Ein alter Zeitungsausschnitt, ein neuer Kontext
Manchmal liefert Facebook selbst die beste Erklärung dafür, warum die Debatte über Desinformation so mühsam geworden ist. Nicht, weil jeder einzelne Fehler spektakulär wäre, sondern weil er zeigt, woran digitale Plattformlogik immer wieder scheitert: am Kontext.
Vor einigen Tagen haben wir bei Mimikama einen alten BILD-Ausschnitt aus dem Jahr 1975 aufgegriffen. Darauf ging es um hohe Temperaturen. Solche Ausschnitte werden derzeit wieder häufig geteilt, um heutige Hitzewellen kleinzureden oder den Klimawandel als übertrieben darzustellen. Die Botschaft ist meist schlicht: Früher war es auch heiß, also könne das heute nicht außergewöhnlich sein. Genau diese Verkürzung haben wir eingeordnet.
Unser Beitrag behauptete also nicht: „Früher war es auch heiß, alles halb so wild.“ Er erklärte, warum diese Schlussfolgerung irreführend ist. Wir haben den Screenshot nicht als Beleg verwendet, sondern als Beispiel dafür, wie alte Schlagzeilen heute aus dem Zusammenhang gerissen werden. Das ist der Kern von Aufklärungsarbeit: Man zeigt, worüber gesprochen wird, und erklärt dann, warum die daraus gezogene Behauptung nicht trägt.
Was Facebook daraus machte
Facebook hat daraus offenbar etwas anderes gemacht. Wir und alle Nutzerinnen und Nutzer, die unseren Beitrag geteilt hatten, erhielten plötzlich den Hinweis, ihr Inhalt enthalte angeblich Fehlinformationen. Als Begründung wurde auf einen dpa-Faktencheck verwiesen, der genau dieses Thema behandelt: die irreführende Verwendung eines alten BILD-Titelblatts aus dem Jahr 1975 in aktuellen Klimadebatten.
Wichtig ist dabei: Die Deutsche Presse-Agentur, kurz dpa, ist nicht Facebook. Sie ist eine unabhängige Nachrichtenagentur mit eigener Faktencheck-Redaktion. Die dpa beteiligt sich nach eigenen Angaben an Faktencheck-Programmen von Plattformen wie Meta und TikTok. Die Redaktion entscheidet dabei selbstständig, welche Behauptungen sie überprüft und welche Faktenchecks sie veröffentlicht. Eine redaktionelle Einflussnahme von außen soll es dabei nicht geben.
Das heißt in diesem Fall: Nicht die dpa hat unseren Mimikama-Beitrag als falsch bezeichnet. Die dpa hat einen Faktencheck zu einem Motiv veröffentlicht, das tatsächlich irreführend verwendet wird. Das Problem entsteht offenbar erst dort, wo Facebook beziehungsweise Meta entscheidet, bei welchen Beiträgen dieser Hinweis angezeigt wird.
Der Kontext ging verloren
Genau dort scheint der Kontext verloren gegangen zu sein. Unser Beitrag ordnete die irreführende Verwendung des alten Zeitungsausschnitts ein. Durch den Hinweis wirkte es für Nutzerinnen und Nutzer jedoch so, als enthalte ausgerechnet diese Einordnung selbst Fehlinformationen.
Man kann nun natürlich sagen: Wenn dasselbe BILD-Titelblatt verwendet wird, ist es doch naheliegend, dass Facebook den Beitrag ebenfalls erfasst. Technisch mag das erklärbar sein. Inhaltlich ist es trotzdem falsch. Denn bei Desinformation entscheidet nicht nur das verwendete Bild, sondern die Aussage, die damit verbunden wird.
Ein Screenshot ist nicht automatisch eine Behauptung. Ein altes Zeitungstitelblatt kann manipulativ eingesetzt werden. Es kann aber auch journalistisch eingeordnet werden. Dasselbe Bild kann täuschen oder aufklären. Der Unterschied liegt im Text, im Rahmen, in der Absicht und in der Aussage, die damit verbunden wird.
Auch der naheliegende Ausweg, das Bild mit einem großen „Fake“-Hinweis zu versehen, löst dieses Problem nicht zuverlässig. Aus Erfahrung wissen wir, dass Facebook solche Kontexte nicht immer sauber erkennt. Selbst wenn ein Motiv sichtbar als Warnung, Beispiel oder Einordnung gekennzeichnet wird, kann es trotzdem passieren, dass die Plattform vor allem das bekannte Bild erkennt und den erklärenden Rahmen übersieht. Dieser Fall ist daher kein einmaliger Ausrutscher, sondern Teil eines Problems, das wir seit Jahren beobachten.
Wenn Plattformen nur ein bekanntes Motiv erkennen, aber den Kontext nicht sauber erfassen, entsteht genau diese Schieflage: Aufklärung wird behandelt wie Verbreitung. Ein Beitrag, der eine Falschbehauptung erklärt, erscheint plötzlich selbst als problematisch. Für jene, die ihn geteilt haben, sieht es dann so aus, als hätten sie etwas Falsches verbreitet, obwohl sie tatsächlich eine Einordnung weitergegeben haben.
Die Behauptung bleibt, die Einordnung wird ausgebremst
Der eigentliche Witz an der Sache ist leider keiner: Während unser einordnender Beitrag mit einem Hinweis versehen wurde, sind Beiträge mit der irreführenden Botschaft weiterhin auffindbar. Also jene Beiträge, die den alten BILD-Ausschnitt tatsächlich nutzen, um heutige Hitzeereignisse zu relativieren oder den Klimawandel kleinzureden.
Nach unserer Beobachtung erzielen genau solche Beiträge teils tausende Reaktionen, Kommentare und Teilungen. Dort funktioniert die Empörungsmaschine offenbar tadellos. Bei der Einordnung hingegen greift plötzlich die Plattformbremse.

Das ist nicht nur ein technischer Schönheitsfehler. Es ist ein strukturelles Problem. Denn wenn die falsche Verkürzung weiter Reichweite bekommt, während die Erklärung dazu als verdächtig erscheint, dann wird nicht Desinformation bekämpft. Dann wird ihre Korrektur erschwert.
Warum solche Fehler mehr sind als nur ärgerlich
Das ist der Punkt, an dem die Sache über einen einzelnen Fehlgriff hinausgeht. Solche Hinweise sind nicht neutral. Sie verändern die Wahrnehmung eines Beitrags, sie können Reichweite begrenzen, Misstrauen erzeugen und Menschen verunsichern. Besonders fatal ist das dort, wo nicht die irreführende Behauptung getroffen wird, sondern die Aufklärung darüber.
Natürlich ist das kein Beweis für eine große Verschwörung. Es ist vermutlich viel banaler: ein Kontextfehler in einem System, das Desinformation eindämmen soll, aber nicht immer erkennt, ob ein Inhalt eine falsche Behauptung verbreitet oder sie widerlegt. Gerade diese banalen Fehler können Schaden anrichten, weil sie öffentlich sichtbar sind und genau jene irritieren, die Orientierung suchen.
Warum Menschen sich von solchen Plattformen abwenden
Es sollte niemanden wundern, wenn sich immer mehr Menschen von Facebook, X und ähnlichen Plattformen abwenden oder nach Alternativen suchen. Nicht nur wegen der Algorithmen, nicht nur wegen Hass, Hetze, Bots und Trollen, sondern auch wegen genau solcher Mechanismen: Wer aufklären will, muss ständig damit rechnen, von der Plattformlogik selbst missverstanden zu werden.
Wir erleben das nicht zum ersten Mal. Auch in unserer Facebook-Gruppe mussten wir Nutzerinnen und Nutzer immer wieder bitten, keine ungeprüften Screenshots oder Kettenbriefe direkt in die Gruppe zu stellen, obwohl genau das eigentlich der Sinn einer Aufklärungscommunity wäre: Menschen sehen etwas Verdächtiges, fragen nach, andere ordnen es ein. Nur erkennt Facebook diesen Kontext nicht immer. Aus einer Anfrage wie „Ist das ein Fake?“ kann für die Plattform schnell ein Beitrag werden, der angeblich Falschinformationen verbreitet.
Das ist für eine Faktencheck-Community absurd. Denn wer Fakes erklären will, muss Fakes zeigen dürfen. Wer Betrugsmaschen analysieren will, muss Beispiele nennen dürfen. Wer Desinformation einordnen will, muss das Material sichtbar machen können, über das gesprochen wird. Wenn eine Plattform diesen Unterschied nicht sauber erkennt, geraten am Ende nicht nur einzelne Beiträge unter Verdacht, sondern auch Gruppen, Seiten und Admins. Genau solche Verwarnungen, Einschränkungen und Blockierungen haben wir bereits erlebt.
Auch deshalb haben wir vor einigen Wochen einen eigenen digitalen Raum für Aufklärung veröffentlicht: den Mimikama-Club unter club.mimikama.org. Dort können Menschen verdächtige Inhalte melden, Fragen stellen und in Ruhe über Themen diskutieren, ohne dass ein Algorithmus den Kontext verdreht, ohne Kommentarhölle, ohne Reichweitenlogik und ohne das ständige Risiko, dass eine Anfrage zur Falschinformation erklärt wird.
Das ist keine Flucht aus der Öffentlichkeit. Es ist eine notwendige Antwort auf Plattformen, die Aufklärung zwar angeblich wollen, sie in der Praxis aber immer wieder ausbremsen.
Die Pointe ist fast zu sauber
Am Ende bleibt ein bitterer Befund: Facebook will vor Fehlinformationen warnen, verwechselt in diesem Fall aber offenbar die Fehlinformation mit der Einordnung darüber. Genau so entsteht zusätzliche Verwirrung in einer Debatte, die ohnehin schon kompliziert genug ist.
Die Pointe daran ist fast zu sauber, um schön zu sein: Ein Faktencheck wird durch einen Faktencheck-Hinweis verdächtig gemacht, weil die Plattform den Unterschied zwischen Motiv und Aussage nicht erkennt.
Willkommen in der schönen neuen Welt der automatisierten Kontextlosigkeit.
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise)