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Startseite»Politik»Indien: Im Land der sinkenden Geburtenrate
Politik

Indien: Im Land der sinkenden Geburtenrate

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 11, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 11.07.2026 • 17:27 Uhr

Viele Kinder zu haben war lange Zeit weit verbreitet in Indien, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt. Doch die Geburtenrate geht deutlich zurück. Woran liegt das? Und was bedeutet das für das aufstrebende Land?

Von Helene Buchholz, ARD-Studio Neu-Delhi

Die 31-Jährige Neeti und ihr Partner Amrit wollen keine Kinder. Eine bewusste Entscheidung – und in Indien, im bevölkerungsreichsten Land der Welt, längst kein Einzelfall mehr. Seit Jahren sinkt die Geburtenrate deutlich.

„Meine Eltern haben ziemlich früh Kinder bekommen und ich war eines der ältesten Kinder. Ich habe mich ganz selbstverständlich um meine jüngeren Geschwister gekümmert und das war in Ordnung. Aber ich erinnere mich, dass ich schon damals mit acht oder neun Jahren, dachte, das macht mir keinen Spaß“, berichtet Neeti. „Ich glaube, es war der Aspekt der Verantwortung. Also für ein ganz anderes Leben verantwortlich zu sein. Und dann waren da natürlich noch die anderen Aspekte, wie zum Beispiel meine Karriere.“

Die beiden sind seit sieben Jahren ein Paar. Seit mehr als drei Jahren wohnen sie auch zusammen in einem guten Viertel mitten im Herzen von Neu-Delhi. Heiraten oder Kinder kriegen wollen sie aber nicht. „Es ist nicht so, dass ich mich nicht bereit fühlen würde“, sagt Amrit. Er wolle aber die Verantwortung nicht auf sich nehmen. „Um ehrlich zu sein: Ich sehe keinen Sinn darin, Kinder zu bekommen. Ich habe das Gefühl, dass wir schon vor mehr als fünf Jahrzehnten eine Überbevölkerungskrise erreicht haben.“

Rate unter 1,9 Kindern pro Frau

So wie Neeti und Amrit entscheiden sich immer mehr junge Paare in Indien – vor allem aus wohlhabenden Gegenden. Durchschnittlich liegt die Geburtenrate inzwischen bei 1,9 Kindern pro Frau und damit unter dem Schnitt, der nötig wäre, um die Bevölkerung langfristig stabil zu halten.

„Die Menschen möchten ihren Kindern eine Ausbildung ermöglichen und ihnen eine bessere Gesundheitsversorgung bieten“, berichtet Poonam Muttreja. Sie ist die Direktorin der Population Foundation in Indien.

Ihnen ist klar, dass je kleiner die Kinderzahl ist, desto besser ist die wirtschaftliche Lage der Familie. Und dann leben auch immer mehr Menschen in größeren Städten. Dort steht die Großfamilie eher nicht zur Kinderbetreuung zur Verfügung. Frauen können dann nicht arbeiten. Es hat also viel damit zu tun, dass Frauen arbeiten können. Und es hat viel damit zu tun, dass es weder staatliche noch private Betreuungsangebote gibt. Die sind sehr begrenzt. Und wenn es sie gibt, dann sind sie sehr teuer.

Eine Mutter mit ihrem Baby in der Stadt Srinagar.

Geldprämien für Geburten

Aber nicht nur die verbesserte Situation von Frauen ist der Grund, warum in manchen Gegenden in Indien Menschen weniger Kinder bekommen. Früher sind viele Babys gestorben. Deshalb haben Familien deutlich mehr Kinder bekommen, um die Chance zu erhöhen, dass sie das Erwachsenenalter erreichen. Und früher waren Kinder Arbeitskräfte, die zum Einkommen der Familie beigetragen haben.

Heute gibt es weniger Kinderarbeit. Wer zu Geld kommen will, muss seinen Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen. Das können sich die meisten nicht leisten, denn das bedeutet hier teure Privatschulen. Doch diese Trendwende stellt das Land vor große Herausforderungen. Indien könnte altern, bevor es den Wohlstand erreicht hat, den viele andere Länder aufgebaut haben.

Laut Experten wird sich bis 2051 der Anteil älterer Menschen verdoppeln. Einige Bundesstaaten versuchen deshalb bereits, mit Geldprämien mehr Geburten zu fördern. Poonam Muttreja von der Population Foundation glaubt aber nicht, dass Indien bald tatsächlich ein Problem wegen der Geburtenrate bekommen könnte.

„Der demografische Wandel in Indien verläuft nicht wie in China, wo plötzlich die Ein-Kind-Politik eingeführt wurde und die Geburtenrate sehr, sehr schnell zurückgegangen ist. In Indien handelt es sich um einen langsamen, stetigen Rückgang, bei dem aufgrund der demographischen Dynamik, nämlich einer großen jungen Bevölkerung, weiterhin Kinder geboren werden.“

Wie hat sich die Geburtenrate in Indien entwickelt?

In den 1960er-Jahren bekamen Frauen in Indien nach UN-Angaben noch mehr als 5,9 Kindern. Danach ging die Geburtenrate zurück – 1991 bekamen Frauen in Indien durchschnittlich noch 3,9 Kinder. Heute ist die Geburtenrate in den verschiedenen Teilen des Landes sehr unterschiedlich. Die Konrad-Adenauer-Stiftung berichtet, dass die Bevölkerung im reicheren Süden rückläufig ist, während sie im Norden ansteigt.

Ausbildung ist teuer

Für Neeti und Amrit gibt es viele Gründe, warum sie keine Kinder wollen. Geld ist aber definitiv einer davon, denn die beiden sind Künstler. Sie haben Jobs, die weder einen geregelten Tagesablauf garantieren noch langfristig viel Geld versprechen. „Meine Leidenschaft ist, Musik zu machen und Drehbücher zu schreiben“, berichtet Amrit. „Ich habe das Gefühl, dass ich nichts davon mehr tun könnte, wenn ich ein Kind hätte. Denn beides sind ziemlich kostspielige Unterfangen. Und ein Kind eben auch.“

Neeti sagt: „Ich habe das Gefühl, dass wir finanziell gesehen im Moment in einer ganz anderen Lage sein müssten. Denn ich persönlich habe derzeit nicht besonders viel Vertrauen in das indische Hochschulsystem.“

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Dr. Heinrich Krämer
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