Genaue Ursachen noch unklarZahl der Darmkrebsfälle bei Jüngeren in Deutschland steigt
Darmkrebs ist eine der häufigsten Krebserkrankungen weltweit. Die Tumoren entstehen meist schleichend über Jahre hinweg. Jüngere sind in den letzten 20 Jahren immer häufiger davon betroffen. Über die Ursachen gibt es bisher nur Vermutungen.
In Deutschland steigt aktuellen Daten zufolge die Zahl der Darmkrebsfälle bei jüngeren Menschen, allerdings weniger deutlich als in den USA. Betroffen ist hauptsächlich die Gruppe der 20- bis 39-Jährigen und darunter die 20- bis 29-Jährigen, wie das Forschungsteam im „International Journal of Cancer“ berichtet. Ein Großteil des Anstiegs entfalle auf Formen mit vergleichsweise guter Prognose wie kleine oder weniger aggressive Tumore. Eine mögliche Senkung des Alters für das Darmkrebs-Screening – aktuell ab 50 Jahren – erscheine derzeit nicht gerechtfertigt.
Experten wie Thomas Seufferlein vom Universitätsklinikum Ulm, die selbst nicht an der Auswertung beteiligt waren, schließen sich dieser Einschätzung an. „Wir müssen allerdings die Daten im Blick behalten, um Screeningprogramme rechtzeitig anzupassen.“ Auch Christian Pox vom St. Joseph-Stift Bremen hält eine Änderung derzeit für unnötig und warnt vor einer verringerten Effektivität des Programms bei gleichzeitig höheren Kosten. „Ein viel größerer Effekt könnte erreicht werden, wenn die Teilnahmerate an der gesetzlichen Krebsfrüherkennung bei den Berechtigten von 50 Jahren und älter gesteigert werden würde.“
Woher kommt der Anstieg?
Die genauen Ursachen für den Anstieg bleiben auch mit den neuen Daten aus Deutschland unklar, wie das Team um Sven Voigtländer vom Bayerischen Krebsregister in Nürnberg und Hiltraud Kajüter vom Krebsregister Nordrhein-Westfalen in Bochum erläutert. Vermutlich gebe es einen Zusammenhang mit Lebensstilveränderungen ab den 1950er Jahren. „Dazu zählen Adipositas im Kindes- und Jugendalter, Antibiotikaeinnahme, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung und Reproduktionstechnologien, die potenziell zu frühkindlichen physiologischen oder metabolischen Veränderungen führen und das Darmmikrobiom beeinflussen.“
Generell hingen Darmerkrankungen mit Faktoren wie Bewegungsmangel und ungesunder Ernährung zusammen, erläutern die Experten. Adipositas stelle einen Zustand chronischer Entzündung dar und gelte als wahrscheinlichste Ursache für den Anstieg der Fälle von frühem kolorektalem Karzinom (Early-Onset Colorectal Cancer, EO-CRC). So wird ein Tumor des Dickdarms (Kolon) oder Mastdarms (Rektum) bezeichnet, der vor dem 50. Lebensjahr diagnostiziert wird.
Zahl Fettleibiger in den USA deutlich stärker gestiegen
Bisherige Studiendaten zeigen den Forschenden zufolge, dass Fettleibigkeit – insbesondere, wenn sie schon in jungen Jahren auftritt – mit einem höheren Risiko für frühen Darmkrebs verbunden ist. In Deutschland ist der Anteil Fettleibiger bei den 25- bis 34-Jährigen demnach zwischen 1990/1992 und 2008/2011 bei Männern von 11 auf 17 Prozent und Frauen von 9 auf 14 Prozent gestiegen.
In den USA stieg der Anteil bei den 20- bis 39-Jährigen zwischen 2007/2008 und 2015/2016 von 31 auf 36 Prozent und in der Altersgruppe der 2- bis 19-Jährigen von 17 auf 19 Prozent, wie die Experten erläutern. Die Zahlen seien nicht direkt vergleichbar, belegten aber eine deutlich geringere Adipositashäufigkeit in Deutschland als in den USA. Möglicherweise sei das der Grund für den hierzulande merklich geringeren Anstieg früher Darmkrebs-Fälle. Der Bremer Chefarzt Pox plädiert dafür, die Gründe weiter zu untersuchen – die höhere Übergewichtsrate scheine als alleiniger Grund zu vereinfacht.
Auch bei der Sterblichkeit steht Deutschland besser da
Die EO-CRC-Sterblichkeit sei in den USA zwischen 2004 und 2020 durchschnittlich um 1,2 Prozent pro Jahr gestiegen, heißt es im „International Journal of Cancer“ weiter. Auch diese Entwicklung sei in Deutschland nicht erkennbar, die Mortalität sei nahezu stabil geblieben. Eine mögliche Ursache sehen die Forschenden in einer verbesserten Früherkennung.
Für die aktuelle Analyse wertete das Team um Voigtländer und Kajüter Krebsregisterdaten aus neun Bundesländern sowie dem Landkreis Münster – zusammen 46 Prozent der deutschen Bevölkerung – über den Zeitraum von 2003 bis 2023 aus. In der Altersgruppe von 20 bis 49 Jahren wurden kolorektale Karzinome bei 27.568 Menschen erfasst.
Die Zahl der Neudiagnosen von frühem kolorektalem Karzinom ohne sogenannten Appendixkrebs stieg demnach bei Männern um durchschnittlich 0,8 Prozent jährlich, bei Frauen um 0,9. Bei den 20- bis 29-Jährigen lagen die Werte bei 3,3 (Männer) und 3,9 Prozent (Frauen), bei den 30- bis 39-Jährigen bei 2,2 (Männer) sowie 2,0 Prozent (Frauen). Bei den 40- bis 49-Jährigen veränderte sich die Zahl der Neudiagnosen nicht merklich. Für Appendixkarzinome – Krebserkrankungen des Wurmfortsatzes am Blinddarm – stieg die Häufigkeit in allen Altersgruppen.
Präventionsstrategien längst nicht ausgeschöpft
Eine Senkung des Einstiegsalters für das Darmkrebs-Screening auf 45 Jahre werde durch die Studie nicht gestützt, meinen die Autoren und Autorinnen. Die praktikablen, kosteneffektiven Präventionsstrategien seien hierzulande auch längst nicht ausgeschöpft. In einem aktuellen Vergleich der Präventionspolitik von 18 europäischen Ländern belege Deutschland Platz 17.
Hinzu komme die trotz des leichten Anstiegs weiter geringe Häufigkeit verglichen mit der von Darmkrebs bei den über 50-Jährigen. Von durchschnittlich 56.200 neuen Darmkrebs-Fällen einschließlich Appendixkarzinom pro Jahr in Deutschland zwischen 2021 und 2023 waren demnach nur 3.000 (5,4 Prozent) früh auftretende. Zum Vergleich: „In den USA werden mittlerweile 14 Prozent aller Personen mit Darmkrebs in einem Alter unter 50 Jahren diagnostiziert“, erklärte Seufferlein vom Universitätsklinikum Ulm. Der Beginn des Darmkrebs-Screenings sei dort darum auf das 45. Lebensjahr herabgesetzt worden.
Die Häufigkeit von Darmkrebs über alle Altersgruppen hinweg sinkt in vielen Ländern wie den USA, Kanada und Deutschland seit mehreren Jahrzehnten, wie es in der Studie auch heißt. Experten führen das unter anderem auf die Einführung von Screening-Programmen zurück, mit denen schon Vorstufen erkannt werden. Hinzu kommen Fortschritte in der Therapie. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes sank die Zahl der Todesfälle innerhalb von 20 Jahren um 17 Prozent: Starben im Jahr 2003 noch 28.900 Menschen an Darmkrebs, waren es im Jahr 2023 noch 24.100.
