28.06.2026 | 19:13 Uhr
Die Stimmung in Fußball-Deutschland ist nach der Niederlage gegen Ecuador mies. Momentan setzt niemand einen Pfifferling auf die DFB-Elf. Doch das ist vielleicht etwas zu vorschnell.
„So sind wir bald raus!“ Die „Bild“ war sich sicher: So kann das nichts werden. Und sie legte auch noch gleich die Begründung nach: „Ein Tor in der Schlussminute fängt sich keine Weltmeister-Elf.“ Aber auch das Fachblatt „Kicker“ hatte plötzlich große Zweifel an der deutschen Mannschaft – damals, in diesem im Rückblick so magischen Sommer in Italien: „Die Leichtigkeit ist weg – Kolumbien deckt die Schwächen in der Rückwärtsbewegung schonungslos auf.“
Was war passiert? Nach zwei überzeugenden Auftritten gegen Jugoslawien und die Vereinigten Arabischen Emirate hatte sich die DFB-Elf in einem eher durchschnittlichen Spiel kurz vor Schluss der Partie noch den 1:1-Ausgleich gegen Kolumbien bei der WM 1990 gefangen. In Deutschland ging anschließend das Stimmungsbarometer im Sturzflug nach unten.
Später im Turnier sollte übrigens auch der Teamchef Franz Beckenbauer höchstpersönlich noch einmal richtig ausrasten und seine Mannschaft beschimpfen, als sie das Viertelfinale nur mit Mühe und Not gegen zehn Spieler aus der CSFR gewann. Der Wortlaut des Kaisers damals an sein Team in der Kabine nach der Partie: „Ihr Blinden. Ihr Topfenkicker. Ihr seid’s die größten Deppen!“
Schon bei WM 1954 ging es rund
Bei der WM 1954, das im „Wunder von Bern“ mit dem Titel für die deutsche Elf endete, hatte Deutschland bereits nach der deutlichen 3:8-Niederlage gegen Ungarn im zweiten Gruppenspiel alle Hoffnungen verloren. Mehr noch. Es wurde vehement der Rücktritt des Bundestrainers Sepp Herberger gefordert. In Briefen und Artikeln beschimpfte man ihn als „Verbrecher“ und „Vaterlandsverräter“. Für die deutschen Fußballfans stand damals fest, dass mit diesem Trainer kein Blumentopf zu gewinnen sei.
Aber auch bei der WM 1974 im eigenen Land lief bei weitem nicht alles nach Plan. Die 0:1-Niederlage der BRD gegen die DDR in Hamburg durch das legendäre Sparwasser-Tor setzte nicht nur der Mannschaft selbst zu, sondern aktivierte auch die mediale Wucht der Boulevardpresse. Gleich am nächsten Morgen titelte die „Bild“: „So nicht, Herr Schön!“ In den Tagen danach ließ man kein gutes Haar am Bundestrainer. In einer großen Kampagne machte man klar, wer der Hauptschuldige für die Niederlage gegen die DDR sei: „Die schweren Fehler des Herrn Schön. Aber: Noch ist Deutschland nicht verloren.“ Wie die Geschichte am Ende ausging, ist bekannt. Die DFB-Elf war tatsächlich noch nicht verloren – auch mit einem Coach, der weiterhin Helmut Schön hieß, nicht.
Mertesackers legendärer Ausraster
Ach, ja. Und dann war da noch das Jahr 2014. Deutschland spielte gegen Ghana nur 2:2 und „Die Zeit“ schrieb damals sorgenvoll: „Das alte Deutschland ist zurück.“ Die Angst, dass die DFB-Elf bereits in der Vorrunde ausscheiden könnte, war in den Tagen vor dem entscheidenden Gruppenspiel gegen die USA groß. Da diese Partie allerdings gewonnen wurde, kam es anschließend zum legendären Eistonnen-Interview zwischen ZDF-Moderator Boris Büchler und Nationalspieler Per Mertesacker.
Deutschland hatte sich im Achtelfinale in einem sehr engen Match nach Verlängerung gegen Algerien durchgesetzt – doch das langte natürlich nicht. Es hätte ein überzeugender Sieg sein müssen gegen das vermeintlich kleine Algerien. Diese Meinung brachte Mertesacker im Interview schließlich auf die Palme: „Woll’n Se eine erfolgreiche WM, oder soll’n wa wieder ausscheiden und haben schön gespielt? Ich verstehe die ganze Fragerei nicht. Wir sind weitergekommen, wir sind super happy.“
Und nun stehen wir wieder mitten in einem Turnier, von dem niemand weiß, wie es am Ende ausgehen wird. Aktuell häufen sich bei den deutschen Fans und Experten die Fragezeichen. Die Stimmung ist alles andere als gut. 80 Millionen Bundestrainer sehen einige Dinge deutlich anders, als der Mann, der als einziger entscheiden darf. Ob Kimmich auf die 6, Sané überhaupt auf dem Platz, warum Neuer statt Baumann und Undav nicht in der Startelf – es stellen sich aktuell völlig zurecht einige Fragen. Wer die besseren Antworten hat – Julian Nagelsmann oder jemand anderes -, wird sich jedoch erst noch zeigen müssen.
Deshalb der Appell an alle Zweifler und Nörgler: „Jetzt erst einmal Daumen drücken. Abgerechnet wird am Schluss!“ Nach einem (möglichen) Ausscheiden von Deutschland ist noch Zeit genug, Kritik zu äußern. Und das wird dann auch sicherlich passieren. Doch bis dahin sollten wir erst einmal gemeinsam hoffen, dass auch bei dieser Weltmeisterschaft wie 1954, 1974, 1990 und 2014 nach trüben Tagen wieder die Sonne scheint. Denn wenn wir ehrlich sind: Zum Leben gehören die Regentage einfach dazu. Hauptsache ist nur, dass danach wieder die Sonne aufgeht. In diesem Sinne noch ein paar schöne Spiele der deutschen Mannschaft bei dieser WM!
Verwendete Quelle: ntv.de
