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Wilde Emotionen trotz WM-Schock: Gedemütigtes Nationalteam macht der Türkei ein großes Angebot

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 26, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Wilde Emotionen trotz WM-Schock

Gedemütigtes Nationalteam macht der Türkei ein großes Angebot

26.06.2026 | 09:05 Uhr

Für die türkische Fußball-Nationalmannschaft ist die Weltmeisterschaft schon vor dem letzten Gruppenspiel vorbei. Im Land herrschen Wut und Frust. Das Team lässt sich aber nicht hängen, schlägt die USA und wird danach sehr emotional.

Bei Kaan Ayhan hatte sich unglaublich viel angestaut. Und all die Wut, all der Frust, all die Verzweiflung der vergangenen Tage mussten raus. Der ehemalige Schalker ballte mit grimmiger Miene die Fäuste, rannte zur eigenen Bank und grätschte ihr entgegen. So, wie er Sekunden zuvor gegen den Ball gegrätscht hatte. Über die Linie hatte er das Spielgerät in der achten Minute der Nachspielzeit gedrückt. Die USA waren geschlagen, die Türkei hatte gewonnen (3:2). Was für Szenen. Sportlich bedeutungslos, emotional nicht zu fassen wichtig.

Die WM war für die Türken schon vor dem letzten Gruppenspiel vorbei gewesen. Nach fast 70 erfolglosen Schüssen aufs gegnerische Tor, nach einer ernüchternden Auftaktpleite gegen Australien (0:2) und einem absurden Drama gegen Paraguay (0:1) hatte das Team keine Chance mehr aufs Weiterkommen. Dabei hatten sie doch weit kommen wollen. Aus der Heimat schwappten Wellen von Wut und Frust über das Team. Der Verbandsboss wütete in alle Richtungen, nur nicht gegen das eigene Team. Wie ein Löwe seine Jungen verteidigte er die ambitionierte Auswahl gegen alle Abrechnungsfantasien aus der Heimat.

Die Spieler, gedemütigt und peinlich berührt, baten das Land um Verzeihung. „Es war wichtig für uns, dass wir mit einem Sieg nach Hause fahren und zeigen, was wir drauf haben“, sagte Dortmunds Salih Özcan: „Natürlich ist die Enttäuschung trotzdem da. Die Mannschaft hat mehr verdient.“ Arda Güler warf sich auch nach dem letzten Sieg nochmal in den Staub: „Ihr habt vor dem Spiel gesagt, ich sei wegen der Kritik verärgert und demoralisiert. Die ganze Kritik ist berechtigt. Wir haben schlecht gespielt, die Leute haben recht! Wir dürfen das nicht dramatisieren. Wir haben schlecht gespielt und sind ausgeschieden.“

„Wir sind unsere größten Kritiker“

Und so erhoben sie das letzte Turnierspiel zu einer übergroßen Mission: Die nationale Versöhnung stand als ungeschriebene Überschrift über der Partie. „Wir hätten es gerne länger genossen. Ein Tor bei einer WM zu erzielen, ist nicht jedem vergönnt“, sagte der auch nach Abpfiff noch arg aufgekratzte Ayhan. „Es war sehr emotional, wir konnten nicht richtig feiern. Wir sind unsere größten Kritiker. Auch wenn es nur für einen kurzen Moment war, freuen wir uns, dass wir unsere Fans glücklich gemacht haben.“

Türkei – USA 3:2 (2:1)

Tore: 0:1 Auston Trusty (3.), 1:1 Arda Güler (10.), 2:1 Orkun Kokcü (31.), 2:2 Sebastian Berhalter (49.), 3:2 Kaan Ayhan (90.+8)

Türkei: Cakir – Celik (Söyüncü), Kabak, Bardakci, Elmali – Özcan, Kökcü (88. Ayhan) – Aydin (90.+1 Müldür), Güler, Yildiz (84. Uzun) – Yilmaz (90.+1 Kahveci). – Trainer: Montella

USA: Turner – McKenzie, M. Robinson, Trusty – Weah (58. Pulisic), McKennie (86. Tillman), Berhalter, Scally (77. Freeman) – Aaronson (77. Zendenjas), Reyna (86. Dest) – Pepi. – Trainer: Pochettino

Schiedsrichter: Mustapha Ghorbal (Algerien)

Gelbe Karten: – Berhalter

Zuschauer: 70.492 in Los Angeles

Nationaltrainer Vincenzo Montella, der vom Verbandsboss trotz der vergeigten WM vorzeitig eine Jobgarantie ausgesprochen bekam, zog sein Team auf links. Ebenso wie sein US-Kollege Mauricio Pochettino. Montella nahm sieben Veränderungen vor (Pochettino gar neun), was auch zu den Startelfdebüts für die Bundesliga-Profis-Profi Özcan und Ozan Kabak führte. Der Hoffenheimer hoffte später, dass der Sieg etwas in der Heimat auslöst: „Wir sind in dieses Spiel gegangen, nur um zu gewinnen, wir wollten Charakter zeigen. Ich hoffe, wir haben uns zumindest ein wenig rehabilitiert.“

US-Defensive überfordert

Es ging indes ganz schlecht los. 0:1 nach drei Minuten. Nächstes Drama? Dieses Mal nicht. Zu viel stand auf dem Spiel. Die Türken waren nicht bereit, sich dem vorgezeichneten Schicksal zu ergeben. Das Team spielte schnell und schnörkellos. Real Madrids Ausnahmetalent Güler vollendete eine tolle Kombination zum Ausgleich, Orkun Kökcü drehte die Partie dann komplett. Erneut ging es zu schnell für die US-Defensive. Nach der Pause sorgte Sebastian Berhalter dann aber erneut für einen idealen Start der USA und drosch den Ball nach einem Einwurf aus der Distanz zum Ausgleich in die Maschen. Die Türken wackelten, der eingewechselte US-Superstar Christian Pulisic scheiterte zweimal. Ein Schuss wurde von Torhüter Ugurcan Cakir spektakulär noch an den Pfosten gelenkt.

Aber die Türken hielten dagegen, nicht verzweifelt, nicht panisch, leidenschaftlich. Und belohnten sich. Can Uzun, der Mann von Eintracht Frankfurt, legte in die Mitte, Ayhan war da. Die Türken völlig on fire. Mission erfolgreich. „Dieser Sieg war sehr wichtig für uns, denn unsere Ehre und Würde standen auf dem Spiel, und ich denke, wir haben sie verteidigt“, befand Kökcü. „Aber jeder muss sich selbstkritisch hinterfragen, um so weit zu kommen, denn unser Land hat das nicht verdient, wir haben das nicht verdient. Man könnte viel sagen, aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür, da alle emotional aufgewühlt sind. Hoffentlich war das eine lehrreiche Erfahrung.“

Und Özcan erklärte: „Wenn du nicht gut in dieses Turnier startest, ist es schwer“, denn: „Mittlerweile kann jede Mannschaft gut Fußball spielen und kämpfen, das haben wir gesehen.“

Verwendete Quellen: ntv.de, tno

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