Der Markt für Lieferdienste wächst rasant. Was der Lieferboom für Kunden bedeutet, was Uber mit Delivery Hero vorhat, welche Rolle Amazon spielen könnte – und warum es längst um mehr als Essen geht.
Uber greift nach dem Berliner Essenslieferdienst Delivery Hero. Der US-Fahrdienstvermittler setzt damit auf einen Markt, der weltweit stark wächst, aber zugleich als margenschwach, hart umkämpft und teuer gilt. Hinter dem Übernahmeangebot steckt deshalb mehr als die Hoffnung auf gute Geschäfte mit der Auslieferung von Pizza, Burgern oder Sushi.
Lieferdienste – ein weltweiter Wachstumsmarkt
Nach Berechnungen des Marktforschungsunternehmens Precedence Research erreichte der weltweite Markt für Online-Essenslieferungen 2025 ein Volumen von 257 Milliarden Dollar. Für 2026 werden knapp 285 Milliarden Dollar erwartet, bis 2035 fast 695 Milliarden Dollar. Das entspräche einem durchschnittlichen Wachstum von gut zehn Prozent pro Jahr.
Angetrieben wird der Lieferboom durch die zunehmende Nutzung von Smartphones, die Urbanisierung und wachsende Zahl von Einpersonenhaushalten. Apps ermöglichen es den Nutzern, Speisekarten zu durchstöbern, Bestellungen aufzugeben, Lieferungen zu verfolgen und direkt zu bezahlen.
Gleichzeitig haben Plattformen wie Uber Eats, DoorDash und Delivery Hero erheblich in den Ausbau ihrer Lieferinfrastruktur investiert; dadurch erreichen sie mehr Kunden, die Lieferzeiten werden verkürzt.
Dünne Margen erhöhen den Konsolidierungsdruck
Allerdings bleiben die Margen – gemessen an den über die Plattformen vermittelten Milliardenbeträgen – überschaubar: Bei Ubers Liefergeschäft waren es im Schlussquartal 2025 knapp vier Prozent, bei Delivery Hero im Gesamtjahr rund 1,8 Prozent.
Denn Fahrer und Fahrzeuge kosten viel Geld, die Logistik ist der mit Abstand größte Kostenfaktor im Liefergeschäft. Für Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, ist das denn auch der entscheidende Grund für das Übernahmeangebot von Uber: „Da gibt es Synergien, und diese Synergien möchte Uber heben.“
Wird Amazon zum neuen Konkurrenten?
Der Konsolidierungsdruck in der Branche ist hoch: Erst im vergangenen Herbst schloss der US-Konzern DoorDash die Übernahme des britischen Konkurrenten Deliveroo für 3,4 Milliarden Dollar ab und stärkte damit sein internationales Geschäft.
Zusätzlicher Druck könnte nun von finanzstarken Technologiekonzernen kommen. So habe Amazon sehr viel Geld in den Aufbau eines eigenen Logistiknetzwerkes investiert, betont Chris-Oliver Schickentanz vom unabhängigen Frankfurter Vermögensverwalter Capitell AG im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. Er hält es für denkbar, dass Amazon seine Lieferinfrastruktur künftig noch breiter nutzt: Auf die Lieferung von Lebensmitteln könnten schon bald Restaurantbestellungen folgen.
Quick Commerce: Lieferung binnen Minuten
Wirklich profitabel wird das Geschäftsmodell Lieferdienst allerdings erst dort, wo viele Bestellungen auf engem Raum gebündelt werden können. Die Zukunft der Branche liegt daher nicht mehr allein bei Lebensmitteln und Restaurantessen.
Die Plattformen wollen auch Drogeriewaren, Medikamente, Elektronik und andere Artikel des täglichen Bedarfs liefern – und das gemäß den Wünschen vieler Verbraucher nicht erst am nächsten Tag, sondern innerhalb von wenigen Minuten. Dieses Geschäft wird Quick Commerce genannt. Die Anbieter nutzen dafür häufig kleine Lager, sogenannte „Dark Stores“, in dicht besiedelten Stadtgebieten.
Das US-Marktforschungsunternehmen Grand View Research schätzt den weltweiten Quick-Commerce-Markt für das laufende Jahr auf knapp 298 Milliarden Dollar. Bis 2033 könnte er auf rund 1,3 Billionen Dollar wachsen; das entspräche einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 23,5 Prozent.
Delivery Hero wächst bei schnellen Lieferungen
Auch Delivery Hero wächst hier stark. Der über Quick Commerce vermittelte Warenwert legte 2025 nach Unternehmensangaben um mehr als 30 Prozent auf über 7,5 Milliarden Euro zu. Im ersten Quartal 2026 wuchs er erneut um 30 Prozent und machte bereits 18 Prozent des gesamten vermittelten Warenwerts aus.
Anlagestratege Schickentanz bringt die Strategie auf eine einfache Formel: „Wenn ich ein Logistiknetzwerk habe, geht es am Schluss darum, dieses bestmöglich auszulasten. Und da sucht man dann natürlich nach den entsprechenden Anwendungsbereichen.“
Genau darin liegt für Uber ein großer Teil der strategischen Logik hinter dem Übernahmeangebot für Delivery Hero: Wer bereits Kuriere, Fahrzeuge und eine App hat, kann zusätzliche Produkte relativ günstig über dieselbe Infrastruktur liefern. Dazu könnte auch die Ankündigung des Konzerns passen, bis 2031 zwei Milliarden Euro in Deutschland investieren zu wollen – unter anderem in den Ausbau lokaler Unternehmensstrukturen und Partnerschaften mit der Autoindustrie.
Folgen für Kunden in Deutschland
Für Kunden in Deutschland dürfte sich durch eine Übernahme von Delivery Hero durch Uber zunächst wenig ändern. Delivery Hero betreibt hierzulande keinen großen Lieferdienst für Endkunden mehr. Der Markt wird vor allem von Lieferando, Uber Eats und Wolt geprägt. Hinzu kommen Direktangebote von Restaurants und Lebensmittelanbieter wie Flink oder REWE.
Langfristig birgt die Konsolidierung der Branche aber Risiken; weniger Wettbewerb könnte dazu führen, dass Rabatte seltener werden oder Liefergebühren steigen. Capitell-Experte Schickentanz sieht diese Gefahr aber vorerst nicht. „Der Wettbewerb im Bereich der Lieferdienste ist trotz dieses Zusammenschlusses immer noch sehr, sehr intensiv. Ich glaube nicht, dass hier ein Monopolist entsteht, der dann die Preise setzen kann.“
Ubers Griff nach Delivery Hero zeigt allerdings, wohin sich die Branche bewegt: Lieferdienste wollen längst mehr sein als Pizza- und Sushi-Bringer. Sie wollen den gesamten Alltag der Kunden beliefern, vom Shampoo bis zum Ladekabel. Ob das gelingt, hängt davon ab, wie häufig die Kunden bestellen – und wie effizient die Anbieter ihre teuren Liefernetze auslasten.

