FAQ
Die Straße von Hormus soll wieder offen sein. Doch Minen, Versicherungsfragen und Schäden an Förderanlagen stehen einer Rückkehr zum Vorkriegszustand im Weg. Was bedeutet das für den Ölmarkt, Spritpreise und die Konjunktur?
Was haben die USA und Iran für die Straße von Hormus vereinbart?
Die Passage durch die Meerenge soll ab sofort wieder möglich sein. Der Iran soll innerhalb von 30 Tagen nach Unterzeichnung der Absichtserklärung zwischen dem Land und den USA möglicherweise verlegte Seeminen in der Meerenge räumen. Das Rahmenabkommen gilt zunächst für 60 Tage – in dieser Zeit soll eine endgültige Vereinbarung getroffen werden. Zündstoff stellt allerdings eine mögliche durch Teheran erhobene Maut für den internationalen Schiffsverkehr dar. Durch die Straße von Hormus liefen vor Beginn des Iran-Kriegs rund 20 Prozent des weltweiten Energiehandels.
Wie reagieren die Reeder?
Drei unter saudi-arabischer Flagge fahrende Supertanker mit insgesamt sechs Millionen Barrel Rohöl haben heute bereits die Meerenge passiert. Die maritimen Datenanbieter Windward und Kpler berichteten von sieben bzw. 4 Frachtern, die bis zum frühen Nachmittag unterwegs durch die Meerenge seien. Einzelne Reedereien bereiten ihre Schiffe auf eine Durchfahrt vor – viele zögern jedoch noch. Der internationale Schifffahrtsverband Bimco bewertet die Sicherheitslage in der Straße von Hormus weiter als instabil, eine Durchfahrt sei nach wie vor sehr riskant.
„Wir werden erst dann handeln und durch die Straße von Hormus fahren, wenn wir zu 100 Prozent davon überzeugt sind, dass es sicher ist“, sagte Alexander Saverys, Chef der auf Öltransporte spezialisierten Reederei CMB Tech, der Financial Times.
Nach Angaben des internationalen Schifffahrtsverbands warten rund 500 Handelsschiffe im Persischen Golf auf eine Weiterfahrt. Dem Verband Deutscher Reeder zufolge sitzen noch 46 Schiffe deutscher Reedereien mit rund 1.000 Seeleuten im Persischen Golf fest.
Warum zögern die Reeder noch mit der Durchfahrt?
Das größte unmittelbare Risiko sind Minen – die US-Regierung und viele Experten gehen davon aus, dass der Iran die Straße von Hormus teilweise vermint hat. Daher ist zunächst ein Einsatz zur Minenräumung nötig, für den unter anderem europäische Staaten schon Vorbereitungen getroffen haben.
Erst nach einer vollständigen Räumung dürften Versicherer bereit sein, die Schiffspassagen zu besseren Konditionen zu versichern. Entscheidend ist dabei der Preis: Ohne eine bezahlbare Versicherung werden viele Reeder die Route trotz der politischen Einigung meiden.
Wann fahren wieder mehr Schiffe durch die Straße von Hormus?
Das hängt stark davon ab, wie lange es dauern wird, die Seeeminen zu entfernen. Laut Amena Bakr vom Analysehaus Kpler könnte das bis zu sechs Monate in Anspruch nehmen. Andere Fachleute sind deutlich optimistischer: Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte maritime Sicherheitsexperten rechnen eher mit 40 bis 50 Tagen. Bis dahin dürften wohl nur wenige eskortierte Konvois die Meerenge in einer schmalen Fahrrinne passieren.
Wann normalisieren sich die Ölexporte?
Experten rechnen nicht mit einer schnellen Rückkehr zum Vorkriegsniveau. Volkswirte von Capital Economics – eines der weltweit führenden unabhängigen Wirtschaftsforschungsunternehmen – schätzen, dass die Energieströme bis Ende September rund 80 Prozent des Vorkriegsniveaus erreichen werden. Shell-Chef Wael Sawan zufolge könnte es bis zu einem Jahr oder länger dauern, bis sich der Energiemarkt wieder vollständig eingependelt hat. Und das alles unter der Voraussetzung, dass der Frieden hält und ein echtes, umfassendes Abkommen auf die vorläufige Einigung folgt.
Warum dauert das so lange?
Jenseits der Frage möglicher Minen in der Straße von Hormus müssen die im Persischen Golf gestrandeten Schiffe erst einmal alle passieren, Schiffe und Personal aus anderen Teilen der Welt müssen umgeleitet werden. Hinzu kommen die massiven Schäden an Infrastruktur und Produktionsanlagen. Selbst die Wiederinbetriebnahme nicht beschädigter Produktionsanlagen könnte sich nach Monaten der Stilllegung äußerst schwierig und daher schleppend gestalten, warnt der Öldienstleister Halliburton.
Warum fallen die Ölpreise trotzdem jetzt schon?
Die Märkte handeln nicht nur die aktuelle Versorgungslage, sondern vor allem die Erwartung künftiger Lieferungen. Die vereinbarte Öffnung der Straße von Hormus ließ den Brent-Ölpreis heute auf rund 77 Dollar je Barrel und damit auf den niedrigsten Stand seit Anfang März fallen.
Während des Krieges war Brent zeitweise auf mehr als 120 Dollar gestiegen. Der Höchststand blieb damit aber deutlich unter dem Rekord von 147 Dollar aus dem Jahr 2008 – inflationsbereinigt entspräche dieser heute sogar etwa 227 Dollar.
Werden Benzin und Diesel an der Tankstelle jetzt schnell billiger?
Die Kraftstoffpreise sind bereits in Richtung Vorkriegsniveau gesunken. Nach Angaben des ADAC verbilligte sich Diesel innerhalb einer Woche um 9,1 Cent auf durchschnittlich 1,797 Euro je Liter. Super E10 kostete im Mittel 1,854 Euro und damit 5,2 Cent weniger. Die Preise lagen damit auf dem niedrigsten Stand seit Anfang März. Allerdings gilt aktuell noch der befristete Tankrabatt in Deutschland, der Ende Juni ausläuft.
Was bedeutet das für die deutsche Wirtschaft?
Sinkende Energiepreise könnten die Inflation dämpfen, die Kaufkraft der Haushalte stärken und Unternehmen entlasten. Der Ökonom Sebastian Dullien von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung sagte, ohne weitere Energiepreis-Sprünge sei in Deutschland im Gesamtjahr eine Inflationsrate von 2,5 Prozent realistisch.
Allerdings bleibt selbst bei einer gewissen geopolitischen Entspannung der konjunkturelle Gegenwind groß. Passend dazu hat das ifo-Institut heute seine Wachstumsprognose für 2027 gesenkt: Wegen der Folgen des Iran-Kriegs dürfte das Bruttoinlandsprodukt nur noch um 0,8 Prozent steigen – und damit nicht wie noch im März erwartet um 1,2 Prozent.
Experten sind sich einig: Das geopolitische Risiko ist weiter hoch, die Verhandlungen zwischen den USA und Iran könnten jederzeit scheitern. Von einer nachhaltigen Entlastung ist die deutsche Wirtschaft damit noch weit entfernt.

