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Startseite»Politik»Das Smartphone auf dem Tisch – taugen Apps als Spielpartner?
Politik

Das Smartphone auf dem Tisch – taugen Apps als Spielpartner?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 12, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 12.07.2026 • 08:43 Uhr

Machen Apps das Spielen spannender und verdrängen Würfel und Spielbrett? Beim Spiel „Boss Fighters QR“ ist der Gegner das Smartphone. Es ist nominiert als „Spiel des Jahres“ 2026.

Wie sollen wir den gefährlichen Drachen besiegen? Die Spielerinnen und Spieler beraten, welche Karte sie als nächstes ausspielen sollten. Das Smartphone auf dem Tisch kann die Spielzüge lesen. „Boss Fighters QR“ heißt das Spiel, bei dem klassische Spielkarten auf eine App treffen, die den digitalen Gegner steuert.

Dieses Spiel ist als „Spiel des Jahres“ 2026 nominiert. Besonderheit: Ohne App läuft nichts. Damit gehört es zu einer noch kleinen Gruppe hybrider Gesellschaftsspiele. Verdrängt die digitale Technologie Würfel, Karten und Spielbrett – oder erweitert sie lediglich das gemeinsame Spielen am Tisch?

Auch wenn die App als Gegner fungiert: Die meisten Spielerinnen und Spieler mögen es dennoch, Karten zu spielen.

Gesellschaftsspiele mit App noch eine Ausnahme

Von den 22 Spielen auf den Nominierungs- und Empfehlungslisten zum Spiel des Jahres ist nur bei zwei Titeln zwingend eine App zum Spielen nötig. Davon hat es nur „Boss Fighters QR“ in die Endrunde geschafft. Die Spieleentwickler Lukas Zach und Michael Palm haben das analoge Element aber mitgedacht.

Sie hätten gemerkt, dass „das Tischgefühl, das Ausspielen von Karten oder das Ablegen von Markern“ sehr wichtig sei, sagt Palm in einem Interview. Auch wenn der Endboss, der Gegner, eine App ist, müssen sich Karten gut anfühlen und gut aussehen, wenn sie in der Mitte des Spieltisches liegen.

Pionierspiel: „Hitster“ von 2022 ist verknüpft mit dem Streaming-Anbieter Spotify. Es geht darum zu beurteilen, welcher Musiktitel früher oder später als ein anderer erschienen ist.

„Hitster“ ist bislang das bekannteste Spiel, das ein Smartphone benötigt. Hier gewinnt, wer zufällig ausgesuchte Songs am besten chronologisch ordnet. Das Smartphone dient dabei vor allem als Abspielgerät. Bei „Boss Fighters QR“ übernimmt die App dagegen die Funktion eines Spielleiters.

Handy und Brettspiele vereinen

„Diese App führt nicht dazu, dass wir uns mit dem Handy beschäftigen“, glaubt Historiker und Spieleforscher Lukas Boch. Er ist Mitbegründer des Forschungsprojekts „Boardgame Historian“ und arbeitet an der Uni Bonn. Boch hat „Boss Fighters QR“ schon mehrfach gespielt. Im Spiel diskutiere man: „Was kann jetzt die Schwäche des Bosses sein, den wir besiegen wollen.“

Der Gegner sitzt in der App, doch das Spielgefühl bleibt analog. Boch hält dieses Konzept für innovativ und gelungen. „Ich glaube, es wird mehr Spiele geben, die Handy und Brettspiele vereinen“, sagt er. „Aber das hängt auch davon ab, wie die Jury entscheidet.“

„Spiel des Jahres“: Auf der Suche nach „Perlen“

Die Jury vom „Spiel des Jahres“ prägt die Spielkultur in Deutschland mit. Gewinnerspiele verkaufen sich regelmäßig sehr gut. Die Kritikerinnen und Kritiker haben also Einfluss auf das, was abends am Familientisch oder mit Freundinnen und Freunden gespielt wird.

„Wir schauen nicht nach Trends, sondern suchen Perlen“, beschreibt Podcasterin und Jury-Mitglied Martina Fuchs ihre Arbeit. Das „Spiel des Jahres“, erstmals verliehen 1979, richtet sich vor allem an Familien und Gelegenheitsspieler. Das „Kinderspiel des Jahres“ gibt es seit 2001. Das 2011 eingeführte „Kennerspiel des Jahres“ zielt auf Menschen mit mehr Spielerfahrung.

Die Jury des „Spiel des Jahres“ hat großen Einfluss auf den Spieleverkauf in Deutschland. Die Auszeichnung findet in Berlin statt.

Hybride Spiele, die nur mit dem Smartphone funktionieren, seien noch Einzelfälle. „Die sind aber richtig gut“, sagt Fuchs. Solche Projekte auf den Markt zu bringen, dauere viel länger als ein klassisches analoges Spiel. Die Entwicklung von „Boss Fighters QR“ hat etwa sechs Jahre gedauert.

Auch wenn bei diesem Spiel Smartphone oder Tablet auf dem Tisch liegen, handelt es sich um ein klassisches kooperatives Spiel. Spielerinnen und Spieler verfolgen ein gemeinsames Ziel, die gesamte Spielerunde gewinnt oder verliert. Solche Spiele sind seit Jahren beliebt. Sechs der 22 in diesem Jahr nominierten oder empfohlenen Titel folgen diesem Prinzip.

Kooperative Spiele weiter im Trend

„Das fing 2013 an“, erinnert sich Spieleentwickler und Illustrator Michael Menzel. Gleich alle drei Kategorien beim „Spiel des Jahres“ gingen damals an kooperative Spiele. Für das klassische Gefühl, selbst gewinnen zu wollen, war das „der Dammbruch“. Menzel erhielt damals den Preis für sein kooperatives Strategie-Rollenspiel „Die Legenden von Andor“.

Der Illustrator und Spiele-Autor Michael Menzel ist unter anderem Erfinder des Rollenspiels „Die Legenden von Andor“.

Es gibt praktische Gründe, warum solche Spiele seit Jahren erfolgreich sind. Man könne schnell einsteigen, weil einem die anderen Spielerinnen und Spieler bei den Regeln helfen könnten, sagt Jurymitglied Fuchs. Das sei oft die größte Hürde, wenn man mit anderen spielen wolle: „Dass sie keine Lust haben, Regeln zu lesen, oder dass sie wirklich Schwierigkeiten haben, Regeln zu verstehen.“

Gemeinsames Spielen bilde einen Kontrast zur Gesellschaft, die viele als zunehmend zerrissen erlebten. „Brettspiele können eine Lücke schließen“ sagt Spieleforscher Boch. Das höre sich etwas romantisch an, „aber gemeinsam am Tisch zu sitzen und Zeit zu verbringen, tut uns in der von Debatten gespaltenen Gesellschaft sehr gut.“

Man muss auch verlieren können

Gemeinsam gegen eine App – oder doch gegeneinander: Spieleentwickler Menzel hat da keine Vorlieben. „Bei einem Rennspiel will man doch wissen, wer am Ende der Schnellste von allen war.“

Auch gegeneinander zu spielen, könne gewinnbringend sein. Man müsse auch verlieren können. „Das auszuhalten ist heutzutage genauso wichtig wie eine andere Meinung aushalten zu können.“

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