Privileg der GeldaristokratieDieser Trick befreit Elon Musk & Co vom Steuernzahlen

Tech-Bosse wie Jeff Bezos, Elon Musk oder Mark Zuckerberg sind nicht nur durch die Gründung von Amazon, SpaceX oder Facebook zu Superreichen geworden. Sondern auch weil sie auf ihre gigantischen Vermögen keine Steuern zahlen müssen. Dank einem einfachen Trick.
Auf dem Papier ist Elon Musk ein armer Mann. Gerade mal 54.080 Dollar verdiente er als Chef bei SpaceX im vergangenen Jahr, wie auch in jedem Jahr seit 2019. Bei Tesla wurde er als Top-Manager jahrelang gar nur nach dem Mindestlohn bezahlt und verzichtete großzügig auf sein Salär. Tesla erfasst seine aufgelaufenen Gehaltsansprüche daher nicht einmal mehr. Auch Amazon-Gründer Jeff Bezos bezieht als Manager seines Online-Riesen ein vergleichsweise mickriges Gehalt von 81.840 Dollar. Mark Zuckerberg genehmigt sich bei Meta seit mehr als zehn Jahren sogar nur einen symbolischen Dollar, und ist damit der schlechtbezahlteste Mitarbeiter seines Konzerns. Oracle-Tycoon Larry Ellison bekommt als Manager seines Datenbank-Giganten sogar gar keine Bezahlung. So steht es in den aktuellen Pflichtmitteilungen der Tech-Riesen an die US-Börsenaufsicht SEC.
Doch die winzigen Einkommen der Tech-Milliardäre stehen in krassem Widerspruch zu ihren gigantischen Vermögen. Sie sind die reichsten Männer des Planeten: Mark Zuckerberg schafft es laut Bloomberg mit knapp 200 Mrd. Dollar auf Platz 7. Ellison liegt mit etwa 210 Mrd. Dollar auf Platz 6. Amazon-Mogul Bezos mit rund 260 Mrd. Dollar auf Platz 4. Und Elon Musk hat der Börsengang von SpaceX vollends in eine gänzlich eigene Liga katapultiert: Der reichste Mensch der Erde wurde zum ersten Billionär der Weltgeschichte – 1000 Milliardäre in einer Person – auch wenn sein Vermögen mit dem sinkenden Aktienkurs seiner Raketenfirma inzwischen wieder knapp unter die magische Marke gefallen ist.
„Gehälter sind für Dumme“
Diese riesige Lücke zwischen Einkommen und Vermögen der Superreichen ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Bezos, Musk und Co. sind nicht trotz ihrer geringen Gehälter zu Superreichen geworden. Sondern gerade, weil sie so wenig verdienen. Schuld daran sind nicht etwa obskure Schlupflöcher, die die Tech-Oligarchen mit teuren Anwälten clever für sich ausnutzen. Ihr Geheimnis sind nicht bloß Steueroasen und versteckte Offshore-Konten. Das System ist von Grund auf zu ihren Gunsten verzerrt.
„Gehälter sind für Dumme. Wer Einkommen erzielt, wird mit hohen Steuern und Sozialabgaben bestraft. Jeff Bezos und viele andere unserer Multimilliardäre haben darauf keine Lust“, hat die US-Steuerrechtsprofessorin Ray Madoff das Phänomen kürzlich im Podcast von Ezra Klein auf den Punkt gebracht. „Sie sahnen stattdessen über den steigenden Wert ihrer Unternehmensanteile ab.“ Madoff muss es wissen: Als Steueranwältin hat sie Superreichen geholfen, ihre Vermögen steuervermeidend zu organisieren, in Boston lehrt sie seit 30 Jahren die Winkelzüge des Systems.
Während Normalverdiener in den USA 40 Prozent und mehr an den Fiskus abdrücken, strukturieren Bezos, Musk, Zuckerberg und Co. ihr Vermögen so, dass so gut wie nie ein steuerpflichtiges Ereignis – wie Aktienverkäufe oder Gehaltszahlungen – auftritt. Das ist der Grund warum Elon Musk, Mark Zuckerberg oder Larry Ellison auf Lohn verzichten. Stattdessen nutzen sie ihre Immobilien, Firmen und Aktienpakete als Sicherheiten, um Milliardenkredite aufzunehmen und ihren extravaganten Lebensunterhalt zu finanzieren. Damit genießen sie trotz gigantischer Vermögen bis in alle Ewigkeit steuerfrei auf Pump ihr Leben und rechnen sich auf dem Papier arm. Denn die Kredite werden anders als Gehälter nicht als Einkommen besteuert.
Kaufen, Leihen, Sterben ist das Motto der Geldaristokratie
„Buy, Borrow, Die“ – Kaufen, Leihen, Sterben – heißt diese Strategie. Die Banken machen mit, weil sie daran prächtig verdienen: Jahrzehntelang kassieren sie Zinsen für Kredite, die kaum ausfallen können, weil sie mit Milliardenanteilen an den größten Konzerne der Welt besichert sind. Die Oligarchen verlängern diese Kredite einfach immer wieder – bis sie sterben, ihr Vermögen an ihre Kinder vererben und das Spiel von vorn beginnt. Falls irgendwann doch mal ein finanzieller Engpass entstehen sollte, der sich nicht mit geliehenem Geld lösen ließe, machen sie ein paar ihrer Aktien zu Geld und zahlen darauf dann tatsächlich auch Steuern. Aber nicht annähernd in einer Höhe, die ihrem Reichtum entspricht.
Schon 2021 veröffentlichte das Nonprofit-Investigativportal ProPublica die Kronjuwelen der US-Steuerbehörde IRS: die geheimen Steuerakten von Musk, Bezos, Zuckerberg und anderen Milliardären wie Warren Buffett. Die geleakten Daten zeigten, dass die Oligarchen seit Jahrzehnten das Kunststück vollbringen, in vielen Jahren keinen einzigen Cent Einkommensteuer zu zahlen, obwohl ihre Vermögen von Jahr zu Jahr um hunderte Milliarden Dollar wachsen. Donald Trump schaffte es sogar zehn Jahre lang, seine Steuern auf null zu drücken. Die Berichte zerstörten endgültig „den hartnäckigen Mythos, dass alle ihren gerechten Anteil leisten und die Superreichen am meisten zahlen“, wie ProPublica damals schrieb.
Eine amerikanische Geldaristokratie sei so entstanden, schreibt Madoff in ihrem Buch „The Second Estate“, die wie im vorrevolutionären Frankreich ungestört im Luxus lebt und keine Steuern zahlt: ein neuer „zweiter Stand“, dessen Privilegien damals wie heute „etwas Kaputtes und Alarmierendes signalisieren“: dass vor dem Fiskus nicht alle Menschen gleich sind, sondern zwei verschiedene Systeme existieren. „Eins für Menschen, die Geld verdienen und eins für Menschen, die Vermögen besitzen“. Im 18. Jahrhundert verlieh der französische König dem Adel das Sonderrecht, keine Steuern zu zahlen, im Austausch für dessen Loyalität im Absolutismus. Im 21. Jahrhundert erlaubten die USA der Milliardärsklasse, sich „stillschweigend von dem Land loszusagen, das sie reich gemacht hat“ und „ihre Verantwortung abzustreifen und in eine steuerfreie Version des amerikanischen Lebens zu fliehen“. Während der Rest des Landes die Kosten schultert.
Wall-Street-Banker sind vergleichsweise kleine Fische
Dabei geht es nicht um den Reichtum der Wohlhabenden insgesamt. Sondern um den demokratiezersetzenden Vermögensexzess einer Handvoll Ultrareicher, gegen die selbst Großverdiener wie Wall-Street-Banker, Chefärzte oder Top-Berater kleine Leute sind. Denn die müssen tatsächlich hohe Steuern auf ihre Gehälter berappen: „Niemand zahlt mehr als die Working Rich“, schreibt Madoff: 40 Prozent des US-Steueraufkommens kommen tatsächlich von den reichsten 1 Prozent der Steuerzahler. Denn sie „kommen nicht in den Genuss der Steuervermeidungsmittel der Vermögenden, die es sich leisten können, ohne Gehalt zu leben.“
Die oberen 1 Prozent insgesamt sind nicht das Problem. „Um zu verstehen, was mit uns passiert, müssen wir uns auf die 0,1 Prozent, die 0,01 Prozent, sogar auf die obersten 0,00001 Prozent konzentrieren“, hat US-Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman geschrieben – eine Handvoll Menschen wie Bezos, Zuckerberg oder Musk. Die niedrigen Steuern, die sie zahlen, „werden zum Problem für die Wirtschaft“, titelte im Februar sogar das marktliberale Wall Street Journal. Das Vermögen der reichsten 0,00001 Prozent lag laut dem französischem Ökonom Gabriel Zucman selbst auf dem Höhepunkt der Rockefeller-Ära um 1910 bei nur vier Prozent des US-Nationaleinkommens. Heute sind es dagegen zwölf Prozent.
Allein Elon Musks Reichtum beläuft sich heute auf knapp 3 Prozent der US-Wirtschaftsleistung. Der reichste Mann der Welt hat sich aus der Finanzierung des US-Gemeinwesen faktisch verabschiedet und genießt unbegrenzte Freiheit. Der IRS-Whistleblower Charles Littlejohn, der die Steuerpraktiken von Musk, Trump und den anderen Silicon-Valley-Oligarchen ans Licht der Öffentlichkeit brachte, wurde dagegen 2024 zu fünf Jahren Haft verurteilt.
