Lamine Yamal ist nun offiziell auch ein WM-Phänomen. Der Teenie zaubert Spanien endlich in den Favoritenkreis, Saudi-Arabien ist schon nach 25 Minuten besiegt. Doch nicht Yamal, sondern ein anderer Superstürmer stellt sogar Deniz Undav in den Schatten.
Dieser Trip hat sich gelohnt. An seinem freien Tag düste Lamine Yamal mit Mama und Freundin nach Nashville, etwa zwei Stunden vom spanischen Teamcamp in Tennessee entfernt. Der 18-Jährige brauchte ein wenig Auszeit nach dem miesen WM-Start seiner Nationalelf – und die „Music City“ inspirierte den Teenager anscheinend.
Es werde letztlich „alles so laufen, wie wir es uns wünschen – daran besteht kein Zweifel“, schrieb er danach auf Instagram. Yamalstradamus. Wie recht er hatte, zeigt sich beim 4:0-Sieg gegen Saudi-Arabien in Atlanta blitzschnell. Der Youngster ist von Anfang an der geniale Wirbelwind, den Spanien vermisst hatte, und die Furia Roja setzt mit drei Toren in den ersten 25 Minuten ein beeindruckendes WM-Statement.
Der Nashville-Sound ist in der amerikanischen Country-Musik bekannt für sanfte Streicher und raffinierte Gesänge. Das passt: Kaum einer streichelt den Ball so zärtlich und sanft, „smooth“ sagt man in den USA dazu, wie Yamal. Kaum ein Fußballer auf der Welt dribbelt die Kugel so raffiniert wie der 18-Jährige. Musik ist das Herz Nashvilles. Yamal ist das Herz der Furia Roja.
Yamal zaubert von Begin an
Direkt im ersten Angriff fordert Yamal den Ball, nicht mal 30 Sekunden sind da gespielt. Schon bei seiner Annahme erhält er einen ebenso frenetischen Applaus wie kurz vor beim Warmmachen, als er lässig wie immer mit Mini-Haarband unter den leicht angehellten Krauselöckchen und in rosa Schuhen auf den Rasen tänzelt.
Und dann geht es direkt: Der Superteenie schlägt einen Haken und schüttelt seinen Gegenspieler mit der allerersten Aktion locker ab. Es folgt noch eine Körpertäuschung und der saudische Linksverteidiger Moteb Al-Harbi, der heute die schwierigste Aufgabe auf dem Platz hat, läuft gleich noch einmal ins Nichts. Ein lautes Raunen geht durchs Rund, gefolgt von „Lamine“-Rufen.
Es ist sofort die Yamal-Show, die sich ganz Spanien erhofft und erträumt hatte. Und von der nur der Youngster sicher wusste, dass sie kommen wird. Der Rechtsaußen will es wissen und jeder im Stadion merkt, wie viel Bock er hat, wie sehr er nach Messi, Mbappé, Haaland und einem gewissen Deniz Undav (aber hierzu gleich mehr) der WM seinen Stempel aufdrücken will: Immer wieder geht er ins Dribbling gegen zwei bis drei Verteidiger, zieht von der rechten Seite nach innen und zieht ab. Bei jeder seiner Ballberührungen wird es gefährlich.
Spanien – Saudi-Arabien 4:0 (3:0)
Tore: 1:0 Yamal (10.), 2:0 Oyarzabal (21.), 3:0 Oyarzabal (24.), 4:0 Al-Tambakti (49., Eigentor)
Spanien: Unai Simón – Porro, Cubarsi, Laporte, Cucurella – Rodri – Olmo (61. Merino), Pedri (71. Fabian Ruiz) – Yamal (46. Yeremy), Oyarzabal (46. Ferran Torres), Baena (61. Nico Williams). – Trainer: De La Fuente
Saudi-Arabien: Al-Owais – Lajami, Abdulhamid, Al-Amri (61. Al-Hajji), Al-Tambakti, Al-Harbi – Al-Juwayr (46. Al-Hamdan), Al-Khaibari (46. Kanno), Nasser Al-Dawsari (90. Al-Ghannam), Salem Al-Dawsari – Al-Buraikan (61. Al-Shamat). – Trainer: Donis
Schiedsrichter: Raphael Claus (Brasilien)
Gelbe Karten: – Salem Al-Dawsari, Kanno
Zuschauer: 68.239
Yamal kam, sah – und traf
Und dann passiert es schon. Nur zehn Minuten benötigt Yamal, um zu zeigen, dass er zu diesem Turnier gefahren ist, um zu zaubern und zu siegen. Ferran Torres spielte einen herrlichen Pass an die linke Strafraumkante auf Mikel Oyarzabal, der einen flachen Ball queer durch den saudischen Strafraum schlägt. Im Hintergrund macht Yamal einen cleveren Lauf und grätscht in bester Mittelstürmermanier die Kugel über die Linie.
WM-Geschichte live in Atlanta: Nach seiner Show bei der EM 2024 hat der 18-Jährige nun auch sein erstes WM-Tor. Es dürften noch viele weitere folgen. Yamal wird zum zweitjüngsten WM-Torschützen Spaniens nach Gavi bei der WM 2022 (233 Tage jünger) und vor Raúl bei der WM 1998 (zwei Jahre älter). Er feiert direkt vor dem Saudi-Block, die Fans sind zunächst nicht glücklich, freuen sich dann aber sogar mit, als der gläubige Moslem vor ihnen zum Beten auf die Knie geht.
Yamal soll eine der prägenden Figuren dieser WM werden. Logo, bei so viel Talent und Star-Faktor. In spanischsprachigen Ländern in Südamerika etwa hat sein Barcelona-Trikot denen von Lionel Messi längst den Rang abgelaufen Und es ist beeindruckend zu sehen, wie der Youngster diese spanische Mannschaft so viel zielgerichteter, so viel druckvoller, gradliniger und aggressiver macht. Immer wieder suchen ihn seine Mitspieler. Unfassbar, wie ein erst 18-Jähriger eine Gruppe von Männern so umkrempeln kann.
Oyarzabal macht Undav Konkurrenz
Yamal ist ein Phänomen – und ihn in Topform braucht die Furia Roja, wenn sie ihrer Favoritenrolle gerecht werden will bei diesem Turnier. Nach den beiden starken Siegen der DFB-Elf, nach dem Zauber-Auftritt von Messi mit Argentinien und den starken Franzosen, muss Spanien nach viel Kritik aus dem Heimatland liefern. In den aktuellen WM-Rankings hatte die DFB-Elf die Iberer vor der Partie locker überholt.
Aber Spanien meldet sich eindrucksvoll zurück – auch weil es einen eigenen Deniz Undav vorweisen. Wie der DFB-Stürmer netzt nach Yamals furiosen Anfangsminuten auch Mikel Oyarzabal doppelt ein. Während Undav aber laaange 26 Minuten für seinen Doppelschlag benötigte, trifft Oyarzabal mal eben innerhalb von 180 Sekunden zweimal. Ein drittes per Außenrist, es wäre das Tor des Turnier geworden, folgt beinahe wenige Minuten.
Beide sind Vollblutstürmer, aber dafür ziemlich klein, der Spanier ist mit 181 immerhin zwei Zentimeter größer. Dafür kommt der Deutsche weitaus stämmiger daher. Beide sind im Ausland eher unbekannt, knipsen in der heimischen Liga und in der Nationalelf aber Tore am Fließband.
In der 21. Minute kann Saudi-Arabien dem immensen Druck nicht mehr standhalten und Spanien verdoppelt: Nach etwas Kuddelmuddel im Strafraum nimmt Oyarzabal das Spielgerät technisch wunderschön per Außenrist aus der Luft und bugsiert es in die Maschen. Dann flankt Yamal von rechts auf die linke Seite. Der Ball kommt über drei weitere Stationen zu Oyarzabal, der eiskalt erneut trifft (24.). Auch wenn ganz Deutschland Undav feiert, der spanische Superstürmer ist der erste Spieler in der gesamten WM-Geschichte, der in den ersten 24 Minuten zwei Tore und einen Assist sammelt.
Superstar Yamal arbeitet auch nach hinten
Mit der ersten Trinkpause ist die Partie gegessen. Zum zweiten Mal im 21. Jahrhundert erzielt eine Nationalmannschaft in den ersten 25 Minuten eines WM-Spiels drei oder mehr Tore. Spaniens Vorgänger? Deutschland bei der WM 2014 mit dem 7:1 gegen Brasilien.
So wie Undav ein Spielentscheider ist, ein Stürmer, der den Deutschen endlich wieder in jedem Spiel Hoffnung gibt, hat Spanien eben einen gewissen Lamine Yamal in den Reihen. Einen Wunderknaben, der wirklich jede Partie mit einer großartigen Aktion allein entscheiden kann. Klingt abgedroschen, ist es auch – aber bei diesem 18-Jährigen ist das schlichtweg wahr.
In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit ist der Wunderknabe sich auch nicht zu schade, um von links vorne nach rechts hinten über das gesamte Spielfeld zu rasen, um einen saudischen Konter zu unterbinden. Das sieht man selten von den großen Offensivstars, aber Yamal will eben endlich diese WM zu seiner machen.
Der Superteenie, auch das ist zu sehen, ist jedoch nach seinem Muskelriss noch nicht bei 100 Prozent. Seine Abschlüsse sitzen nicht wie gewohnt und seine Dribblings sind normalerweise sogar noch erfolgreicher. Keine guten Nachrichten für die kommenden Gegner, wenn dieser Yamal noch besser wird von Spiel zu Spiel.
Cucurella erzielt (zum Glück) doch kein Tor
Nach 45 Minuten ist sein Job dann erledigt, er bleibt nach dem Pausentee in der Kabine und darf sich auf das letzte Gruppenspiel gegen Uruguay konzentrieren. Spanien erzielt in Person von Marc Cucurella noch ein viertes Tor (49.), doch der Billard-Treffer wird zur Freude manches Deutschland-Fans nicht für den Handspiel-Spanier (EM-Viertelfinale, da war doch was), sondern als Eigentor gerechnet.
„Spanien ist nicht mehr dieselbe Mannschaft“, sagte Saudi-Arabiens Trainer Georgios Donis auf der Pressekonferenz vor der Partie, wenn Yamal auf der Bank sitzt. Ohne den Superstar fehle der Furia Roja „die individuelle Durchschlagskraft im Eins-gegen-Eins“. Ebenso wie Yamal wusste wohl doch auch der Coach alles.
Nun weiß es auch der Rest der Welt. Spanien setzt ein Statement. Mit Doppelpacker Oyarzabal, der sich mit Undav um die Torjägerkrone streiten können. Und Lamine Yamals sanften Ballstreicheleinheiten à la Nashville.
Verwendete Quelle: ntv.de
