Weltspiegel
Zehn Jahre nach dem Referendum diskutiert das Vereinigte Königreich offen wie lange nicht über die Folgen des Brexit. Vor allem junge Briten zieht es zurück in die EU: Mehr als 80 Prozent der Unter-25-Jährigen wollen den Exit vom Brexit.
Die 24 Jahre alte Ceira Casey Sergeant trainiert in Liverpool seit Wochen fast täglich für ihr Ziel, zu Fuß nach Brüssel zu laufen. Ihre Mission: Der Wiedereintritt in die EU. Denn sie hat den Brexit satt.
An den Morgen nach dem Referendum erinnert sie sich genau: „Meine Mutter hatte mich geweckt. Sie konnte es nicht glauben und sagte: Ceira, wach auf. Und in der Schule gab es keinen normalen Unterricht. Stattdessen haben wir darüber gesprochen, was passiert ist.“
Ihre Mutter sei leidenschaftliche Brexit-Gegnerin gewesen. „Als Krankenschwester wusste sie, wie wichtig Ärzte- und Pflegepersonal aus EU-Ländern für den nationalen Gesundheitsdienst NHS waren“, sagt Sergeant. Vor rund einem Jahr starb ihre Mutter an einer schweren Krankheit. Jetzt führt Ceira Sergeant ihr Vermächtnis fort.
Zusammen mit ihren Mitstreitern Peter Corr und dessen Frau Claire hat Sergeant die Route für den Protestmarsch geplant: von London über Dover nach Brüssel vor das EU-Parlament. Rund 14 Tage lang, etwa 25 Kilometer am Tag.
Die junge Britin Ceira Casey Sergeant fordert den Wiedereintritt des Vereinigten Königreichs in die EU.
Versprechungen, die sich ins Gegenteil kehrten
„Es ist einfach ungerecht, dass ich selbst nicht wählen konnte, aber ich mache mir auch Sorgen um die vielen Menschen, die viel stärker betroffen sind als ich“, sagt Sergeant. „Meine Mutter hätte gewollt, dass wir weiterkämpfen.“ Sergeant liegt das Gesundheitssystem am Herzen, sie will selbst Kinderkrankenschwester werden.
Vor dem Referendum versprachen die Brexit-Befürworter immer wieder, dass mit einem EU-Austritt dem staatlichen Gesundheitsdienst pro Woche 350 Millionen Pfund mehr zur Verfügung stünden. Wahr geworden ist das nicht.
Stattdessen hat der Brexit den Druck auf den ohnehin kriselnden NHS weiter erhöht. Es gibt viel weniger Personal aus EU-Ländern, viele Krankenhäuser sind überlastet. Wichtige Medikamente, etwa für die Behandlung von Krebs, sind teurer geworden, und internationale Forschungskooperationen haben gelitten.
Brexit vor allem Entscheidung der Älteren
Das Brexit-Votum war 2016 vor allem eine Entscheidung, die die Älteren trafen. Zahlen des Umfrageinstituts Lord Ashcroft direkt nach dem Referendum zeigten: je älter die Wähler, desto größer die Mehrheit für den Brexit. Bei den Über-45-Jährigen stimmte eine knappe Mehrheit für den Austritt. Bei den Über-65-Jährigen waren es schon 60 Prozent. Viele jüngere Briten nutzten außerdem ihre Stimme nicht.
Die ganz Jungen, wie Ceira Sergeant, mussten mit der Entscheidung leben – die seitdem ihr Leben beeinflusst. Vor allem die Wirtschaft schwächelt: Ohne den Austritt wäre die britische Wirtschaftsleistung um bis zu sechs bis acht Prozent höher gewesen, so eine Studie der Universität Stanford.
Das belastet gerade jüngere Briten, denn sie haben mit steigenden Lebenshaltungskosten, teurem Wohnen und wenigen, oft schlecht bezahlten Einstiegsjobs zu kämpfen. Viele betrachten einen EU-Beitritt als Lösung.
Green Party offen für Wiedereintritt
Es sei höchste Zeit, die Jüngeren im Land ernst zu nehmen, findet der 20-jährige Dylan Law aus London. Um seiner Generation eine Stimme zu geben, engagiert er sich in der Lokalpolitik für die Green Party, die dem Rechtsruck im Land Linkspopulismus entgegensetzen will.
Sein Parteichef Zack Polanski, der bei vielen jüngeren Briten eine Art Politpopstar ist, wettert gegen die große Schere zwischen Arm und Reich, will eine Reichensteuer – und ist offen für einen Wiedereintritt in die EU. Der sei ein Desaster, wirtschaftlich, sozial und kulturell, meint Polanski.
Auch Law wünscht sich ein zweites Referendum. „Wenn ich höre, was vor dem Brexit alles möglich war und wie viel Geld wir deshalb verloren haben als Land, da kann man nur sagen: Das war eine schlechte Entscheidung. Deshalb will ich ein zweites Referendum.“ Viel zu oft gehe man über die Probleme seiner Altersklasse hinweg.
„Nicht Schuld von Farage“
In Stourbridge, rund 200 Kilometer weiter nördlich, sieht der 21 Jahre alte Samuel Hussey ähnliche Probleme für seine Generation. Hussey könnte mit seinem Abschluss zur Uni gehen, aber weil ein Studium umgerechnet 12.000 Euro pro Jahr kostet, zögert er und hält sich mit Jobs im Lager oder in der Spielhalle über Wasser. „Jeder sollte eine Wohnung, einen Job haben, das sollte kein Luxus sein. Aber in unserem Land hat das leider nicht jeder“, sagt er.
Seit einigen Jahren ist Hussey Mitglied von Reform UK, der Partei des Rechtspopulisten Nigel Farage. Reform UK tritt vor allem für eine harte Migrationspolitik ein. Die unerlaubte Einwanderung ist für für Hussey das wichtigste Thema: „Wir wissen doch gar nicht, wer da in unser Land kommt.“
Wenn er mit Menschen in seiner Umgebung über den Brexit spreche, dann höre er enttäuschte Stimmen: „Viele sagen: Der Brexit hat uns nichts gebracht. Er hat die Wirtschaft ruiniert, und wir haben sogar mehr Einwanderer als vorher“, sagt Hussey. Das sei aber nicht die Schuld von Farage, sondern der Konservativen Partei. Die hätten den Brexit während ihrer Regierungszeit nicht richtig umgesetzt, gerade beim Thema Einwanderung.
Samuel Hussey ist Mitglied von Reform UK. Er meint, die konservativen Regierungen hätten den Brexit nicht richtig umgesetzt.
Politik diskutiert wieder über die EU
Umfragen des Meinungsforschungsinstituts YouGov zeigen: Nur ein Drittel aller Briten hält den Brexit noch für die richtige Entscheidung. Auch die britische Politik diskutiert nun wieder über das Thema, das lange fast tabu war. „Es war so ein schmerzhaftes Referendum, Politiker wollten über all das nicht mehr reden. Der Brexit hatte das Land gespalten“, sagt die Politikjournalistin Rachel Sylvester von der Zeitung The Observer.
Aber in den vergangenen Monaten hat sich das verändert. Führende Labour-Politiker, wie der Londoner Labour-Bürgermeister Sadiq Khan und Wes Streeting, der bis vor kurzem Gesundheitsminister war, fordern sogar einen Wiedereintritt. „Das hat damit zu tun, dass viele im Land jetzt die wirtschaftlichen Kosten des EU-Austritts spüren“, sagt Sylvester.
Aber auch, weil sich das Land und die Menschen darin verändert haben. „Um es brutal zu sagen: Viele alte Brexit-Wähler sind seit dem Referendum gestorben. Gleichzeitig sind viele, die der EU deutlich positiver gegenüberstehen, jetzt 18 und dürfen wählen.“
Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum steht vor allem eines fest: Die Schockentscheidung und deren Folgen werden das Vereinigte Königreich auch künftig weiter beschäftigen. Doch dabei wollen die jungen Briten diesmal mitreden.
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