FAQ
Die US-Regierung hat dem Verkauf von „Tomahawk“-Marschflugkörpern an Deutschland zugestimmt. Um was geht es dabei? Was ist der Unterschied zu herkömmlichen Raketen? Und wo liegen die politischen Risiken? Ein Überblick.
Um was geht es?
Laut Bundeskanzler Friedrich Merz hat die Bundesregierung am Rande des NATO-Gipfels in Ankara mit den USA vereinbart, „dass amerikanische „Tomahawk“-Raketen von uns erworben und in Deutschland stationiert werden“.
Was ist der „Tomahawk“?
Der „Tomahawk“ ist ein Marschflugkörper, der von den US-Streitkräften vor 43 Jahren in den Dienst gestellt wurde. Das Waffensystem kam erstmals bei der „Operation Desert Storm“ („Wüstensturm“) 1991 im Irak zum Einsatz und zuletzt auch im Iran-Krieg. „Tomahawk“-Marschflugkörper können damit für Präzisionsangriffe aus großer Entfernung genutzt werden.
Die 1,5 Tonnen schweren Flugkörper können Sprengköpfe mit einem Gewicht von 450 Kilogramm transportieren und stark befestigte Ziele wie Flugabwehrsysteme, Kommandozentralen und Militärflugplätze in bis zu 2.500 Kilometern Entfernung angreifen.
„Tomahawks“ können dabei von Schiffen, U-Booten und vom Boden aus abgefeuert werden und treffen ihre Ziele in der Regel mit einer Genauigkeit von wenigen Metern. Eine Ausführung des „Tomahawks“, die mit einem Atomsprengkopf bestückt werden konnte, wurde 2013 außer Dienst gestellt.
Was unterscheidet „Tomahawks“ von ballistischen Raketen?
Marschflugkörper verfügen anders als ballistische Raketen über einen permanenten eigenen Antrieb. Nach dem Start werden „Tomahawks“ von einem Treibstoff angetrieben, später übernimmt ein kleines Triebwerk den Flug. Sie werden in Richtung von vorher definierten Zielen gelenkt und tragen häufig Tragflächen zur Stabilisierung der Flugbahn.
Bei einer Flughöhe von weniger als 200 Metern sind die rund sechs Meter langen und bis zu 1,5 Tonnen schweren Flugkörper von gegnerischem Radar nur schwer zu orten. Die Ausführung BGM-109 kann mit einer Geschwindigkeit von bis zu 880 Kilometern pro Stunde fliegen.
Warum will Deutschland „Tomahawks“ stationieren?
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine vor mehr als vier Jahren wird die Aufstellung von Mittelstreckenwaffen in Deutschland wieder von vielen Experten als nötig erachtet. Die Europäer verfügen selbst nicht über Fähigkeiten dieser Art und sind daher auf die USA angewiesen.
Zu Zeiten des Kalten Krieges hatten die Vereinigten Staaten bereits Mittelstreckenwaffen in Deutschland stationiert. Später bauten die USA und die Sowjetunion sowie ihre Nachfolgestaaten die Raketenarsenale in Europa deutlich ab.
Durch den russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 änderte sich die Sicherheits- und Bedrohungslage in Europa grundlegend. Für die Bundeswehr steht nach vielen Jahren ohne direkte Bedrohung wieder die Landes- und Bündnisverteidigung an erster Stelle – wie zuletzt im Kalten Krieg. Dafür fehlen der Bundeswehr aber Waffensysteme wie weitreichende Marschflugkörper, die vom Boden aus abgefeuert werden können.
Warum sind die „Tomahawks“ nur eine Übergangslösung?
Mittelfristig wollen mehrere NATO-Verbündete ein eigenes Waffensystem für weitreichende Präzisionsangriffe („deep precision strike“) auf sogenannte Hochwertziele eines Gegners beschaffen. Dazu wurde 2024 auf dem NATO-Gipfel in Washington das Projekt ELSA (European Long-Range Strike Approach“) angestoßen.
Mehrere europäische NATO-Verbündete wollen unter diesem gemeinsamen Dach einen eigenen Marschflugkörper mit einer Reichweite von mehr als 2.000 Kilometern entwickeln.
Wie kam der Deal mit Trump zustande?
Beim NATO-Gipfel 2024 hatten die USA unter dem damaligen Präsidenten Joe Biden für das Jahr 2026 in Aussicht gestellt, „Tomahawks“ sowie Raketen vom Typ SM-6 und neu entwickelte Hyperschallwaffen in Deutschland zu stationieren – kostenlos und inklusive Personal zur Bedienung der Waffen.
Kanzler Merz ging lange Zeit davon aus, dass sich auch Bidens Nachfolger Donald Trump daran hält. „Ich habe im Augenblick keine Veranlassung, an den Verabredungen zu zweifeln, die wir mit den Vereinigten Staaten von Amerika im NATO-Bündnis getroffen haben“, sagte er noch im vergangenen Dezember.
Nach der deutschen Kritik am Iran-Krieg kündigte Trump aber dann nicht nur an, 5.000 Soldaten aus Deutschland abzuziehen. Kurze Zeit später wurde auch bekannt, dass die Verlegung eines sogenannten Long Range Fires Battalion zur Bedienung der Mittelstreckenwaffen gestoppt wurde.
Was passierte nach dem Stopp des Projekts?
Deutschland trat in Verhandlungen mit den USA ein, um die Marschflugkörper zu kaufen. Auf dem NATO-Gipfel wurde bereits am Dienstag von den Verteidigungsministern eine Absichtserklärung unterzeichnet, die zuvor auf Spitzenebene zwischen Merz und Trump vereinbart worden ist. Darin sagen die USA zu, im August die offizielle Genehmigung für den Verkauf der Marschflugkörper und die Abschussrampen Typhon zu erteilen. Die Zahl wird geheim gehalten, der Preis auch. Die Entsendung von US-Personal zur Bedienung ist nicht geplant.
Was bedeutet der Deal politisch?
Er passt ins neue Konzept der NATO, nach dem die Europäer mehr Eigenverantwortung für ihre Sicherheit übernehmen und sich nicht mehr auf die Truppen und kostenlosen Waffen der Amerikaner verlassen. Mit der Vereinbarung ist auch ein Reizthema in den deutsch-amerikanischen Beziehungen aus dem Weg geräumt.
„Wir schließen damit eine wichtige strategische Lücke in unserer Verteidigung“, sagte Merz bei einer Regierungserklärung im Bundestag. Einen Termin für die Stationierung der für die Abschreckung Russlands wichtigen Systeme nannte Merz zunächst nicht.
Birgt der Kauf der US-Marschflugkörper auch Risiken?
Das ist schwer zu sagen. Befürworter argumentieren, dass das Kriegsrisiko sinkt, weil die „Tomahawks“ die Abschreckung erhöhen und die Schwelle zum Einsatz der Waffen anheben.
Kritiker entgegnen, dass moderne Mittelstreckenraketen zur Eskalation beitragen können, weil schon ihre Stationierung die Gegenseite provozieren kann. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte bereits 2024 angekündigt, auf eine Stationierung der „Tomahawks“ „spiegelgerecht“ reagieren zu wollen.
Welche Raketen und Marschflugkörper hat Russland?
Die europäischen NATO-Staaten verfügen derzeit noch nicht über eigene Mittelstreckenwaffen, Russland aber schon. Iskander-Raketen, die mit Atomsprengköpfen bestückt werden können, sind in der Exklave Kaliningrad stationiert und könnten von dort auch Ziele in Deutschland erreichen.
Moskau verlegte ab 2022 auch russische Kampfjets mit Luft-Boden-Hyperschall-Raketen vom Typ Kinschal dorthin. Russland hat außerdem ein Waffensystem mit dem Namen SSC-8 (Russisch: 9M729) entwickelt. Dieses soll in der Lage sein, Marschflugkörper abzufeuern, die mehr als 2.000 Kilometer weit fliegen können.
Die USA kündigten wegen dieses Systems mit Rückendeckung der Partner vor einigen Jahren den INF-Vertrag zum Verzicht auf landgestützte ballistische Raketen und Marschflugkörper mit Reichweiten zwischen 500 und 5.500 Kilometern.
