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Middendorp bei ntv: Trainer-Legende über Undav: Holt den Maserati aus der Garage

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 28, 2026Keine Kommentare9 Minuten Lesezeit
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Ernst Middendorp ist wieder zurück in Johannesburg. Die vergangenen Tage hat er in Deutschland verbracht, war dort unter anderem als Experte für das ZDF tätig. Der 67-Jährige ist guter Dinge. Seine beiden Nationalmannschaften haben die WM-Gruppenphase überstanden. Südafrika zum ersten Mal und Deutschland zum ersten Mal seit 2014. Trotzdem könnte die Stimmung in den beiden Ländern kaum anders sein. Der Jahrhunderttrainer des DSC Arminia Bielefeld blickt im Gespräch mit ntv.de voraus auf die heute beginnende K.o.-Phase der Fußball-Weltmeisterschaft und verrät, mit welchem Nationalmannschaftstrainer er gerne eine Zigarre rauchen würde.

ntv.de: Nach einem enttäuschenden Auftaktspiel gegen Mexiko hat Südafrika zum ersten Mal überhaupt die K.o.-Runde einer WM erreicht. Wie konnte das passieren?

Ernst Middendorp: Das 0:2 gegen Mexiko war richtig schlecht – vom ganzen Ansatz her. Den Spielern und auch dem Team rund um Trainer Hugo Broos fehlte der Mut. Sie hatten kein Zutrauen ins eigene Potenzial, besonders in das Angriffspotenzial. Die Defensiv hatte Priorität. Irgendwie durchkommen gegen Mexiko, vor einem Milliardenpublikum.

War die Niederlage gegen Mexiko nicht auch dem Druck des mexikanischen Publikums und der Last des Eröffnungsspiels geschuldet?

Nochmal: Der Ansatz war falsch gewählt. Lassen Sie mich das so erklären. Ich bin jetzt 67, ich mache jeden Tag meine acht bis zehn Kilometer Walking und von heute auf morgen will ich jetzt unvorbereitet einen Marathon laufen. Ich bin darauf nicht vorbereitet und Bafana Bafana war nicht darauf vorbereitet, so defensiv mit einer Fünferlinie zu spielen. Deswegen haben wir diese extrem schlechte Leistung gesehen. Vor diesem Publikum weltweit haben wir ein unfassbar schlechtes Bild über die Qualität des Fußballs in Südafrika abgeliefert. Simpel und einfach. So erklärt man das. Das ist ganz klar.

Das ist Ernst Middendorp

Der 67-jährige Ernst Middendorp, geboren im niedersächsischen Freren, ist ein Zugvogel des deutschen Trainerwesens. Er ist Jahrhunderttrainer bei Arminia Bielefeld und seit langer Zeit in Südafrika beheimatet. Zuletzt arbeitete er als Technischer Direktor bei Durban City FC.

Im zweiten Spiel lag Tschechien zur Halbzeit mit 1:0 vorn. Das WM-Aus drohte. Was ist dann passiert?

Gott sei Dank haben wir – ich sage ganz bewusst wir – uns gezwungen gesehen, offensiver zu werden. Der erst 21-jährige Relebohile Mofokeng wurde reingenommen, und durch einen Elfmeter ist dann das 1:1 gelungen. Im dritten Spiel haben wir endlich eine Startelf gesehen, die wir eigentlich schon im Eröffnungsspiel hätten sehen müssen. Mofokeng, Oswin Appolis, dann noch Thapelo Maseko, der das Tor gemacht und sich mit seiner Schnelligkeit als inverted winger, als inverser rechter Flügelstürmer, einige andere Chancen erarbeitet hat, und dazu als zentrale Spitze Evidence Makgopa von den Orlando Pirates. Kurz gefasst: Durch die Spielstände ist Trainer Hugo Broos zu seinem Glück gezwungen worden.

Nach Schlusspfiff: Jubel-Explosion bei Südafrika

Der Druck auf Trainer Hugo Broos war danach gigantisch.

Er hat darauf ein bisschen mit einem Kriegsspiel reagiert, macht vielleicht auf den Mitleidsbedürftigen. Vielleicht verfällt man als Trainer, als Mensch, der älter wird, in so eine Stubbornness, Starrköpfigkeit, die einfach nicht mehr korrigierbar ist. Nach dem Sieg gegen Südkorea sagte er nun, dass man den „Großmäulern in Südafrika den Mund gestopft“ habe. Ich bleibe dabei: Er wurde zu seinem Glück gezwungen, auch, wenn er sagt, er habe nichts geändert. Trotzdem: meine Hochachtung. Er ist jetzt fünf Jahre hier und hat zum ersten Mal eine Mannschaft bei einer WM aus der Gruppenphase geführt.

Was erwarten Sie im Spiel gegen Kanada am heutigen Sonntag?

Wenn Broos die Mannschaft so aufstellt, werden wir eine Chance haben. Wenn wir mit diesem Ansatz Kontermöglichkeiten produzieren. Wenn wir uns weiter auf die sehr junge Defensive um den 20-jährigen Mbekezli Mbokazi und den 22-jährigen Ime Okon im Zentrum verlassen können. Auf den Außenverteidigerpositionen haben wir noch Potenzial brachliegen. Aubrey Modiba und Khuliso Mudau spielen bei den Mamelodi Sundowns noch offensiver und das können wir noch nutzen. Es ist mit Sicherheit kein Nachteil, dass Kanada als Co-Gastgeber mit Rang zwei das Heimrecht verspielt hat und in Los Angeles auftreten muss. Die Chancen sehe ich ganz realistisch. Sie sind 50/50.

Was hat die Qualifikation für die Runde der letzten 32 in Südafrika ausgelöst?

Es ist nicht so, dass jetzt alle jubelnd mit einem Ball durch die Gegend laufen, so weit ist es noch nicht. Aber es ist schon etwas passiert seit dem Auftaktspiel. Breitere Bevölkerungsgruppen schauen jetzt Fußball, weil wir es letztlich unerwartet aus der Gruppe geschafft haben und vielleicht sogar noch eine Runde weitergehen können. Doch für den Fußball im Allgemeinen ist es mit der Konkurrenz Rugby und Cricket noch ein weiter Weg. Wir sind Weltmeister im Cricket. Permanent. Im Fußball müssen wir die kleinen Schritte gehen. Wir sind im Moment auf einem guten Weg.

In Südafrika scheint die Stimmung nach der Vorrunde auf jeden Fall besser zu sein als in Ihrer alten Heimat Deutschland. Hätten Sie das vor dem Turnier erwartet?

Nicht wirklich. Ich hatte eher damit gerechnet, dass wir vielleicht in Südafrika darüber diskutieren, warum wir nicht weitergekommen sind und taktisch alles bis ins Detail zerpflücken. Das gibt es jetzt in Deutschland. Die Medienlandschaft liebt das möglicherweise. Eigentlich hätte man es umgekehrt erwartet: Wir zerstückeln uns hier in Südafrika und der deutsche Fan, der deutsche Stakeholder freut sich jubilierend auf das nächste Spiel.

In Deutschland ist die Sorge nun groß, dass der aggressive Spielstil Paraguays die deutsche Offensive kaltstellen können.

Ach, das ist alles ein bisschen herbeigeholt. Jamal Musiala, Florian Wirtz, Kai Havertz. Die spielen in den höchsten Ligen. Da muss niemand herkommen und behaupten, die können kein Eins gegen Eins gewinnen. Die haben gegen Ecuador einen Scheißtag gehabt. Aber es ist auch ganz logisch, dass sich nach dem Gruppensieg niemand durch eine stümperhafte Aktion verletzen will. Vielleicht sogar durch eine, die man selbst heraufbeschwört. Wir werden das Spiel gegen Paraguay klar gewinnen. Als Bundestrainer würde ich mich gar nicht so viel zu Wort melden und mich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren.

Würden Sie als Bundestrainer auf dem Platz etwas ändern?

Ich vermisse Deniz Undav neben Havertz in der Startelf. Das würde uns im Zentrum sehr gut zu Gesicht stehen. Diese Diskussionen um Startspieler oder Joker irritieren mich. Er hat das jetzt über lange Zeit beim VfB Stuttgart gezeigt. Er kann als Startelfspieler unglaublich effektiv sein. Er hat in der Liga 19 Tore geschossen, sechs Assists geliefert. Wir müssen ihn jetzt nicht in die Jokerrolle diskutieren.

Sie wollen den neuen Bomber der Nation vorne drin sehen.

Wir beklagen uns monatelang darüber, dass wir keinen Miroslav Klose, dass wir keinen Gerd Müller mehr haben. Dann haben wir einen, der Woche für Woche zeigt, wie es geht. Sorry, das ist so, als hätte ich einen Maserati in der Garage stehen und fahre jeden Tag mit einem Fiat 500 los. Das kann wirklich nicht sein.

Blicken wir zum Ende der Vorrunde noch auf eine große Veränderung im Spiel: die Trinkpausen. Englands Trainer Thomas Tuchel hat sich dazu sehr differenziert geäußert. Die Kurzform: Für die Trainer sind sie gut, für die Fußball-Romantiker nicht.

Die Aussage von Thomas Tuchel unterstütze ich aus Trainersicht ausdrücklich nicht. Manchmal muss eine Mannschaft müde gespielt werden. Das gelingt dir dann vielleicht 15 Minuten. Du weißt: Noch fünf, sechs Minuten, dann wird das Tor kommen. Dann können wir die Linie des Gegners im Mittelfeld oder auf hinterer Ebene durchbrechen. Müdigkeit erzeugt Konzentrationsmangel. Diese verrückten Trinkpausen in den klimatisierten Stadien unter dem Einfluss von 22 Grad können nicht im Sinne eines Trainers sein.

Also sind Sie komplett dagegen?

Ich habe sehr viel Verständnis, dass bei 35 Grad eine Pause eingepflegt werden muss. Wenn es angebracht ist, dann soll man es machen. Aber nicht bei 22 Grad. Ich weiß nicht, wie das in Zukunft laufen soll. Wenn wir den Temperaturen in den Wintermonaten gerecht werden wollen, dann müssen wir in Zukunft wohl Glühwein anbieten, damit die Spieler etwas Heißes haben und über die Runde kommen. Wenn es aus medizinischer Sicht geboten ist, begrüße ich die Trinkpausen. Aus taktischer Sicht eines Trainers generell eher nicht.

Welche Mannschaft hat Sie bislang überzeugt?

Ich bin sehr beeindruckt von der unglaublichen Power, die Frankreich an den Tag legt. Nach wie vor bin ich auch beeindruckt von der spanischen Mannschaft, die zwar Schwierigkeiten hatte. Doch die individuelle Qualität und auch die als Kollektiv, das ist schon sehr, sehr gut. Die Spanier haben nie ihr Konzept verlassen. Sie sind immer wieder über die Außen in die Mitte gekommen. Sie haben Abschlussmöglichkeiten gehabt. Im Tor der Kap Verde steht auf einmal ein 40-Jähriger und hält alles. Der hat seine Social-Media-Präsenz durch das Spiel auf 13 Millionen Follower erhöht. Das sind Dinge, die dir auch was mitteilen über das Spiel.

Gibt es noch andere Mannschaften?

England war sicherlich auch beeindruckend, aber nur in der einen oder anderen Spielphase, nicht so konsequent über alle Spiele hinweg.

Wie haben Ihnen die Brasilianer unter Carlo Ancelotti gefallen? Der hat Schottland den Ball gegeben und dann plötzlich hoch anlaufen lassen. Die Schotten haben ihre Fehler gemacht. Hat diese Spielidee bei der WM Zukunft?

Der ist gut, der Carlo Ancelotti. Mit dem würde ich gerne mal zusammen eine Zigarre rauchen, Montecristo Number Two. Das wäre noch einmal so ein heimlicher Wunsch von mir. Er ist immer wieder auf dem Weg, die richtigen Dinge anzusprechen. Das ist doch ähnlich, wie es Luis Enrique bei Paris Saint-Germain macht. Der sagt dem Torwart: Klopp das Ding auf deren rechte Abwehrseite und wir starten von da. Mit dem fantastischen Pressingverhalten und der Winning Mentality im Eins gegen Eins gewinnen wir den Ball da. Wir profitieren davon. Das ist doch genau das Gleiche. Da ist eine taktische Ambition dahinter.

Gefällt Ihnen das?

Ich finde das super. Das sind Abläufe, die wir zur Kenntnis nehmen müssen und die wir in Zukunft vielleicht sogar auf Kreisliga- oder Bezirksliga sehen werden. Das ist eine Auffälligkeit, die wir dann bei solchen Weltmeisterschaften wahrnehmen und die getragen von so einem Trainer wie Ancelotti eingepflegt werden. Laissez fair. Es ist überragend, wie dieser Mann daherkommt. Ich kann das einfach nur hochgradig positiv sehen.

Wie lässt sich das als unterlegene Mannschaft verteidigen? Die Schotten beklagten später, sie seien in eine Falle gelaufen, obwohl sie wussten, was sie erwartet.

Das ist das Schöne am Fußball. Dass man plant und im Grunde genommen vorbereitet ist. Es wäre interessant gewesen, wenn die Schotten gesagt hätten: Was sollen wir hier rumspielen? Die warten nur auf unsere Fehler. Wir hauen den Ball einfach raus. Es ist nichts Neues, dass der eine über den anderen Bescheid weiß. Trotzdem scheitert man an den Schwächen, die beide Seiten kennen, und verliert das Spiel.

Verwendete Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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