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Startseite»Nachrichten»90 Jahre Spanischer Bürgerkrieg: Franco-Biograf Till Kössler spricht über den Diktator und seine brutale Herrschaft
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90 Jahre Spanischer Bürgerkrieg: Franco-Biograf Till Kössler spricht über den Diktator und seine brutale Herrschaft

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 12, 2026Keine Kommentare8 Minuten Lesezeit
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90 Jahre Spanischer Bürgerkrieg„Franco ist bis heute eine Blaupause für rechtsautoritäre Herrschaft“

12.07.2026, 08:13 Uhr Interview: Markus Lippold
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Der spanische Diktator Francisco Franco 1966. Seine lange Herrschaft macht ihn noch heute zum Vorbild für rechtsautoritäre Regime. (Foto: picture alliance / AP Images)

Vor 90 Jahren, im Juli 1936, beginnt der Spanische Bürgerkrieg mit einem Putsch mehrerer Generäle. Unter ihnen ist Francisco Franco, der sich schnell zur Führungsfigur aufschwingt und damit eine lange, brutale Diktatur als „Caudillo“ (Führer) begründet. „Franco ist schwer einzuordnen, weil er auch zu Lebzeiten schon sehr unterschiedlich bewertet wurde“, sagt Historiker Till Kössler, der eine Biografie über den Herrscher geschrieben hat. Mit ntv.de spricht er über Francos Jahre als Kolonialoffizier, die Gründe für seinen Hang zur Gewalt, sein Verhältnis zum deutschen Diktator Adolf Hitler und die „bedenkliche Renaissance des Franco-Kultes“.

ntv.de: Wer sich mit Franco beschäftigt, merkt schnell, dass er schwer zu greifen ist. Hat Sie das an ihm interessiert?

Till Kössler: Absolut. Franco ist tatsächlich schwer einzuordnen, weil er auch zu Lebzeiten schon sehr unterschiedlich bewertet wurde. Er war politisch über einen sehr langen Zeitraum aktiv und hat sich dabei entwickelt: vom jungen Karriereoffizier bis zum Faschisten und langjährigen Diktator. In späteren Jahren ist er sogar oft als wohlmeinender Patriarch dargestellt worden.

Sie haben im vergangenen Jahr eine Franco-Biografie vorgelegt. Warum sollte man sich jetzt mit ihm beschäftigen?

Franco hat an Aktualität gewonnen, weil wir in den vergangenen 10 oder 15 Jahren eine Renaissance autoritärer Herrschaft erlebt haben – ich denke da an Wladimir Putin oder Xi Jinping. Gleichzeitig wird die Demokratie stärker in Frage gestellt. Franco ist bis heute eine Blaupause für rechtsautoritäre Herrschaft. An seinem Beispiel kann man die Attraktivität, aber natürlich auch die Widersprüche und Schwächen dieser Herrschaftsmodelle erkennen.

Sie schildern ausführlich seine Kindheit und Jugend und das Umfeld, in dem er aufgewachsen ist. War sein Wunsch nach einem autoritären Staat schon früh in ihm angelegt?

Ich glaube ja. Spaniens Niederlage im Krieg gegen die USA 1898, mit dem Verlust der Kolonien, war ein einschneidendes Ereignis. Für das militärische Milieu, in dem Franco aufwuchs, war das ein Schock, eine Kränkung des Ehrgefühls. Franco fordert deshalb später einen nationalen Aufbruch, um das Land zu neuer Größe zu führen. Seiner Meinung nach geht das nur mit autoritären Mitteln und durch die Zurückdrängung von Liberalismus und Demokratie.

Ab 1912 ging er mehrmals als Offizier in die Kolonie Spanisch-Marokko. Inwieweit hat ihn das geprägt?

Die Erfahrung dieses Kolonial- oder Guerillakrieges ist einschneidend für sein weiteres politisches Denken. Hier bildet sich auch ein bestimmter gewalttätiger Politikstil heraus, die Idee, dass grausame Gewalt legitim ist, um ein Ziel zu erreichen.

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Prof. Dr. Till Kössler ist Professor für Historische Bildungsforschung an der Universität zu Köln. Er hat sich intensiv mit der spanischen Geschichte vor und nach dem Bürgerkrieg sowie mit autoritären Regimen nach 1945 beschäftigt. (Foto: privat)

Sie nennen die spanische Fremdenlegion den „Kristallisationspunkt einer rechtsextremen Militärkultur“. Hat sich Franco dort radikalisiert?

Die Anlagen sind vorher da, aber in Marokko radikalisiert sich das. Die Militäroffiziere in Marokko sahen sich als Eliteeinheit, die sich gegen andere Militärs und die Zivilregierung in Madrid zur Wehr setzen muss, als Speerspitze gegen eine angebliche Degeneration der Gesellschaft. Sie entwickelten einen Korpsgeist, der sehr den faschistischen Kampfbünden in Italien oder Deutschland ähnelt.

Später gehört Franco aber nicht zum Kern der Putschisten gegen die Zweite Republik. Wie wurde er zur Führungsfigur?

Das ist eine spannende Frage, über die viel diskutiert wird. Er gehörte nicht zu denen, die den Plan operativ vorangebracht haben, aber er war über alles informiert. Als hochrangiger Offizier war er seit den 1920er Jahren einer breiten spanischen Öffentlichkeit bekannt, deshalb führte letztlich kein Weg an ihm vorbei. Zudem war er für alle Gruppen repräsentabel: für die Faschisten, die Monarchisten, die Katholiken.

Hatten diese unterschiedlichen Gruppen eine gemeinsame Vorstellung, was auf den Putsch folgen sollte?

Der Ausgang war in gewisser Weise offen, weil es ein so heterogenes Bündnis war. Die Katholiken wollten eine Re-Christianisierung Spaniens, die Falange einen faschistischen Staat. Was sie geeint hat, war die radikale Frontstellung gegen die Republik. Und es gab ein sehr hohes Gewaltpotenzial, unabhängig von der Fraktion.

Wurden die Gewaltausbrüche im Krieg von oben angeordnet, oder war das eine Dynamik auf lokaler Ebene?

Franco und sein Umfeld pflegten eine extrem gewalttätige Rhetorik. Er und seine Generäle haben die Gewalt eher angestachelt als sie zu bremsen. Aber es gab auch eine Radikalisierung an der Basis. So wurden vor Ort republikanische Politiker ermordet oder vertrieben.

Der Putsch war nicht durchschlagend, es folgte ein dreijähriger Bürgerkrieg. Hat Franco in dieser Zeit strategisch klug gehandelt?

Es gibt da zwei Lager: Die einen sagen, Franco sei nur ein durchschnittlicher Militär gewesen, der es versäumt habe, im Herbst 1936 durch einen schnellen Marsch auf Madrid der Republik den Garaus zu machen. Andere argumentieren, Franco habe geschickt gehandelt. Ihm sei klar gewesen, dass der Sieg über die Republik nur schrittweise erfolgen könne und das systematische Vorgehen im Bürgerkrieg eine ausgereifte Strategie war.

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Franco (1892 – 1975) während des Spanischen Bürgerkriegs. (Foto: picture alliance / AP Photo)

Was denken Sie?

Die Wahrheit liegt vielleicht in der Mitte. Franco hat irgendwann begriffen, dass ein langer Krieg die beste Vorgehensweise ist – und sie war letztlich ja auch erfolgreich. Allerdings konnte die republikanische Seite ihm durchaus etwas entgegensetzen. Das ergab eine Dynamik, unabhängig von der Frage, ob Franco nun ein brillanter Planer war oder nicht.

Die Putschisten bekamen Militärhilfe aus Italien und Deutschland. War das eine pragmatische Entscheidung, oder hatte das eine ideologische Grundlage?

Es gab durchaus eine pragmatische Notwendigkeit: Im Herbst 1936 war die Militärhilfe geradezu kriegsentscheidend. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass die Putschisten ohne sie gescheitert wären. Aber es gab auch ideologische Gründe, denn Franco verstand sich als Teil der faschistischen Bewegung. Gleichzeitig versuchte er, sich eine Art Souveränität zu bewahren und nicht zur Marionette von Adolf Hitler oder Benito Mussolini zu werden.

Wie war Francos Verhältnis zu Hitler? Es gibt Berichte, wonach er Angst hatte, von den Deutschen entführt zu werden. Halten Sie das für glaubhaft?

Eher weniger. Es gibt sehr viele Gerüchte, die sich um diese Zeit ranken, aber das halte ich eher für unglaubwürdig. Im Zweiten Weltkrieg trieb Franco die Frage um, wie er von einem deutschen Sieg, den er erwartete, profitieren könnte. Bei dem Treffen mit Hitler 1940 ging es ihm auch darum, einen Teil vom Kuchen abzubekommen, sobald der Krieg beendet sein würde.

Letztlich war Spanien im Zweiten Weltkrieg neutral. Wie hat Franco auf die Brutalität der Deutschen reagiert, auf die SS oder den Holocaust?

Die nationalsozialistischen Verbrechen waren für ihn normale Mittel, um einen Krieg zu gewinnen. Den Holocaust hat er zumindest nicht thematisiert. Er hatte zwar antisemitische Ansichten, aber strebte keinen Genozid an. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat er dann versucht, sich als Retter jüdischer Menschen darzustellen. Das ist allerdings wenig glaubhaft, denn Spanien hat keine jüdischen Verfolgten aufgenommen. Teilweise wurde ihnen aber die Durchreise ermöglicht. Das war eine pragmatische Entscheidung, denn Franco wollte die USA und Großbritannien nicht verärgern.

Wie hat sich Franco als Faschist nach dem Zweiten Weltkrieg an der Macht gehalten?

Dabei sind zwei Punkte wichtig. Einerseits saß er innenpolitisch fest im Sattel. Der Bürgerkrieg hat eine ganze Reihe von Gewinnern hervorgebracht, für die Franco der Garant ihrer sozialen Stellung war: Beamte, Bürgermeister, Parteifunktionäre der Faschisten, Generäle, aber auch Menschen, die materiell vom Bürgerkrieg profitiert haben. Andererseits hatten westliche Staaten sehr früh ein Interesse, Handelsbeziehungen mit Spanien aufzubauen, oder im Fall der USA Militärstützpunkte zu errichten. Die außenpolitische Isolierung war weit weniger vollständig, als man meinen mag.

Nun ist der Beginn des Bürgerkriegs 90 Jahre her. Ist er in Spanien ein großes Thema?

Ja, das beschäftigt die spanische Gesellschaft immer noch sehr. Um die Einschätzung und die Aufarbeitung von Bürgerkrieg und Franco-Diktatur gibt es nach wie vor einen erinnerungspolitischen Streit. Die einen sagen, man müsse auch die Errungenschaften Francos sehen, die anderen begreifen die Diktatur als einen fatalen Weg der spanischen Geschichte. Noch immer gibt es kein nationales Museum oder eine nationale Gedenkstätte, die auf einem gesellschaftlichen Konsens beruhen würde. Ich hoffe, dass da noch deutlich mehr passiert.

Die meisten Beteiligten dürften gestorben sein. Wie gehen deren Enkel oder Urenkel mit dem Thema um?

Seit den 2000er Jahren gibt es eine Art Bewegung. Enkel von Betroffenen des Bürgerkrieges haben zum Beispiel angefangen, zu schauen, was damals in den Kommunen passiert ist. In ganz Spanien wurden anonyme Massengräber, in denen ermordete Republikaner bestattet wurden, aufgedeckt. Die Enkelgeneration stellt sich unbefangener der Vergangenheit als ihre Eltern.

Aber dagegen gibt es auch Proteste.

Ja. Für einen Teil der spanischen Jugendlichen stellt Franco einen positiven Bezugspunkt dar. Auch angesichts der gegenwärtigen Krisen gibt es eine bedenkliche Renaissance des Franco-Kultes.

Ist das eher konservativ geprägt oder auch rechtsextrem?

Beides. Schon seit Jahrzehnten gibt es Stimmen, die zwar die Diktatur ablehnen, aber darauf hinweisen, dass Franco auch Positives für Spanien geleistet habe. Im Umfeld der Vox-Partei gibt es aber auch rechtsextreme Bezüge zu Franco und seiner Herrschaft.

In Ihrem Buch schreiben Sie, die fünf republikanischen Jahre zwischen 1931 und 1936 würden wie ein Brennglas die Problemlagen der Zeit aufzeigen, und dass Ihnen das vertraut und gegenwärtig vorkomme. Sehen Sie Parallelen zur Gegenwart?

Man muss aufpassen, nicht zu viel gleichzusetzen. Aber es gibt heute eine Polarisierung zwischen progressiven Kräften und zum Beispiel der Maga-Bewegung von Donald Trump, die den kulturellen Streitpunkten der Zweiten Republik in Spanien ähnelt. Um die Emanzipation der Frauen oder die Stellung zur katholischen Kirche wurden damals harte und erbitterte Debatten ausgefochten. Das erinnert mich an die Konflikte der Gegenwart. In dieser Hinsicht sind die Brüche der 1930er Jahre wieder etwas näher gerückt.

Mit Till Kössler sprach Markus Lippold.

Quelle: ntv.de

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