn. Der Rest sorgte allenfalls für Stillstand oder bremste sie sogar.

Welche 29 Unternehmen die Wachstumstreiber Deutschlands sind und aus welchen Branchen sie kommen, sagt McKinsey nicht. Nur so viel: Es sind Firmen, die mit Mut statt Zögern agieren. Unternehmen, die Transformationsprozesse mutiger angingen, schnitten systematisch besser ab. Das decke sich mit dem Befund, dass das alte deutsche Geschäftsmodell – günstige Energie einkaufen, Prozesse optimieren und teure Spezialprodukte ins Ausland verkaufen – am Ende sei. Wer nur noch das Bestehende optimiere, gehe mit dem Standort Deutschland unter, der auf Optimierung und nicht auf Wachstum setze.

Die gute Nachricht steckt gleichwohl in derselben Nachricht: Wenn nur so wenige Unternehmen die deutsche Produktivität tragen, ist das Potenzial umso größer. Und offenbar scheinen viele Unternehmenslenker das Problem erkannt zu haben. In einer Befragung von 80 CxOs großer und mittelgroßer Unternehmen im Frühjahr 2026 gaben 65 Prozent an, akuten Handlungsbedarf für fundamentale, disruptive Veränderungen zu sehen – sofort oder innerhalb der nächsten zwei Jahre. Doch ob aus der Erkenntnis auch die Konsequenz folgt, ist eine ganz andere Frage.

Herausforderungen? Lösungen!

McKinsey sieht dabei vier zentrale Herausforderungen für die Firmen:

1. De-Globalisierung: Konkurrierende Blöcke, Zölle und Handelskriege machen Lieferketten instabiler.

2. Verschiebung der Leitmärkte: China wird vom Kunden zum ernsthaften Wettbewerber bei früheren deutschen Schlüsseltechnologien.

3. Kapital: Neue Wettbewerber entstehen innerhalb von Monaten, Bewertungen entkoppeln sich von klassischen Ertragskennzahlen. Dabei bleibt Kapital deutschen Mittelständlern strukturell verwehrt.

4. Künstliche Intelligenz: KI wird global betrachtet immer erwachsener, befindet sich aber in Deutschland noch zu häufig in Pilotprojekten.

Dagegen setzt McKinsey ebenfalls vier Lösungen:

1. Portfolio radikal neu ausrichten: Deutsche Unternehmen erzielen heute nur sechs Prozent ihres Umsatzes in neuen Wachstumsfeldern. Davon definiert McKinsey insgesamt 18 – von KI-Infrastruktur über Elektrifizierung bis Biotechnologie. Wer sich nicht von Geschäftsfeldern ohne strukturelle Zukunft trennt, verschwendet Ressourcen.

2. Innovationsgeschwindigkeit: Chinesische Automobilhersteller bringen neue Elektrofahrzeuge heute in 21 Monaten zur Marktreife – deutsche Hersteller brauchen dafür 48 Monate. Das liegt vor allem an steifen Organisationen und schlechter Digitalisierung.

3. Skalierung mit neuen Partnern: Bis zu einem Drittel des globalen Handels – rund 14 Billionen US-Dollar – könnte sich in den nächsten zehn Jahren auf neue Routen verlagern. Größte Profiteure dürften China und Indien werden. Doch für Deutschland könnten gerade Länder wie Vietnam, Mexiko und die Türkei an Bedeutung gewinnen.

4. Künstliche Intelligenz: Das Problem ist auch eine Lösung. Das Wertschöpfungspotenzial durch KI wird für Deutschland bis 2030 auf 486 Mrd. US-Dollar geschätzt. Die Ironie: Über 70 Prozent der deutschen Großunternehmen nutzen KI bereits, aber nur sechs Prozent schöpfen das Potenzial zu mehr als 50 Prozent aus. Rund 90 Prozent der Tests bleiben Tests, weil das Ergebnis nicht überzeugen konnte oder weil das Personal schlecht geschult war.

Gerade beim Thema KI werden die McKinsey-Autoren bei der Präsentation deutlich: Jeder investiere irgendwie in KI, aber nur wenige sehen den Wert. Jeder habe Zugang zur Technologie, aber kaum jemand generiere einen Wettbewerbsvorteil daraus. Das liege vor allem an einer Kompetenzlücke. In den USA nutzen fast acht von zehn Beschäftigten KI regelmäßig bei der Arbeit – in Deutschland sind es vier von zehn. Gerade der menschliche Faktor könnte sich im globalen Rennen also zur deutschen Achillesferse entwickeln.

Dieser Text ist zuerst bei capital.de erschienen

Quelle: ntv.de

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