Nigerias Bevölkerung wird in den kommenden 25 Jahren um 120 Millionen Menschen wachsen. Laut der UN könnte in den 2050er-Jahren fast jedes zehnte Kind weltweit in dem westafrikanischen Land geboren werden. Was bedeutet das für Nigeria?
Im Gegensatz zu fast allen anderen Weltregionen wächst die Bevölkerung Afrikas stark. Insbesondere in Nigeria, das den größten Zuwachs hat.
Schon jetzt ist der westafrikanische Staat mit rund 237 Millionen Einwohnern das mit Abstand bevölkerungsreichste Land auf dem Kontinent. 70 Prozent der Bevölkerung ist unter 30. In der Megametropole Lagos leben etwa 18 bis 20 Millionen Menschen.
Laut UN-Prognosen wird Nigeria bis 2050 nach China, Indien und Pakistan das viertgrößte Land auf der Welt sein. Laut dem jüngsten Bericht hat es dann eine Bevölkerung von rund 360 Millionen Menschen, etwa neun Prozent aller Geburten weltweit würden auf Nigeria entfallen.
Wirtschaftswachstum durch Bevölkerungszuwachs?
Die derzeit drittgrößte Volkswirtschaft auf dem Kontinent könnte von dem Bevölkerungswachstum profitieren. Ökonomen sprechen von der demografischen Dividende – einer demografiebedingten Verbesserung der Lebensverhältnisse und des Wirtschaftswachstums, wie sie sich in den vergangenen Jahrzehnten etwa in vielen asiatischen Staaten zeigte.
Für den Entwicklungsökonomen Joe Studwell ist das Bevölkerungswachstum auch in Afrika der Schlüssel zu mehr Wirtschaftswachstum und Fortschritt. „Der demografische Wandel bedeutet, dass Afrika erstmals die Voraussetzungen für einen nachhaltigen Entwicklungsprozess besitzt“, argumentiert Studwell, der am African Urban Lab in Sansibar arbeitet, einem Forschungsinstitut der African School of Economics.
Bis zum Ende dieses Jahrzehnts wird die durchschnittliche Bevölkerungsdichte auf dem Kontinent das Niveau erreicht haben, das Asien im Jahr 1960 aufwies. Erst dadurch entstehen ausreichend große Märkte, eine wachsende städtische Nachfrage, eine stärkere Arbeitsteilung sowie niedrigere Infrastrukturkosten pro Kopf – alles Faktoren, die einen sich selbst verstärkenden Entwicklungskreislauf ermöglichen.
Der Staat als einschränkender Faktor
Dabei werde der Fortschritt von Land zu Land sehr unterschiedlich ausfallen, da sich die Leistungsfähigkeit der afrikanischen Regierungen erheblich unterschiede, schränkt Studwell ein. „Dennoch ist Afrika nun grundsätzlich in der Lage, einen nachhaltigen Entwicklungsprozess in Gang zu setzen.“
Für Nigeria hebt der Ökonom vor allem die Sonderrolle der Metropole Lagos hervor. Der demografische Wandel im Land zeige sich „im bemerkenswerten Wachstum und der Innovationskraft von Lagos, das inzwischen rund ein Fünftel des nigerianischen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet“.
„Die größte Einschränkung Nigerias besteht jedoch darin, dass der Staat chronisch schwach ist und die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung nur begrenzt steuern kann. Der überwiegende Teil der Dynamik geht daher vom Privatsektor aus“, so Studwell.
Versäumnisse der nigerianischen Regierung
Die Schwäche der staatlichen Institution zeigt sich in mehreren Bereichen. Um die demografische Dividende tatsächlich einfahren zu können, braucht Nigeria etwa mehr Lehrer, mehr Gesundheitspersonal und vor allem mehr Arbeitsplätze.
„Die mangelhafte Qualität des Bildungssystems“ und der ungleiche Zugang dazu – einschließlich der Verfügbarkeit und Qualifikation von Lehrkräften – führe zu schlechten Lernergebnissen und beeinträchtige die Zukunftschancen der Kinder, heißt es im diesjährigen Bericht der Weltbank. Entsprechend seien Schulklassen sehr stark überfüllt.
Auch habe es der nigerianische Staat in den vergangenen Jahren versäumt, durch Wirtschaftsreformen die Volkswirtschaft zu diversifizieren, so die Weltbank. „Das Wirtschaftswachstum des Landes hat nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt gehalten“, heißt es in dem Bericht.
In den vergangenen 30 Jahren habe Nigeria seine umfangreichen natürlichen Ressourcen, insbesondere Öl und Gas, nicht effizient eingesetzt, um strukturellen Wandel und die Schaffung von Arbeitsplätzen voranzutreiben, so die Weltbank. 92 Prozent der jungen Generation sei im informellen Sektor beschäftigt, heißt es weiter.
Reichen die Reformen?
Trotzdem blickt der Wissenschaftler Studwell zuversichtlich auf den Kontinent im Ganzen und Nigeria im Besonderen: In Ostafrika scheine Äthiopien sich vom Bürgerkrieg 2020 bis 2022 erholt zu haben, so dass das Wirtschaftswachstum sich in Richtung zweistelliger Raten bewege. Das benachbarte Kenia befinde sich zwar in einer „hoffnungslosen politischen Lage“, verfüge aber ähnlich wie Nigeria über einen „herausragenden“ Privatsektor.
Und in Westafrika „ist Nigeria der schlafende Riese, der erwacht ist“, so Studwell. Der nigerianische Präsident Bola Ahmed Tinubu hatte kurz nach seinem Amtsantritt 2023 Reformen angestoßen. Ob das ausreicht, Nigerias demografische Dividende tatsächlich einfahren zu können, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.
