Berlin Tag & MachtMERZ. Demnächst im Kino! FSK: 67

Großes Budget, prominente Darsteller, jahrelange Irrfahrt und ein Mann, der unbedingt ans Ziel will: Die Parallelen zwischen „Die Odyssee“ und der Bundesregierung sind frappierend. Nur: Christopher Nolan hat ein Drehbuch, Friedrich Merz nur einen Koalitionsvertrag.
Stellen Sie sich mal einen Film über einen Mann vor, der sein Land in außergewöhnlich schwierigen Zeiten anführen und retten soll. Der mit großen Ambitionen startet, von einer Katastrophe in die nächste gerät, jeden Zeitplan reißt, sich mit Kriegen und Intrigen auseinandersetzen muss, zwischendurch die Orientierung verliert und trotz dieser Irrfahrt unbeirrbar darauf besteht, alles verlaufe im Großen und Ganzen nach Plan. Aber mal genug von Friedrich Merz. Kommen wir lieber zu etwas Kulturrelevantem: Am 16. Juli startet Christopher Nolans „Die Odyssee“.
Ein Film, der bereits vor seinem Kinostart für gigantischen Kommentarspalten-Trubel sorgt. Und das nicht, weil das Werk trotz des recht eindeutigen Titels überraschenderweise kein Epos über die Suche der Bundesregierung nach den versprochenen Erfolgsreformen ist. Sondern weil überschallpatriotische Stolzmonat-Avengers sich von Nolans Casting-Entscheidungen in ihrer Kernkompetenz untergraben fühlen: historisches Detailwissen über die phänotypischen Gegebenheiten der Bronzezeit.
Die neue Armada Antik-Experten wirft Nolan vor, für „Die Odyssee“ dem Konzept der historischen Authentizität noch weniger Aufmerksamkeit zu schenken als Jens Spahn der Aufklärung über seine Maskendeals. An allem wird gemäkelt: Rüstungen. Waffen. Kostüme. Akzente. Altertümliche Genauigkeit. Vor allem aber an der Besetzung. Insbesondere der ethnischen Darstellung der Figuren. Oder kurz gesagt: an der Hautfarbe.
„Was kommt als Nächstes? Ryan Gosling als Nelson Mandela?“
Das im Empörungsmodus am häufigsten als Beleg dafür herangezogene Argument, warum Nolan sich der politischen Überkorrektheit einer neuen Hysteriegesellschaft unterwerfe, ist die Personalie der Helena. Homer beschrieb „die weißarmige Helena“ als „einer unsterblichen Göttin gleich“. Eine Schönheit, für die Männer in den Krieg ziehen. Einst spielte das 27-jährige Supermodel Diane Kruger jene Helena. In Nolans „Odyssee“ wird sie von der in Kenia aufgewachsenen Lupita Nyong’o interpretiert. Ein Supergau für alle, die Alice Weidel für die Retterin des Abendlandes halten. Da wird geschäumt: Die ist ja schwarz! Dabei war Homers Helena doch hellenischer Abstammung, das sieht man ja bereits am Namen. Eine derartig turboevidente Argumentation ist typisch für ein woke-phobisches Lager, das auch zweifelsfrei davon überzeugt ist, Hitler, Goebbels, Göring, Himmler und Heydrich seien Sozialisten gewesen. Immerhin hieß ihre Partei „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“. Nach dieser Logik war auch die DDR demokratisch, aber da mal politsemantischer Schwamm drüber.
Die Frage lautet also: Wie viel darf man am ursprünglichen Buch verändern, wenn man es für die Gegenwart adaptiert? Eine Debatte, die auch die Bundesregierung kennt. Nur lautet sie dort: Stand das wirklich so im Koalitionsvertrag? Was bleibt, ist die Erkenntnis: Es gibt Filme, bei denen man schon vor Kinostart weiß: Sie schreiben Geschichte. Und es gibt Bundesregierungen, bei denen schon kurz nach Amtsantritt klar ist: Selbst sehr fähige Historiker werden es später schwer haben, zu rekonstruieren, was genau sie eigentlich gemacht haben.
Ist das Matt Damon oder Lars Klingbeil?
Für das Kabinett Merz kommt erschwerend hinzu: Die Unterschiede zu „Die Odyssee“ sind mit bloßem Auge kaum bemerkbar. Beide haben ein Ensemble, bei dem man sich fragt, ob wirklich jeder eine Sprechrolle benötigt hätte. Bei beiden sitzt das Publikum ewig da und denkt: Kommen wir eigentlich auch mal irgendwo an? Die Parallelen zwischen Homers Odysseus und der schwarz-roten Bundesregierung sind inzwischen derart offensichtlich, man fragt sich bereits, warum Universal Pictures nicht längst Unterlassungsklage eingereicht hat.
Auch bei den jeweiligen Hauptprotagonisten, Odysseus und Friedrich Merz, identifiziert der geschulte Polit-Beobachter klare Analogien. Odysseus brauchte zehn Jahre, um nach Hause zurückzukehren. Also etwa so lange, wie es in Deutschland dauert, um einen Behördentermin zu bekommen. Unter anderem deswegen wünschen sich knapp 80 Prozent der Deutschen, auch Merz würde sich bei Gelegenheit an griechischer Mythologie orientieren und ebenfalls den Heimweg nach Arnsberg-Niedereimer antreten. Nähme er dafür die Deutsche Bahn, wäre das Gleichnis formvollendet. Merz würde dann für seine Heimkehr vermutlich ebenfalls zehn Jahre benötigen.
Und selbst wenn er es statt in zehn Jahren in zehn Minuten schaffen würde, zum Beispiel weil er im Besitz eines Pilotenscheins und eines Privatflugzeuges ist, wäre damit die Ziellinie auf der nach oben offenen Homer-Skala der Polit-Gleichnisse noch lange nicht erreicht. Denn: Odysseus schleuste das Trojanische Pferd ein und hinterließ Troja in Trümmern. Merz schleuste Lars Klingbeil ein und hinterließe die Regierung in posttrojanischem Zustand. Neben Klingbeil hat natürlich auch Foodblogger Markus Söder eine Hauptrolle in der Merz-Odyssee. Er ist Poseidon. Taucht in unregelmäßigen Abständen auf, erzeugt gewaltige Wellen und verschwindet anschließend wieder nach Bayern.
Die Hollywoodisierung des Politikbetriebs
Die Odyssee ist eine Geschichte über Versuchungen, Ablenkungen, Monster, toxische Verbindungen. Über falsche Versprechen und über Männer, die glauben, alles unter Kontrolle zu haben. Also praktisch eine Folge „Markus Lanz“ mit Tino Chrupalla. Sie zeigt aber auch: Die deutsche Politik hat die erstaunliche Fähigkeit entwickelt, Aktivität und Ergebnis vollständig voneinander zu entkoppeln. Sollte „Die Odyssee“ (und das prognostizieren Filmexperten nach wie vor) ein ziemlich gigantischer Blockbuster werden, ist Christopher Nolan etwas ganz Ähnliches gelungen: die vollständige Entkopplung von öffentlichem Diskurs und kommerziellem Erfolg.
Nolan brauchte dafür einen dreiminütigen Trailer. Die Bundesregierung ist etwas langsamer. Aber nicht tatenlos. Sie hat nun etwas getan, was Regierungen oft tun, wenn die Bevölkerung den Eindruck gewinnt, man hätte sich in einen hübschen politischen Stillstand manövriert: Sie hat ein Papier mit beeindruckenden 34 Maßnahmen vorgelegt. Sapperlot, vierunddreißig! Das ist ungefähr die Anzahl an Til-Schweiger-Filmen, die man nie auseinanderhalten kann, wenn man beim Vorspann nicht genau auf den Titel geachtet hat.
Politik ist nicht wie Hollywood. Trailer reichen nicht, um Begeisterung zu entfachen. Man kann monatelang beraten, tagen, abstimmen, verhandeln, beschließen, nachverhandeln und anschließend verkünden, man habe sich geeinigt, dass man demnächst vermutlich irgendwann etwas ändert. Aber dann liegt halt irgendwann die AfD bei 30 Prozent. Da hilft dann auch kein Christopher Nolan mehr. Obwohl der aus diesem Prozess vermutlich ein Regierungsviertel-Sequel von „Inception“ gemacht hätte: eine Reformpapier-Diskussion in einer Reformpapier-Diskussion in einer Reformpapier-Diskussion. Und ganz unten dreht sich Friedrich Merz als Kreisel.
Friedrich Christopher Nolan Merz hat ein Kommunikationsproblem
Dabei wäre es so einfach. Die Bundesregierung müsste ihre Arbeit lediglich wie einen Christopher-Nolan-Film vermarkten. Statt „Die Wirtschaft wächst kaum“ eher: „Das größte Abenteuer einer Generation“. Und statt „Union und SPD streiten über die Rente“ lieber: „Zwei Parteien. Ein Schicksal. Keine Exit-Strategie.“ Da produziert sich dann auch der Trailer nahezu von selbst: Friedrich Merz steht auf dem Dach des Kanzleramtes, hinter ihm explodiert der Reichstag. Eine markante Erzählerstimme raunt: „In einer Welt, in der nichts mehr funktioniert, muss ein Mann den Koalitionsausschuss einberufen. MERZ. Demnächst im Kino! FSK: 67“.
Wobei: Bei Nolan bekommt man Matt Damon und Anne Hathaway, Deutschland bekommt Alexander Dobrindt und Bärbel Bas. Plus: Christopher Nolan weiß, wie sein Film endet. Er hat ein Drehbuch. Eine Dramaturgie. Ein Ziel. Einen Anfang und ein Ende. Die Bundesregierung hat einen Koalitionsvertrag. Das ist ungefähr dasselbe, nur eben ohne Dramaturgie, ohne Ziel und ohne die Gewissheit, dass alle Beteiligten das Ende erleben. Irgendwie bin ich jetzt doch nicht mehr so sicher, dass diese Regierung ein Blockbuster wird. Aber vielleicht ist sie auch gar kein Kinofilm. Vielleicht ist sie eine Serie. Teuer produziert. Groß angekündigt. Mittelmäßig besetzt. Nach der ersten Staffel enttäuschende Quoten. Und am Ende wird sie abgesetzt, obwohl noch sämtliche Handlungsstränge offen sind.
