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Politik

Filmstart von „Backrooms“: Verschwunden in gelben Fluren

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 17, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 17.06.2026 • 16:58 Uhr

„Backrooms“ ist ein Low-Budget-Projekt, das einen Nerv trifft. Aus einem vergilbten Internetfoto entsteht ein Horrorfilm, den schon mehr als 20 Millionen Menschen gesehen haben. Jetzt läuft er auch bei uns im Kino.

Von Barbara Geschwinde, WDR

„Backrooms“ ist der Debüt-Kinofilm des Regisseurs und YouTubers Kane Parsons, der am 18. Juni 21 Jahre alt wird. Damit gelingt ihm ein Überraschungserfolg. Der Film spielte in wenigen Wochen ein Vielfaches der Produktionskosten ein. „Backrooms“ erzählt von einem Raum hinter der Realität, der vertraut wirkt und doch fremd ist. Eine Geschichte, die Ängste vor Orientierungslosigkeit, Einsamkeit und Bedeutungslosigkeit bündelt.

Vom 4chan-Bild zur Creepypasta

Der Ursprung der „Backrooms“ liegt im Jahr 2019 auf der Plattform 4chan. In einer Rubrik mit „unheimlichen Bildern“ taucht ein Foto auf: ein fensterloser Raum mit gelbem Teppichboden, gelbstichigem Kunstlicht und schief wirkenden Wänden. Ein Nutzer kommentiert und erfindet eine Hintergrundgeschichte zum Bild: „Wer „an den falschen Stellen aus der Realität noclippt“, also durch Wände geht, lande in den „Backrooms“, in einer endlosen, nach nassem Teppich riechenden Gelbzone mit undefinierten Wesen.

Aus Bild und Kommentar wird eine sogenannte Creepypasta, also eine moderne Internet-Gruselgeschichte. Auf Reddit, TikTok und YouTube entstehen in der Corona-Zeit zahllose Varianten. Nutzerinnen und Nutzer erfinden weitere Ebenen: verlassene Schwimmbäder, leere Kaufhäuser, verstörende Kinderzimmer. Die Backrooms werden zu einem offenen Baukasten, an dem Tausende mitschreiben.

Als Influencer ist er schon ein Star, jetzt erobert Kane Parsons mit Anfang 20 auch das Kino.

2022 greift der damals 16-jährige YouTuber Kane Parsons, im Netz als Kane Pixels bekannt, die Idee auf. Er produziert eine Webserie. Die Clips gehen viral und erreichen zusammen weit über 100 Millionen Aufrufe. Das unabhängige Studio A24 bietet Parsons daraufhin die Regie für eine Kinofassung an. Da ist er gerade einmal 19 Jahre alt und dreht mit Starbesetzung.

Chiwetel Ejiofor verschwindet in einer Zwischenwelt

Im Mittelpunkt des Kinofilms steht Clark, ein Möbelverkäufer, gespielt vom britischen Schauspieler Chiwetel Ejiofor. Sein Laden „Cap’n Clark’s Ottoman Empire“ läuft schlecht, die Ehe ist zerbrochen. Er übernachtet zwischen Sofas und Sesseln. Eines Nachts flackern im Laden die Lampen. Clark folgt der Ursache in den Keller und entdeckt einen Spalt in der Wand. Dahinter beginnt eine anscheinend unendliche Welt aus gelben Fluren, Treppenhäusern und kahlen Räumen, die seiner Alltagswelt ähnelt und doch „falsch“ wirkt. Clark verschwindet in dieser Zwischenwelt. Seine Psychotherapeutin Dr. Mary Kline, gespielt von der norwegischen Schauspielerin Renate Reinsve, hält das zunächst für einen psychischen Zusammenbruch.

Als Clark nicht zur Therapiestunde erscheint, sucht sie ihn in seinem Geschäft und gelangt selbst in die Hinterräume, die Backrooms. Dort trifft sie auf Angestellte eines rätselhaften Unternehmens namens Async, auf Spuren früherer Experimente und auf monsterartige Wesen, die die Räume bewohnen. Der Film verbindet die Handlung mit Themen wie Einsamkeit, Angststörungen und unverarbeiteten Traumata. Je nach Lesart sind die Backrooms Parallelrealität, Spiegel der Gegenwart oder innere Seelenlandschaft der Figuren. Die Architektur selbst wird zur Bedrohung und zur eigentlichen Hauptfigur.

„Liminal Spaces“: Warum leere Räume so unheimlich sind

Die Bilder der Backrooms gehören zur Ästhetik der „Liminal Spaces“. Gemeint sind Übergangsräume: Hotelgänge in der Nacht, verlassene Schulflure, leere Büroetagen am Wochenende. Seelenlose Orte, die normalerweise als Durchgang dienen, aber gerade „stillgelegt“ sind. Solche Zwischenräume tauchen immer wieder im Horrorkino auf, von den endlosen Hotelfluren in Stanley Kubricks „The Shining“ bis zu den labyrinthischen Büros der Serie „Severance“. Auch „Backrooms“ spielt mit dieser Bildsprache. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer berichten, sie fühlten sich an Bürohäuser, Baumärkte oder Schulgebäude erinnert und gleichzeitig an Alpträume, aus denen es keinen Ausgang gibt.

Gen-Z-Horror, YouTube-Ästhetik und der Erfolg im Kino

Die Backrooms sind ein typisches Produkt der Gen-Z-Internetkultur. Die Geschichte ist offen, kollaborativ, ständig erweiterbar; Formate, mit denen Kane Parsons aufgewachsen ist. Er setzt im Film auf Elemente, die sein Online-Publikum kennt: gefundenes Material, Glitches, pseudo-dokumentarische Erzählweisen. „Backrooms“ richtet sich an Menschen, die mit Creepypasta-Mythen sozialisiert sind und nach Alternativen zu klassischen Horror-Reihen suchen. Der Film reiht sich ein in eine wachsende Gruppe von Produktionen, die aus der YouTube-Szene ins Kino wechseln. Wer online bereits Millionen erreicht, bringt ein fertiges Publikum mit.

Hype, Kritik und ein offenes Ende

Rund 10 Millionen US-Dollar für die Produktion stehen bei „Backrooms“ bislang weltweit eingespielten 260 Millionen Dollar gegenüber. Damit ist der Film ein Überraschungs-Megahit und Rekordbrecher. Ungewöhnlich viel für einen Horrorfilm ohne bekannte Marke. Gleichzeitig polarisiert der Film. Befürworter loben die beklemmende Atmosphäre und existenzielle Fragen, Kritikerinnen und Kritiker sehen zu viele Anleihen bei Vorbildern wie „Stranger Things“ oder „The Shining“ und bemängeln, der ursprünglich offene Fan-Mythos werde in eine klassische Hollywoodstruktur mit Heldenreise und Showdown gepresst. Ein Teil der Rätselhaftigkeit gehe verloren.

Zu ähnlich wie „Shining“? Das Publikum stört’s nicht – „Backrooms“ hat schon ein Vielfaches der Produktionskosten eingespielt.

Dass der Film trotzdem funktioniert, liegt auch daran, wie Kane Parsons seine Internetbilder ins Kino überträgt: mit klaustrophobischen Räumen, langen Fahrten durch Flure und plötzlichen Perspektivwechseln. Die Backrooms ermöglichen eine Diskussion darüber, ob YouTube den Horrorfilm gerade grundlegend verändert oder nur kurzzeitig ergänzt.

Möglicherweise ist der Film aber auch der Ausdruck einer Generation, die geprägt ist von Isolation, Krisen und dem vagen Gefühl, dass in der heute realen Welt irgendetwas nicht stimmt. Das Pendant dazu: ein Horrorfilm.

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Dr. Heinrich Krämer
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