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Startseite»Nachrichten»Kane-Liebe, Wut und WM-Narbe: „Die englische Presse zerstört Thomas Tuchel“
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Kane-Liebe, Wut und WM-Narbe: „Die englische Presse zerstört Thomas Tuchel“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 20, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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20.07.2026 | 11:31 Uhr

Wenn die englische WM-Wunde mal wieder besonders schmerzt, dann eskaliert die heimische Presse. Nach dem Halbfinal-K.o. der Three Lions gegen Argentinien kracht die Wut-Welle vor allem über Trainer Thomas Tuchel herein. Doch der bekommt prominente Unterstützung.

Glücklich sah Thomas Tuchel so gar nicht aus, als er nach dem spektakulärsten Fußballspiel der WM die verdiente Belohnung bekam. Aber die Bronzemedaille war lediglich ein Winz-Pflaster auf der englischen Blutung, für die es abermals einen großen Verband gebraucht hätte. Mit 6:4 hatten seine Engländer am Samstagabend im Spiel, das eigentlich niemand will, Frankreich niedergewalzt. Aber egal wie sehr diese wahnsinnige Partie die Menschen in ihren Bann zog. Für England, für das chronisch verletzte Mutterland des Sports, kam sie einen Tag zu früh.

England wollte nicht bis zum vorletzten Tag im Turnier bleiben. Sie wollten Protagonist im 104. Spiel des Turniers sein. Doch diese Rollen nahmen Spanien und Argentinien ein. Spanien wurde Weltmeister, Argentinien wütend. Die Mannschaft von Lionel Messi offenbarte abermals ihre dreckige Seite. England kam da nochmal in Erinnerung. Auch im Halbfinale hatte die „Albiceleste“ gewütet, ehe sie doch noch das schöne Spiel entdeckte und Tuchels blitz-verschrecktes Team von den rosa WM-Wolken boxte. Da war er wieder, der englische Schmerz. Der einen immer wiederkehrenden Reflex auslöst: Wut auf den Trainer!

WM-Fazit: ntv-Reporter rechnet mit Infantino und Trump ab

Was war das bis zum Halbfinale für eine wundervolle Reise der Three Lions gewesen. Die Fans hatten sich in das Team verliebt. Und das Team sich in die Fans. Sie sangen „Wonderwall“ und holten die 90er-Jahre zurück ins Hier und Jetzt. England war die unbeschwerte Seite der WM, trotz der Last der ewigen Titellosigkeit. Seit 1966 gab’s nichts mehr. Seit Wembley. Ein verdammter Fluch! Nun Platz drei, den goldenen Pokal im Blick, aber außer Reichweite. Jeder berechtigte Trost ging links rein und rechts raus. Der Bronze-Rang bedeutete das beste WM-Ergebnis seit eben 1966. Egal, verdammt nochmal! It hurts!

„Das war absolut brillant“

Einzig Tuchel versuchte, die Dinge richtig einzuordnen. „Es ist die erste Medaille seit 60 Jahren, die beste WM auf fremden Boden“, sagte Tuchel: „Ich hoffe, dass die Spieler darauf stolz sind. Vor 18 Monaten haben wir das größte Ziel ausgerufen, wir waren sehr, sehr ambitioniert.“ Tuchel tat das auch, um die Wucht der Welle, die vor allem über ihn hereinbrach, abzumildern. Dass es nicht für den Titel gereicht habe, sei „sehr schmerzhaft“, gestand der deutsche Coach indes. Der Schmerz werde „vergehen, aber die Narbe bleibt“. Tuchel lobte seine Mannschaft, die „etwas ganz Besonderes geschaffen und das erneut gezeigt hat“. Er richtete ein „massives Kompliment für die Mentalität“ an sein Team. „Das“, fügte Tuchel an, „war absolut brillant.“ 

Diese beschworene Brillanz wurde von den Titelblättern und Online-Aufmachern der heimischen Medien indes bestens versteckt. In der positiven Lesart war es so: In England blieb das Gefühl, dass für diese starke Mannschaft mit den Superstars Harry Kane und Jude Bellingham mit besseren Trainerentscheidungen und etwas Glück noch mehr möglich gewesen wäre. Die radikale Defensive nach der 1:0-Führung gegen Argentinien brach den Löwen das Genick. In der negativen Lesart war Tuchel schuld an allem. Und zwar alleine! Das „Versagen im WM-Halbfinale“ wirke in Bezug auf Tuchel „wie das ultimative Warnsignal“, heißt es etwa in einem Kommentar des „Guardian“ vom Samstag. „Hinzu kommen die Engstirnigkeit, der Mangel an Ehrgeiz und die Dreistigkeit, das gesamte englische Spiel zu verunglimpfen, anstatt die eigene Feigheit einzugestehen.“

Video poster

Finale um Bronze wird zu einmaligem Wettschießen

Doch alleine im Sturm der Entrüstung ist er nicht. Tuchel hat einen großen Schutzpatron. Den Weltstar Kane. Der formulierte eine große Verteidigungsrede, um sein Land vor einer panischen Blitz-Reaktion zu bewahren. „Er ist ein fantastischer Trainer. Er hat nicht nur den Spielern, sondern auch dem ganzen Land das Vertrauen gegeben, dass dies unser Jahr sein würde“, sagte der Superstürmer. Tuchels Begeisterung, die Emotionen, die er vermittle und seine taktische Erfahrung würden aber auch nicht bedeuten, dass „man jedes Mal alles richtig macht“, befand Kane übereinstimmenden englischen Medienberichten zufolge: „Deshalb tut es noch mehr weh als in anderen Jahren, weil alle daran geglaubt haben, dass wir es bis ganz nach oben schaffen würden. Jeder muss das erst einmal verarbeiten. Er muss es selbst verarbeiten.“ Sie befänden sich noch in der Trauerphase, so Kane.

Sogar Trump versteht Tuchel nicht

Während die Bewältigung läuft, redet sich das heimische Expertenwesen die Köpfe heiß. Tuchel behalten, Tuchel feuern? Der einstige Weltklassestürmer Gary Lineker fragte gar im Scherz, ob der hagere Coach möglicherweise „so etwas wie ein deutscher Spion ist“, und Ex-Profi Joe Cole sagte, er habe sich „nie mit einem deutschen Trainer für England wohlgefühlt“. Das Mutterland des Fußballs müsse doch „in der Lage sein, dass ein englischer Trainer England trainiert“. Zwar schätze er Tuchel, Cole nannte es jedoch als „verrückt, ihm die Vertragsverlängerung zu geben, wenn er noch nicht das geliefert hat, weshalb er geholt wurde“. Auch die zwei England-Legende Wayne Rooney und Michael Owen droschen verbal mit drauf.

Video poster

Bronze-Duell wird zum unvergesslichen 10-Tore-Festival

Und sogar US-Präsident Donald Trump, der neue starke Mann im Weltfußball, kritisierte Tuchel: „Was weiß ich schon vom Coachen? Aber das war etwas ungewöhnlich“, befand Trump und meinte mit Blick auf Harry Kane, der nach der Führung zum reinen Abwehrarbeiter wurde: „Ich denke, dass sie vielleicht einen Fehler gemacht haben, als sie ihn zu einem Defensivspieler gemacht haben.“

„Es wäre komplette Zeitverschwendung …“

Aus dem Lager der Unterstützer sprach Ex-Nationalspieler Martin Keown am eindringlichsten. „Es wäre komplette Zeitverschwendung, wenn wir ihn nicht behalten würden. Ich denke, wir sollten ihn unterstützen“, sagte er in seiner Rolle als BBC-Experte nach dem Spiel um Platz drei. Das mit dem Support hatten einige Fans vor Anpfiff anders gesehen. Tuchel war deutlich hörbar ausgepfiffen worden. Wie so viele seiner Vorgänger.

Deshalb gab Musik-Legende und Edelfan Robbie Williams auch nicht einen Pfifferling auf die Wut aus seiner Heimat. „Die englische Presse zerstört Thomas, aber das macht sie mit jedem, der dieses Amt hat. Es ist egal, ob das Thomas ist oder Gareth Southgate oder Eddie Howe“, sagte Williams, der nicht geboren war, als England zuletzt einen Triumph feierte. Und er möchte nicht unverrichteter Dinge von der Welt gehen. „Psychologisch haben wir ein Problem. Das müssen wir lösen – und zwar, bevor ich sterbe“, sagte er bei MagentaTV. In zwei Jahren geht es weiter. Football is coming home. Zumindest für ein paar Wochen. 2028 ist England Mitausrichter der EM. „We still believe, we still believe. We still believe, we still believe.“

Verwendete Quellen: ntv.de, mit dpa/sid

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