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Scheinbar einfache Antworten: Wie TikTok toxische Männlichkeit bei Jugendlichen befeuert

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 28, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Scheinbar einfache AntwortenWie TikTok toxische Männlichkeit bei Jugendlichen befeuert

Viele Jungs hätten das Gefühl, Männer würden benachteiligt und diskriminiert, auch wegen des Feminismus, beobachtet der Workshopleiter Schneider. (Foto: picture alliance/dpa)

Sich mit einem Hammer ins Gesicht schlagen, Frauen diskriminieren und ein „richtiger“ Mann werden. Jugendliche werden auf TikTok täglich mit derartigen Trends konfrontiert. Das macht etwas mit ihnen. Zwei Jungs erzählen, wie ein Workshop ihren Blick verändert hat.

Fast jeden Morgen schlägt sich Elias mit einem Hammer auf seine Gesichtsknochen. Bonesmashing nennt man diesen gefährlichen Social-Media-Trend. Den Knochen sollen dabei angeblich kleine Frakturen hinzugefügt werden, mit dem fragwürdigen Versprechen, sie würden danach kantiger zusammenwachsen und dem Gesicht einen markanteren und männlicheren Look verleihen. „Am Anfang hat es weh getan, aber jetzt nicht mehr wirklich“, sagt der 15-Jährige. Elias heißt eigentlich anders. Um ihn zu schützen, wurde sein Name geändert.

Bonesmashing, rohe Eier trinken, ins Gym gehen, sich nicht von Frauen ablenken lassen – auf TikTok bekommen junge Männer wie Elias unablässig zu hören, was sie tun müssen, um attraktiver, stärker, männlicher zu werden. Die App ist voll mit solchen Videos von Influencern aus der sogenannten Manosphere, einem Netzwerk frauenfeindlicher Online-Communities, das sich vor allem an junge Männer richtet, stereotype Männlichkeitsbilder propagiert und Frauen als Gegnerinnen darstellt. Elias sagt, jedes dritte bis vierte Video zeige ihm solche Inhalte. Er verbringt täglich bis zu acht Stunden auf TikTok, schätzt er. „Das macht irgendwas mit mir“, gibt er zu.

Warum springen junge Männer auf diese Inhalte an? Wie fängt man sie auf, hilft ihnen, ein gesundes Selbstbewusstsein und ein korrektes Verhalten gegenüber Frauen zu entwickeln? Der Berliner Pädagoge Maximilian Schneider hat dafür kein Zauber-, aber ein sehr gutes Mittel: Er geht in Schulen, spricht mit Jugendlichen und hört ihnen zu.

Einfache Antworten auf Tiktok

Schneider ist Referent für politische Bildungsarbeit beim Berliner Verein „Gesicht Zeigen!“. Im Rahmen des Projekts „Die Freiheit, die ich meine“ begleitet er Neuntklässler ein halbes Jahr lang. Er spricht mit ihnen über Identität, Diversität, Diskriminierung, Geschlechterrollen und Männlichkeit, zwei Schulstunden pro Woche, fest im Stundenplan verankert. Er und ein Kollege sprechen mit den Jungen, zwei Kolleginnen getrennt mit den Mädchen.

Viele Jungs hätten das Gefühl, Männer würden benachteiligt und diskriminiert, auch wegen des Feminismus, beobachtet der 33-Jährige. Alte Männlichkeitsbilder funktionierten nicht mehr, das verunsichere. Auf TikTok fänden sie scheinbar einfache Antworten auf komplexe Themen.

„Du bist kein Einwechselspieler, du bist der Stürmer“, schreit ein muskulöser Mann einem dort entgegen. „Frauen wollen von dir dominiert werden“, erklärt ein anderer, oder: „Der einzige Weg zu gewinnen, ist ein Narzisst zu werden.“ Manche TikToker rufen dazu auf, die Partnerin mindestens einmal in der Woche zu schlagen, damit sie wisse, wer der Mann im Haus sei.

„Entweder bricht der Knochen oder nicht“

Viele dieser Pseudo-Weisheiten sind zutiefst frauenfeindlich und faktisch falsch – etwa, die Behauptung über Mikrofrakturen beim Bonesmashing. Das sei sehr unwahrscheinlich, erklärt der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg Jörg Wiltfang vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. „Entweder bricht der Knochen oder nicht.“ Begrenzte Absplitterungen – Mikrofrakturen, wie es auf TikTok genannt wird – werden so eher nicht entstehen. Sichtbare Veränderungen im Gesicht, die direkt nach der Manipulation entstehen, sind Folge der Weichteilschwellung und nicht durch eine Veränderung der Knochenstruktur bedingt, wie Wiltfang erklärt, der Post-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG) ist. „Die Haut und das darunter liegende Weichgewebe werden lokal geschädigt und schwellen an.“ Es könnten Blutergüsse und offene Wunden entstehen, die Narben hinterlassen könnten. „Wir raten davon ab.“

Die Inhalte aus der Manosphere vermittelten ein sehr eindeutiges Bild von Männlichkeit, erklärt Schneider. Deswegen komme das so gut bei jungen Männern an. „Der Mann ist der Ernährer, der Mann ist dominant, der Mann ist kontrolliert“, fasst Schneider einige der Kernbotschaften zusammen. Die Teenager-Zeit sei eine fragile Phase, Jugendliche seien anfällig für Informationen, die vermeintlich mit sehr klaren Handlungsanweisungen versehen sind. Die Clips versprächen Lösungen für Erfolg und Anerkennung. „Und danach sehnt sich jeder Mensch. Jeder Mensch will Anerkennung bekommen.“ Oft seien es jedoch toxische Erzählungen, die mit einem defizitären Blick arbeiteten: Du bist nicht stark genug, nicht reich genug, nicht diszipliniert genug.

Stunden am Handy

Im Schnitt verbringen Jugendliche laut einer von der EU-Kommission beauftragten Umfrage unter der Woche 4,5 Stunden und an Wochenendtagen 6,1 Stunden vor Handys, Tablets oder dem Fernseher. Der TikTok-Algorithmus kann Jungen, die sich etwa für Fitness oder Luxusautos interessieren, verstärkt Inhalte rechtsextremer Akteure oder der Manosphere anzeigen, wie qualitative Analysen nach Angaben des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) zeigen. Diese knüpften gezielt an Gefühle wie Einsamkeit oder Frustration an.

Elias hat mit 11 Jahren aufgehört Fußball zu spielen, weil Männer auf TikTok sagten, das sei schwul, wie er erzählt. Wer stark sein und sich verteidigen wolle, müsse Kampfsport machen. Inzwischen geht er boxen. „Ich finde es auch bisschen schwer, rauszufinden, wer ich selber bin, weil ich mich auch sehr viel mit anderen vergleiche wegen TikTok und auch so in der Realität.“

Sein Mitschüler Levin stand in der siebten Klasse mal um 5.30 Uhr auf, um joggen zu gehen. „Nur weil ich das davor gesehen habe und mir dachte, ja, ich muss das jetzt auch machen und dann bin ich auch krass und gehöre dazu“, sagt der 17-Jährige. „Es gibt viele Videos, die dein Denken verändern.“ Beide investieren viel Zeit in ihr Aussehen, so erzählen sie es. „Aussehen ist ein sehr großer Punkt, ich bin ehrlich“, sagte Levin, dessen Name ebenfalls geändert wurde. Man versuche, das Maximum aus sich herauszuholen.

Wichtig sei es, die Jugendlichen nicht zu verurteilen, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, sagt Schneider. „Wir bewerten das nicht, wir sagen nicht, es ist schlecht, pumpen zu gehen, auf gar keinen Fall“, so der 33-Jährige. „Wir wünschen uns, dass Jugendliche eine Chance bekommen, ein gesundes Selbstbewusstsein über sich selbst in Bezug auf die Beziehung zu ihrer geschlechtlichen Identität beziehungsweise den Erwartungen an ihr Geschlecht zu entwickeln.“

Sicht auf Beziehungen verändert

Die Georg-Weerth-Schule in Berlin-Friedrichshain ist eine von insgesamt drei Schulen, an denen Schneider und seine Kolleginnen und Kollegen regelmäßig Klassen begleiten. Auch Elias und Levin haben seinen Workshop ein halbes Jahr lang besucht. „Bei mir hat das bisschen meine Sichtweise auf eine Beziehung verändert, weil davor habe ich immer so gedacht, sie darf keine Jungsfreunde haben und sie darf dies und das nicht, und nach diesem Workshop ist mir das eigentlich egal“, sagt Elias. TikTok sei für ihn nach wie vor Unterhaltung, aber er denke beim Schauen jetzt häufiger über den Workshop nach.

Levin hat gelernt, bestimmte Dinge häufiger zu hinterfragen, wie er erzählt. Ihm sei zum Beispiel klar geworden, dass er nicht jede Situation kontrollieren könne und müsse. Auf TikTok hätten ihm Männer erklärt, dass es wichtig sei, eine Präsenz zu haben, allen im Raum klarzumachen, der Krasseste zu sein, immer stark zu sein, egal wo man sei. Das sei Quatsch, wie er jetzt wisse.

Auch Männer, die weinen, sollten seiner Ansicht nach kein Tabu sein. „Weil manche Personen denken vielleicht, du hast kein Gefühl oder so, oder bist kalt, was ja nicht stimmt.“ Mit seinen weiblichen Freundinnen verstehe er sich jetzt besser. Er sehe sie mit anderen Augen. Würde er den Workshop weiterempfehlen? Levin ist überzeugt: „Ich glaube, andere Jungs bräuchten das auch.“

Quelle: ntv.de, Mia Bucher und Annette Riedl,dpa

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