Mercedes-Beschäftigte in Deutschland protestieren heute gegen den verschärften Sparkurs des Autobauers. Aufgerufen hat dazu die IG Metall. Die Gewerkschaft warnt die Branche vor weiteren Aktionen.
Tausende Beschäftigte von Mercedes-Benz wollen heute bundesweit gegen die Verschärfung des Sparkurses bei dem Autobauer protestieren. Eine Sonderzahlung wurde verschoben und der Vorstand liebäugelt damit, dass die Belegschaft für das gleiche Geld mehr arbeiten soll. Daher ruft die IG Metall zu Protesten vor den Werkstoren auf.
Kundgebungen finden den Angaben zufolge unter anderem an den Standorten Sindelfingen und Untertürkheim (Stuttgart) statt. Aber auch in Rastatt, Kuppenheim, Bremen, Berlin, Hamburg und Germersheim sind Aktionen geplant, wie ein Gewerkschaftssprecher in Frankfurt mitteilte. In Düsseldorf will IG Metall-Chefin Christiane Benner sprechen.
Weitere Aktionen bei anderen Betrieben geplant
Der Protest bei Mercedes soll der Auftakt für weitere Aktionen innerhalb der Branche sein. „Die IG Metall und die Beschäftigten der Hersteller und Zulieferer werden den Unternehmenslenkern der Autoindustrie einen heißen Sommer und Herbst bescheren, solange sie weiter auf Arbeitsplatzabbau und Verlagerung setzen, statt echte Problemlösungen zu suchen“, erklärte die Gewerkschaft.
„Den Beschäftigten der Automobilindustrie reicht es“, so die IG Metall. „Nicht länger lassen sie sich zum Sündenbock machen, wenn Managementfehler und geopolitische Konflikte Ursache der Krise sind.“ In ganz Deutschland sorgten Entscheider der Hersteller und Zulieferer für schlechte Nachrichten. 50.000 Arbeitsplätze hätten sie vergangenes Jahr abgebaut – und es werde so weiterlaufen, wenn es nach ihnen gehe. „Aber eines vergessen sie: Die Beschäftigten sind nicht schuld an der Misere.“
Ein Mercedes-Sprecher erklärte: „Wir nehmen mögliche Unsicherheiten und Sorgen ernst. Mercedes-Benz ist es wichtig, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter frühzeitig und transparent zu informieren – auch bei schwierigen Entscheidungen. Wir respektieren, dass sich der Betriebsrat zur Produktivitätsoffensive äußert.“ Die Beschäftigtenvertretung hatte das Unternehmen vorab über die geplanten Proteste informiert.
Schreiben des Vorstands an die Beschäftigten
In einem Schreiben an die Beschäftigten in Deutschland hatte der Vorstand von Mercedes-Benz Ende vergangener Woche mitgeteilt, dass man „weiterhin mit Hochdruck die Kosten senken“ müsse, um bei den Preisen für die Produkte wettbewerbsfähig zu bleiben. „Trotz all unserer Anstrengung ist die Situation heute in Deutschland dramatisch“, hieß es darin.
Etwa 90.000 der rund 108.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Deutschland erhalten demnach als Sofortmaßnahme nicht wie erwartet im Juli eine tarifliche Sonderzahlung. Diese werde auf das kommende Jahr verschoben, hieß es in dem Schreiben. Bei der Sonderzahlung handelt es sich um den jährlichen „Transformationsbaustein“. Dieser beträgt 18,4 Prozent des regelmäßigen individuellen Monatsentgelts. In Betrieben in wirtschaftlichen Krisen könne die Sonderzahlung verschoben oder ausgesetzt werden, heißt es auf der Webseite der IG Metall.
„Wir werden bei Mercedes-Benz Prozesse radikal beschleunigen und gewachsene Strukturen verschlanken“, so der Vorstand des Autoherstellers. Die Arbeitsstunde müsse günstiger werden. Zugleich will das Management mit dem Betriebsrat in den kommenden Wochen über eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich sprechen, wie das Unternehmen mitteilte. Laut Tarifvertrag arbeiten die Beschäftigten zurzeit 35 Stunden in der Woche.
VW-Aufsichtsrätin gegen Werksschließungen
Neben Mercedes und BMW will auch Europas größter Autobauer Volkswagen seinen Sparkurs deutlich verschärfen. Insgesamt bis zu 100.000 Stellen könnten weltweit wegfallen, doppelt so viele wie bisher geplant. Vier Werken in Deutschland – Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm – könnte nach den Plänen des Managements die Schließung drohen.
Das stößt im Aufsichtsrat des Autokonzerns auf Widerstand. „Einfach nur Werke zu schließen, wäre viel zu kurz gesprungen. Werksschließungen sind keine Zukunftsstrategie“, sagte Niedersachsens Vize-Regierungschefin und VW-Aufsichtsrätin Julia Willie Hamburg der Deutschen Presse-Agentur.
Niemand stelle den notwendigen Wandel infrage. „Im Gegenteil: Volkswagen muss sich verändern“, sagte die Grünen-Politikerin. „Aber die Transformation muss den Konzern nachhaltig wettbewerbsfähiger machen und an seine Stärken anknüpfen – nicht seine industrielle Substanz schwächen.“ Zum Beispiel gebe es viele Synergien, die der Konzern noch heben kann. „Da liegt doch der eigentliche Hebel, auch wirklich Kosten zu senken.“
