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Politik

Altersabsicherung oder Verkaufsfalle: Was das Altersvorsorgedepot bietet

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 5, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Stand: 05.07.2026 • 05:44 Uhr

Das Altersvorsorgedepot soll das Rentensystem entlasten und für viele Menschen zugänglich sein. Doch Experten bezweifeln, dass mit dem neuen Depot soziale Gerechtigkeit hergestellt wird.

Lilli Hiltscher

Christof Dörr

Mit dem Altersvorsorgedepot will die Bundesregierung die private Altersvorsorge reformieren: Statt wie bisher in klassische Versicherungsprodukte einzuzahlen – wie das etwa bei der Riester-Rente der Fall war – sollen Menschen in Zukunft direkt am Kapitalmarkt investieren können und beispielsweise Fonds oder ETFs kaufen. Und der Staat fördert das Ganze.

Diese Reform ist kulturell bedeutsam: Deutschland gilt traditionell als Land der Sparer, nicht der Investoren. Viele Menschen sehen Aktien bis heute eher skeptisch: zu riskant, zu spekulativ, einfach unsicher. Auch das soll das Altersvorsorgedepot ändern: Es soll die sogenannte „Aktienkultur“ stärken, sodass dann mehr Menschen anfangen, am Kapitalmarkt zu investieren.

Immerhin bringen aktienbasierte Anlagen historisch gesehen langfristig höhere Erträge als klassische Versicherungsprodukte. Gerade junge Menschen könnten profitieren, wenn sie früh mit dem Sparen in ETFs anfangen. Aber das bedeutet auch: Mehr Eigenverantwortung und mehr Risiko als bei bisherigen staatlichen Altersvorsorgeprodukten. Die große Frage ist also: Kann ein politisches Instrument wirklich das Anlageverhalten einer ganzen Gesellschaft verändern?

Aktienrente mit staatlicher Förderung

Das Konzept ist vergleichsweise einfach: Man spart regelmäßig Geld in ein extra dafür vorgesehenes Depot. Das wird bei normalen Banken angeboten, und nicht bei einer staatlichen Institution. Dieses Geld wird am Kapitalmarkt investiert und der Staat fördert die Einzahlungen mit Zulagen und Steuervorteilen. Außerdem sollen Sparer in Zukunft selbst entscheiden können, wie viel Risiko sie eingehen wollen.

Anders als bei der Riester-Rente, bei der zwingend 100 Prozent der eingezahlten Beiträge garantiert wieder ausgezahlt werden mussten, soll es jetzt verschieden Modelle geben, in denen der prozentual garantierte Auszahlungsbetrag in Relation zu den Einzahlungen absinkt, bis zum Modell „keine Garantie“. Dabei könnte theoretisch das komplette Geld am Kapitalmarkt angelegt werden. Das bietet natürlich die höchsten Renditechancen, aber eben auch das größte Risiko, Verluste zu machen.

Olaf Stotz ist Professor an der Frankfurt School of Finance & Management. Er sieht die Möglichkeit, das Risiko künftig selbst wählen zu können, positiv: „Das Altersvorsorgedepot löst das Problem der die Renditebegrenzung der Riester-Rente, die man durch die Beitragsgarantie hat“, sagt er aktuellen Video des ARD-Finanzformates 50k auf YouTube: „Das ist auch aus meiner Sicht das wichtigste Problem, was gelöst wurde und das kann das Altersvorsorgedepot für Anleger attraktiv machen.“

Zu komplex?

Kritiker befürchten allerdings, dass die unterschiedlichen Garantie-Modelle viele Sparer schnell überfordern können. Gerade diejenigen, die sich mit Finanzen oder dem Aktienmarkt kaum auskennen, oder die keine Zeit haben, sich mit dem Thema zu beschäftigen, könnten auf der Strecke bleiben. „Wenn man sich allein den Gesetzestext durchliest, ist das kein Vergnügen“, so Olaf Stotz. Er hält das Konstrukt für zu komplex: „Es ist insbesondere für einen Laien schwer zu verstehen, teilweise sind Details selbst für Experten schwierig nachzuvollziehen.“

Die Folge: Viele Menschen wären auf Beratungen angewiesen. „Und da ist durchaus das Potential von Falschberatung gegeben, weil die Komplexität so hoch ist. Es ist unmöglich, das Altersvorsorgedepot in fünf Minuten zu erklären“, betont Experte Stotz.

Und die Möglichkeit der unterschiedlichen Modelle birgt eben auch das Risiko von Verlusten: Kursschwankungen gehören bei aktienbasierten Investments dazu. Anders als bei der Riester-Rente sind dadurch insbesondere kurzfristige Verluste möglich.

Kritiker sagen: Das ist nicht gerecht

Und noch ein weiteres Thema ruft Kritiker auf den Plan: Die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit. „Wenn man das Thema soziale Fairness und Gleichheit in der Altersvorsorge betrachtet und das Altersvorsorgedepot im Vergleich zur Riester-Rente sieht, dann ist das mit Blick auf den sozialen Ausgleich mit Sicherheit ein Rückschritt,“ urteilt Experte Stotz. Das neue System bevorzuge Besserverdiener, die mehr sparen könnten.

„Die Zulagen richten sich danach, wie viel ich spare. Das heißt: Die Maximalzulagen bekommt, wer den Maximalbeitrag – also 1.800 Euro im Jahr – sparen kann“, so Stotz: „Wenn ich nur den Minimalbetrag leisten kann – das sind in der jetzigen Gesetzgebung 120 Euro – dann bekomme ich auch nur eine relativ geringe Förderung.“ Das Problem daran: Schon jetzt sagen viele Menschen, dass sie derzeit nicht genug Geld haben, um ausreichend fürs Alter vorzusorgen: Laut einer aktuellen YouGov-Umfrage traf das im März 2026 auf 41 Prozent der Befragten zu. Die private Altersvorsorge leidet unter den gestiegenen Preisen der letzten Jahre.

Kosten verschlingen die Vorteile der Förderung

Ein riesiger Streitpunkt sind zudem die Kosten: Die Bundesregierung plant zwar, die Gebühren auf ungefähr ein Prozent pro Jahr zu deckeln. Verbraucherschützer sagen aber, dass selbst das noch zu viel ist. Das Problem ist nämlich, dass solche Kosten über Jahrzehnte extrem stark wirken. Auch kleine Gebühren können langfristig einen großen Teil der Rendite auffressen, wie folgende Beispielrechnung von Verivox zeigt.

Die Modellrechnung geht von einem 25-jährigen Anleger aus, der monatlich 150 Euro in einen ETF-Sparplan investiert, bei einer unterstellten konstanten Rendite von 7,5 Prozent pro Jahr. Das entspricht der historischen Durchschnittsrendite des MSCI World abzüglich marktüblicher ETF-Gebühren. Steuern bleiben in der Rechnung unberücksichtigt. Zunächst wird das Endvermögen für einen Sparplan ohne Gebühren und ohne Förderung ausgerechnet: So kommt man bis zum Renteneintritt mit 67 Jahren auf ein Vermögen von ungefähr 496.000 Euro.

Mit der staatlichen Förderung steigt die monatliche Sparleistung rechnerisch auf 195 Euro. Wenn dabei keine Kosten anfallen, steigt das Endvermögen auf rund 645.000 Euro – ein Plus von circa 149.000 Euro. Wird nun aber die gesetzlich erlaubte Kostenobergrenze von einem Prozent pro Jahr berücksichtigt, sinkt das Endvermögen auf ungefähr 480.000 Euro. Damit hat der Sparer im Altersvorsorgedepot sogar 16.000 Euro weniger Endvermögen, also jemand, der auf die Zulage komplett verzichtet, dafür aber in ein kostenfreies privates Wertpapierdepot investiert.

„Nicht der große Wurf“

Das zeigt: Selbst dieser gedeckelte Kostensatz von einem Prozent kann am Ende dafür sorgen, dass die Vorteile der staatlichen Förderung fast komplett wieder verpuffen – besonders, wenn man über viele Jahre spart. Für Olaf Stotz ist die geplante Kostengestaltung deshalb unverständlich: „Sie können heute ein Depot bei einem Neobroker für null Euro Kosten eröffnen. Insofern ist es für mich nicht nachvollziehbar, warum das Kostenmaximum noch immer so hoch angesetzt wird.“

Er rechnet auch deshalb nicht damit, dass das Altersvorsorgedepot „der große Wurf“ sein wird. „Es ist ein guter Baustein, um das Altersvorsorgesystem etwas besser zu machen“, so Stotzt. Aber wie viel es wirklich bringe, werde sich „erst mit der Reform des Rentensystems herausstellen“. Denn die Zukunftsfähigkeit der Rente wird sich nicht an einem einzelnen Instrument entscheiden, sondern an der Fähigkeit, ein ausgewogenes, verlässliches und gerechtes Gesamtsystem zu schaffen.

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