Tausende Stellen bedrohtSo schlecht geht es der deutschen Stahlindustrie

Die deutschen Stahlkocher produzieren immer weniger. Thyssenkrupp will deshalb 40 Prozent seiner Arbeitsplätze abbauen. Zahlen zeigen das Ausmaß der Krise.
Die deutsche Stahlindustrie steckt in einer tiefen Krise und erreicht Jahr um Jahr neue Tiefstände. 2025 produzierte sie lediglich 34,1 Millionen Tonnen Rohstahl. Die Produktion ist so niedrig wie in den Jahren 2009 und 2020, als durch die Finanz- und die Corona-Krise historische Tiefstände erreicht wurden.
Stahlarbeiter bangen um ihre Arbeitsplätze. Unter dem Motto „Stahl hat Zukunft“ zogen sie vergangene Woche in Berlin vom Brandenburger Tor zum Bundeswirtschaftsministerium, um auf die Krise aufmerksam zu machen. Ein Überblick, was die Zahlen sagen:
Seit 1960 befindet sich die Rohstahlproduktion im Niedergang. Ein Zehnjahresvergleich zeigt das deutlich: 2015 betrug die Produktion laut Wirtschaftsvereinigung Stahl noch 42,6 Millionen Tonnen Rohstahl und damit 20 Prozent mehr als im vergangenen Jahr.
Europaweit liegen die hiesigen Unternehmen zwar weiterhin mit Abstand vorn, gefolgt von Italien mit 20,7 Millionen Tonnen produziertem Rohstahl. Auf dem internationalen Markt befindet sich Deutschland inzwischen aber lediglich auf Platz 8.
Branchenvertreter machen vor allem zwei Gründe für den Rückgang verantwortlich: die schwache Nachfrage aus der kriselnden Autoindustrie und den internationalen Wettbewerbsdruck. Zum Vergleich: China auf Platz 1 produzierte 2025 rund 960,8 Millionen Tonnen Rohstahl. Obwohl sich die Produktion wegen ihrer Wirtschaftskrise rückläufig entwickelt, produzierte die Volksrepublik ganze 8,2 Prozent mehr als alle anderen Staaten zusammengerechnet. Nur mit Deutschland verglichen ist das etwa 28 Mal so viel.
Deutsche Stahlkonzerne kritisieren, die Volksrepublik überschwemme den europäischen Markt gezielt mit billigem Stahl. Die EU-Kommission hat inzwischen reagiert und beschlossen, zollfreie Stahl-Importe europaweit zu halbieren. Darüber hinaus gehende Mengen sollen mit 50 Prozent strafverzollt werden, um die eigene Industrie zu schützen.
Die Beschäftigten in der Stahlproduktion spüren den Rückgang unmittelbar. Der Zehnjahresvergleich zeigt, dass die Beschäftigungszahl um ein Fünftel zurückgegangen ist: 2015 waren laut Statistisches Bundesamt hierzulande noch etwa 97.000 Menschen direkt in der Stahlindustrie beschäftigt, 2025 nur noch knapp 80.000. Ein Ende des Beschäftigtenrückgangs ist nicht in Sicht: Um wettbewerbsfähig zu bleiben, sollen viele Werke für die grüne Stahlproduktion umgebaut und verkleinert werden.
Thyssenkrupp Steel zeigt das exemplarisch. Der Konzern wird vor allem im Ruhrgebiet als Rückgrat der deutschen Montanindustrie betrachtet und ist Deutschlands größter Arbeitgeber in der Stahlindustrie. Allein im Duisburger Hüttenwerk arbeiten mehr als 13.500 Menschen.
Wegen des weltweiten Nachfrageeinbruchs hat der Konzern einen harten Sanierungsplan beschlossen und will 11.000 von 27.000 Stellen bis Herbst 2030 streichen. Zudem soll die jährliche Stahlproduktion von bisher 11,5 Millionen Tonnen auf 8,7 bis 9,0 Millionen Tonnen beschränkt werden. Gut 40 Prozent aller Mitarbeiter sind von den Plänen betroffen und kämpfen dagegen.
Branchenvertreter beklagen zudem hohe Strompreise, von denen sie nach dem geplanten Umbau zur umweltfreundlicheren, wasserstoffbasierten Stahlproduktion abhängig sein werden. Laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft kostete der dafür benötigte Strom hier zuletzt 16,7 Cent pro Kilowattstunde – deutlich mehr als in China, wo die Industrie dank massiver Subventionen nur bis zu 9 Cent zahlte.
Die Bundesregierung hat zwar einen Industriestrompreis eingeführt, doch Stahlunternehmen wie Salzgitter und auch der Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie (BDG) halten ihn für unzureichend: Er sei befristet, stehe unter Finanzierungsvorbehalt und wirke nur „homöopathisch“.
