Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gewinnt das verflixte zweite WM-Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste. Für die DFB-Elf ist es aber ein gewaltiger Kraftakt, an dessen Ende eine „andere Mannschaft“ steht.
Plötzlich ist Julian Nagelsmann fast gar nicht mehr zu halten. Was war der Bundestrainer die gesamte Partie über in seiner Coaching-Zone aktiv: Nagelsmann spielte dem vierten Offiziellen Khalid Saleh Al-Turais entscheidende Spielszenen nach. Er hopste, ließ sein Gesicht in seine Hände fallen, brüllte, schimpfte auf den Unparteiischen aus Saudi-Arabien ein. Irgendwann verbrachte Al-Turais seine Zeit nur noch vor der deutschen Auswechselbank.
Doch in der 80. Minute war dann alles zu viel. Dabei war es nur eine harmlose Szene: Kai Havertz verlor direkt vor den Augen des Bundestrainers ein Sprintduell gegen Wilfried Singo aus der Elfenbeinküste. Der erfahrene Verteidiger ließ sich daraufhin fallen, bat um Behandlung. Nagelsmann durchschaute die Szene sofort: Natürlich war das ein klassisches Beispiel für Zeitspiel. Schließlich jagte die DFB-Elf nach dem Ausgleich zum 1:1 noch den Siegtreffer.
Edel-Joker Undav schießt DFB-Elf in die K.-o.-Runde
Und plötzlich fing Nagelsmann zufällig den Ball aus dem unterbrochenen Spiel. Auf der Tribüne dachte man für einen Sekundenbruchteil: Bei allen Emotionen, aber er wird doch nicht? Oder? Natürlich nicht. Der aufgebrachte Bundestrainer pfefferte niemandem den Ball an den Kopf – weder dem Verteidiger aus der Elfenbeinküste, noch Referee Al-Turais, der den nicht beneidenswerten Job hatte, die interessante Entscheidungsfindung seines Chefs auf dem Feld, Juan Gabriel Benitez, zu erklären, noch dem Verteidiger aus der Elfenbeinküste.
Heimspiel auf fremdem Kontinent
Die Emotionen, die Anspannung: Die Szene in der 80. Minute war sinnbildlich für das, was sich davor und danach im WM-Stadion von Toronto ereignet hat. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gewinnt ihr zweites Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste mit 2:1. Die kanadische Stadt war schon am Mittag komplett durchflutet von Deutschland-Trikots. Zum geplanten Fanmarsch kam das sechsfache der erwarteten Fans – nämlich 12.000.
All das setzte sich dann im Stadion fort: Für die DFB-Elf war es ein Heimspiel, fast 1600 Kilometer von zu Hause entfernt. Das kleinste Stadion der größten Weltmeisterschaft aller Zeiten war bis hinauf auf die provisorische Tribüne mit weißen, blauen und pinken Trikots gefüllt. Nur vereinzelt zeigten sich Grüppchen, die sich der Elfenbeinküste zuordnen ließen. Schätzungsweise 35.000 der 43.036 Menschen drückten der Nagelsmannschaft die Daumen.
Und klar, die wollten ihr Team siegen sehen. Nur machte es das Team von Bundestrainer Nagelsmann bis beinahe zur letzten Sekunde spannend. Die DFB-Elf fand nur schwer in das verflixte zweite WM-Gruppenspiel, das schon ein historisch gewachsener Stolperstein ist. Oft konnte die deutsche Nationalelf das nicht gewinnen. Auch diesmal war es ein kniffliger Akt.
Nagelsmann beschrieb selbst im Anschluss, dann übrigens wieder entspannt und gelöst, dass die ersten fünf Minuten seines Teams nicht sonderlich stark waren. Die DFB-Elf wirkte nervös. Bis zur Mitte der ersten Hälfte: Beinahe beruhigte ein Kopfballtor von Nico Schlotterbeck die angespannten Nerven. Wie schon beim 1:1 gegen Curacao wirkte die Aktion sehr einstudiert.
Doch obwohl Nagelsmann die Szene dem vierten Offiziellen an der Seitenlinie gestenreich erklärte: Der Treffer zählte nicht. Schlotterbeck erwischte bei seinem Kopfball nicht nur das Spielgerät, sondern auch noch Torwart Yahia Fofana. Schiedsrichter Benitez nahm den Treffer zurück, die deutsche Auswechselbank tobte nicht zum letzten Mal.
Kopfschütteln bei der Bank
Stattdessen wiederholte sich erneut eine Curacao-Szenario: Mitten in einer starken Phase kassierte die DFB-Elf das Gegentor. Und wie: Es war Yan Diomande, mit dem Joshua Kimmich den überwiegenden Teil seiner Arbeitszeit beschäftigt war. Der (Noch-)Leipziger Flügelflitzer machte exakt das, wovor der DFB-Kapitän unter der Woche gewarnt hatte: Er blieb beim Dribbling stehen – und nahm blitzschnell wieder Tempo auf. Kimmich kam beim Stop-and-Go nicht hinterher. Diomande konnte frei flanken, Frank Kessié in der Mitte vollenden.
Die deutsche Mannschaft fiel jedoch nicht in eine Schockstarre. Nagelsmann konnte an der Seitenlinie nach gleich mehreren vielversprechenden Möglichkeiten das Gesicht kopfschüttelnd in die Hände legen. Etwa kurz vor der Pause: Eine Wahnsinnskombination aus Florian Wirtz, Leroy Sané und Nmecha an der Strafraumkante der Elfenbeinküste konnte Wirtz nicht verwandeln, weil er zu lange mit dem Abschluss wartete.
So lief die Partie weiter: bis der Bundestrainer die Dinge mit einem Dreifachwechsel nach einer Stunde in die eigene Hand nahm. Das Publikum forderte lautstark „Deniz Undav“ – und Nagelsmann lieferte. Jamie Leweling, Undav und vor allem Nadiem Amiri belebten das deutsche Spiel. Zwei der drei leiteten dann den Ausgleichstreffer ein: Undav auf Amiri, der flankte aus dem Halbfeld auf Undav – und der vollendete direkt zum 1:1.
Das DFB-Team drückte darauf hin, erspielte sich Chance um Chance. Diomande, der Kimmich noch in der ersten Hälfte vor arge Probleme stellte, zeigte seine Konter-Fähigkeiten nur noch im Ansatz. Und kurz nachdem Mats Hummels in der Nachspielzeit die Pressetribüne verlassen hatte, um als Magenta-Experte an der Seitenlinie zu stehen, passierte es. Kurzer Augenkontakt, dann schickte Nmecha mit einem Steckpass Undav auf die Reise. Der Stuttgarter bestätigte seine starke Form mit dem zweiten Tor.
„Eine andere Mannschaft“
Die Stahltribünen vibrierten, das Stadion eskalierte, Nagelsmann lief brüllend schnurstracks auf Undav zu: Der DFB-WM-Zug nahm wieder Fahrt auf. Die ganze Aufregung hatte sich gelohnt, das befanden die Protagonisten des Abends. Der eingewechselte Amiri lobte die „Riesenmentalität“ seiner Kollegen. „Die 90 Minuten heute haben das gezeigt, dass jetzt hier eine andere Mannschaft spielt“, sagte er. Eine Mannschaft, die Zusammenhalt und Mentalität habe. Tatsächlich waren das Dinge, die unter Löw-Flick-Jahren verschüttgegangen waren – und Nagelsmann erst zurückbrachte.
Die Frage ist, ob das reicht, um eine erfolgreiche Weltmeisterschaft zu spielen. Denn auch, wenn am Ende ein Sieg steht, ist es nicht so, dass alle Zweifel ausgeräumt sind. Vor allem Kimmich könnte in seiner Abwehr/Mittelfeld-Doppelrolle im weiteren Turnierverlauf ein Problem sein: Ein starker Flügelstürmer wie Diomande zwingt ihn zum konstanten Verteidigen, dadurch fehlt er im Aufbau. Für die DFB-Elf ist das ein gewaltiges Problem.
Und da ist noch die heikle Undav-Frage: Soll der beste Scorer des bisherigen Turniers wirklich nur ein Einwechselspieler sein? Nagelsmann hat schon im März relativ unsanft deutlich gemacht, dass er ihn exakt dort sieht. In Toronto räumt der Bundestrainer immerhin ein, dass es mittlerweile beide Varianten gibt: Dass Undav startet oder erst von der Bank kommt. Beide Varianten haben Vor- und Nachteile. Schließlich trifft er als Einwechselspieler immer schon auf müde Abwehrreihen.
Spielen Sie bald von Anfang an, Herr Undav?

Während Nagelsmann darüber im Pressesaal laut nachdachte, stand Undav wenige Meter entfernt vor den wartenden Journalistinnen und Journalisten. Die „Man of the Match“-Trophäe in der Hand erklärte er, dass das die Entscheidung des Bundestrainers sei. Er versuche nur, seinen Job zu machen. „Und es ist auch wichtig, dass jeder sieht, dass auch Spieler von der Bank die Spiele entscheiden können.“
Das haben er und seine DFB-Kollegen tatsächlich gemacht. Vielleicht ist die Erkenntnis eines solchen Spiels eine andere. Solch ein „emotionaler“ Sieg kann viel bewegen, gerade in einem Turnier, wenn es darum geht, einen Teamgeist zu entwickeln. Selbst den degradierten Oliver Baumann konnte man beim inhaltlichen Plausch mit Manuel Neuer sehen. Nagelsmann bekam von seiner Mannschaft das Gefühl, dass jeder „on fire“ sei. Seine Jungs hätten „alles investiert“. Schließlich lebt er das auch vor.
Verwendete Quelle: ntv.de
