Aussichten fürs dritte Quartal Führt der KI-Boom zur großen Korrektur?
Die Euphorie bei künstlicher Intelligenz kennt offenbar keine Grenzen. Die Anleger ignorieren dagegen weitgehend andere Themen, wie den hohen Ölpreis und die gestiegene Inflation. ntv.de hat mit vier Experten diskutiert, wie stabil die Lage an den Finanzmärkten ist.
ntv.de: Die KI-Firmen OpenAI und Anthropic planen milliardenschwere Börsengänge. Alphabet und Meta wollen Dutzende Milliarden Dollar für den Ausbau ihrer KI-Rechenzentren einsammeln. Überfordert dieser enorme Kapitalbedarf nicht langsam die Finanzmärkte?
Nietho Bruhn: Nach unserer Ansicht nicht. Auch wenn dies Größenordnungen sind, die vor wenigen Jahren noch schwer vorstellbar waren, stellen sich die Kapitalmärkte darauf ein.
Zuvor war er bei der Bethmann Bank für die Begleitung vermögender
Privatpersonen und Unternehmen verantwortlich.
Michael Wittek: Liquidität ist ausreichend vorhanden. Solange die Börsianer positiv bleiben, besteht keine große Gefahr.
Reinhard Pfingsten: Die wenigen großen Listings könnten dieses Jahr mehr Kapital aufnehmen als der gesamte US‑IPO‑Markt 2025. Eine Überforderung sehen wir jedoch nicht, zumal der platzierte Free Flow dann doch relativ klein ist. Zudem erwarten wir eine Umverteilung aus anderen Bereichen in das KI-Segment hinein.
Marco Rumpf: Die Finanzmärkte sind dafür gemacht, Kapital in die produktivsten Bereiche zu lenken. Gefährlich wird es erst, wenn aus den Milliarden für Rechenzentren keine Milliarden an Erträgen werden.
Vor kurzem hat eine positive Äußerung von Nvidia-CEO Jensen Huang über den Chip-Entwickler Marvell dessen Aktien um rund 20 Prozent nach oben getrieben. Sind das nicht Symptome einer Blase?
Wittek: Wenn wir wirklich in einer Blase wären, würden wir dort am Anfang oder mittendrin sein. Die Bewertungen waren zur Dot.com-Blase deutlich höher.
Rumpf: Die entscheidende Frage ist, ob Geschäft entsteht. Bei Marvell ist das der Fall: Der Umsatz stieg im ersten Quartal um 63 Prozent auf 1,9 Milliarden Dollar, getrieben durch KI-Nachfrage im Datacenter-Geschäft.
Bruhn: Solange es gelingt, dass die sehr hohen Wachstumserwartungen erfüllt werden, sind auch entsprechende Kurssteigerungen nachvollziehbar. Anleger sollten jedoch berücksichtigen, dass es auch mal entsprechend scharfe Gegenbewegungen geben kann, sollten die hohen Erwartungen nicht erfüllt werden.
Unbestritten sorgt KI für enorme Produktivitätsgewinne, zum Beispiel bei der Software-Entwicklung oder im Kundendienst. KI kostet jedoch auch enorme Mengen an Geld. Überwiegen die Chancen oder die Risiken?
Pfingsten: Ob die hohen Investitionskosten Früchte tragen, wird sich final vermutlich erst in einigen Jahren beurteilen lassen. Aber derzeit stufen wir die Chancen höher als die Risiken ein. Je nach Industriesektor kann die Produktivität gesteigert werden, neue Geschäftsmodelle werden sich etablieren und wer als Arbeitnehmer das Werkzeug KI richtig einsetzt, kann damit seine Leistungsfähigkeit steigern. Ich bin jedoch auch fest der Meinung, dass es Menschen geben wird, die mehr verlieren als gewinnen werden.
Bruhn: Das sehe ich ähnlich. Nach unserer Einschätzung überwiegen eindeutig die Chancen.
Rumpf: KI ist in vielen Bereichen längst aus der Spielzeugecke raus. Wer mit Entwicklern, Researchern oder Serviceeinheiten spricht, merkt: Das ist nicht mehr „nice to have“, sondern wird operativer Standard.
Wittek: Und KI wird vielen Unternehmen zu massiven Kosteneinsparungen verhelfen.
Aktien mit KI-Fantasie steigen, der Bitcoin fällt. Eigentlich gilt die Kryptowährung als Technologie-Investment. Wie passt das zusammen?
Rumpf: KI verkauft Produktivität. Dahinter stehen Umsätze, Budgets, Cloud-Verträge, Softwareentwicklung, Automatisierung und künftig Cashflows. Bitcoin verkauft vor allem Knappheit, Vertrauen und Liquidität.
Bruhn: Wir betrachten die Anlageklassen Kryptowährungen und Aktien getrennt.
Pfingsten: Ich sehe in den gegenläufigen Entwicklungen keinen Widerspruch, da wir Kryptowährungen immer als Wette eingestuft haben. Ich würde es eher so beschreiben, dass das Geld von „abstrakten Tech-Wetten“ (Bitcoin) zu „konkreten Ertragsmaschinen“ (KI-Unternehmen) fließt.
Andere Themen spielen an den Finanzmärkten dagegen derzeit kaum eine Rolle – zum Beispiel der zeitweise hohe Ölpreis. Unterschätzen die Anleger die entsprechenden Risiken?
Wittek: Die Anleger setzen darauf, dass sich die Lage im Nahen Osten mittelfristig entspannt.
Pfingsten: Viele Investoren gehen davon aus, dass der Ölpreisanstieg ein temporärer Schock ist und danach wieder das immer noch vorhandene Wirtschaftswachstum im Vordergrund steht. Dies ist auch unsere Meinung.
Bruhn: In der Breite überwiegt nach wie vor die Hoffnung, dass der Iran-Konflikt absehbar über einen (faulen) Kompromiss beigelegt wird und sich damit die Ölpreise wieder normalisieren. Damit dürfte über die kommenden Monate dann auch die Inflation wieder sinken.
Zuletzt ist die Inflation jedoch aufgrund der höheren Öl- und Gaspreise gestiegen. Wie groß ist noch der Spielraum der amerikanischen Notenbank Fed für Zinssenkungen?
Rumpf: Wir glauben, dass die Fed derzeit erheblichen Spielraum für Zinssenkungen hat, da die zugrunde liegende Inflation im Kern bereits bei etwa 1,2 bis 1,3 Prozent liegt und der jüngste Preisdruck bei Energie lediglich ein vorübergehender Schock ist.
Pfingsten: Wir sind da etwas weniger optimistisch und stufen den Spielraum der US‑Notenbank für Zinssenkungen als begrenzt ein. Aber er ist noch vorhanden. Konkret rechnen wir damit, dass es im Dezember 2026 sowie im März 2027 noch zwei Zinssenkungen um jeweils 0,25 Prozentpunkte gibt.
Wittek: Da bin ich anderer Meinung. Die Fed hat derzeit überhaupt keinen Spielraum.
Mit der Inflation sind auch die Zinsen gestiegen. Zehnjährige US-Staatsanleihen bieten eine Rendite von rund 4,5 Prozent. Sind sie damit für Anleger attraktiv oder stellen sie ein Risiko für die Aktienmärkte dar?
Bruhn: Mit der politischen Unberechenbarkeit von US-Präsident Donald Trump und der künftigen Entwicklung des US-Dollars gegenüber anderen Währungen gibt es zwei Einflussfaktoren, die nicht zu vernachlässigen sind und die die Attraktivität von US-Staatsanleihen in Frage stellen.
Wittek: Ich halte es für möglich, dass Aktien und Renditen parallel ansteigen, solange der Investitionsboom anhält.
Rumpf: Wir glauben, dass die aktuelle Rendite von etwa 4,5 Prozent kein strukturelles Risiko für die Aktienmärkte darstellt, sondern vielmehr signalisiert, dass der Anleihemarkt unsere Einschätzung sinkender Inflationsraten teilt.
Eigentlich ist es doch eher ungewöhnlich, dass die Zinsen und die Aktienmärkte gleichzeitig steigen?
Pfingsten: Ja, das ist ungewöhnlich, weil höhere Zinsen normalerweise eine Bremse für Aktien sind. Im Moment funktioniert das nur, weil außergewöhnlich starke Wachstumserwartungen – vor allem durch KI – dagegenhalten. Dauerhaft ist diese Kombination aber selten – früher oder später setzt sich meist einer der beiden Faktoren durch.
Wittek: Solange die Renditen nicht schlagartig steigen, kann dieser Zustand jedoch noch anhalten.
Bruhn: Auch überwiegt weiterhin die Hoffnung, dass sich der Zinsanstieg – maßgeblich durch die Folgen des Iran-Krieges befeuert – mit einer Beruhigung des Konfliktes schnell wieder erledigen wird, soweit sich die Inflation wieder beruhigt.
Die Wall Street notiert gemessen am S&P 500 auf Rekordniveau. Dasselbe gilt allerdings auch für die Bewertungen. Sind die amerikanischen Aktienmärkte reif für eine Korrektur?
Rumpf: Wir halten die Korrekturangst bei US-Aktien für übertrieben. Der Markt ist teuer, klar. Entscheidend ist aus unserer Sicht jedoch, ob die Unternehmen in diese Bewertungen hineinwachsen. Genau dafür gibt es aktuell gute Argumente. KI und Automatisierung sorgen für mehr Wachstum, höhere Produktivität und bessere Margen.
Pfingsten: Das Gewinnwachstum der US-Unternehmen war im ersten Quartal 2026 außergewöhnlich hoch und dies nicht nur wegen der Technologie-Werte. Das Kurspotenzial für die zweite Jahreshälfte stufen wir aufgrund des bereits erreichten Bewertungsniveaus jedoch als moderat ein, so dass wir derzeit eine neutrale Positionierung des US-Aktienmarktes vertreten.
Bruhn: Bisher konnten viele Technologieunternehmen, die aufgrund ihrer hohen Gewichtung maßgeblich für die aktuellen Höchststände sind, die sehr hohen in sie gesteckten Wachstumserwartungen weitestgehend erfüllen. Falls das nicht der Fall sein sollte, könnte eine scharfe Korrektur die Folge sein. Mittelfristig könnte der Weg zu weiteren Höchstständen aber intakt bleiben.
Wittek: Die Bewertungen sind zwar hoch. Nur sind sie das bereits ziemlich lange. Das allein löst offensichtlich keine Korrektur aus.
Sind andere Regionen nicht attraktiver – zum Beispiel Europa oder die Schwellenländer?
Wittek: Gerade die Schwellenländer sehen wir als sehr interessant an. Sie haben das Potenzial, sowohl stärker als die USA als auch Europa zu laufen.
Rumpf: Außerhalb USA finden wir vor allem Teile Asiens interessant – insbesondere Japan, Korea und Taiwan. Dort trifft teilweise günstigere Bewertung auf starke industrielle Positionierung, etwa bei Halbleitern, Automatisierung und Technologiezulieferern.
Pfingsten: Die Schwellenländer bleiben aus unserer Sicht die attraktivste Aktienregion, da sie von einer soliden Wachstumsdynamik, einer attraktiven Bewertung und einer überzeugenden Gewinnentwicklung getragen werden.
Normalerweise gilt Gold als Schutz gegen Inflation und geopolitische Risiken. Seit dem Beginn des Iran-Kriegs fällt jedoch der Preis für das Edelmetall. Wie erklären Sie sich das?
Bruhn: Bei dieser Betrachtung sollte berücksichtigt werden, dass der Goldpreis in den vergangenen fünf Jahren um knapp 150 Prozent angestiegen ist, so dass Gewinnmitnahmen für den jüngsten Rückgang ausschlaggebend sind.
Wittek: Der Wind hat kurzfristig gedreht. Einige Staaten mussten Gold verkaufen, um Geld für die Verteidigung freizumachen. Andere um ihre eigene Währung zu stabilisieren. Wir sehen Gold jedoch weiterhin als wertvollen Bestandteil im Portfolio an.
Rumpf: Gold bleibt eine Absicherung. Der Markt preist aktuell aber eher einen Produktivitätsboom als Panik ein.
Pfingsten: Außerdem verläuft die Korrektur geordnet und wird von stabiler Nachfrage gestützt. Insgesamt sehen wir darin eine Konsolidierung innerhalb eines intakten Aufwärtstrends. Langfristige Faktoren wie die hohe US-Staatsverschuldung und die Fragmentierung der Weltwirtschaft sprechen weiter für die strategische Bedeutung von Gold.
Wie sollten sich Anleger in diesem Umfeld positionieren?
Pfingsten: Die Kapitalmärkte bleiben durch geopolitische Spannungen und steigende Energiepreise geprägt, zeigen sich jedoch dank solider Unternehmensgewinne bemerkenswert widerstandsfähig. Vor diesem Hintergrund halten wir an einer insgesamt neutralen Aktienpositionierung fest. An den Rentenmärkten sorgt der inflationsbedingte Renditeanstieg für Gegenwind.
Rumpf: Bei Aktien zählen Umsatzwachstum, Margen, Cashflows und die Frage, welche Erwartungen im heutigen Kurs schon enthalten sind. Ergänzend sehen wir Bitcoin auf den aktuellen Niveaus wieder als interessanten Baustein mit attraktivem Chance-Risiko-Profil. Ausgewählte Krypto-Projekte bleiben spannend, gehören aber klar in den risikoreicheren Teil des Portfolios. Gold und Anleihen runden das Bild ab: Gold als Vertrauensschutz, Anleihen wieder als Ertragsanker.
Bruhn: Wir raten, aufgrund der anhaltenden geopolitischen Unsicherheiten, nicht voll investiert zu sein. Anleger sollten eine höhere Quote Barmittel halten, um bei möglichen Korrekturen preiswerter nachkaufen zu können.
Wittek: Wir favorisieren eine breit aufgestellte Vermögensallokation aus Aktien, Anleihen, Gold und möglicherweise auch marktneutralen Investment-Stilen.
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