Britische Forschende haben Langzeitdaten früh geborener Menschen analysiert. Viele der Frühchen führten, so die Ergebnisse, ein gutes Leben. Einige hätten aber Probleme in Beruf, Partnerschaft und Freundschaften.
Viele Eltern von Frühchen starten mit einer bangen Frage ins Leben: Wie gut werden sich ihre Kinder entwickeln? Eine Studie gibt darauf eine vorsichtig hoffnungsvolle Antwort. Mehr als die Hälfte der sehr früh geborenen Kinder führt als Erwachsene ein gutes Leben. Doch bei einem Teil zeigen sich Spätfolgen, etwa in Partnerschaft, bei sozialen Kontakten oder in ihrer Karriere.
Diese Faktoren hat die Langzeitstudie der britischen Universität Warwick, die im Fachjournal „JAMA Paediatrics“ veröffentlicht wurde, repräsentativ für ein gutes oder glückliches Leben untersucht. Dazu wurden Daten von 416 zu früh geborenen Menschen von der Geburt bis ins Alter von 34 Jahren analysiert.
Was die Studie über Spätfolgen zeigt
18 Prozent, also fast ein Fünftel, der untersuchten zu früh geborenen Menschen haben in allen drei Kategorien mehr Probleme als sogenannte „Termingeborene“. Die Forschenden argumentieren als mögliche Gründe dafür eine Mischung aus biologischen Faktoren – wie der Gehirnentwicklung – und Umwelteinflüssen nach der Geburt.
Gute Überlebenschancen bei zu früher Geburt
In Deutschland kommen nach Angaben des Bundesverbands „Das frühgeborene Kind“ jedes Jahr etwa 50.000 Kinder zu früh auf die Welt, was etwa sieben Prozent eines Geburtsjahrgangs entspricht. Die Überlebensrate der früh Geborenen hat sich dank Weiterentwicklungen in der Medizin wie etwa Beatmungsmaschinen so verbessert, dass inzwischen Frühchen ab der 25. Schwangerschaftswoche mit einer mehr als 80-prozentigen Wahrscheinlichkeit überleben.
Was eine frühe Geburt für die Entwicklung bedeutet
Dabei gibt es aber weiterhin ein erhöhtes Risiko für Entwicklungsstörungen, wie etwa ein beeinträchtigtes Wachstum des Gehirns. Entwicklungspyschologe Dieter Wolke, Mitautor der aktuellen Studie, erklärt: Von der 26. bis zur 40. Schwangerschaftswoche vervierfache sich das Gewicht des Gehirns. „Also es ist irrsinnig viel Entwicklung, die stattfindet“, so Wolke. Kommt das Kind zu früh auf die Welt, kann das Wachstum des Gehirns gehemmt werden, was sich wiederum auf die kognitiven Fähigkeiten des Kindes auswirken kann.
Die aktuelle Studie liefert dazu Langzeitdaten: Die Gruppen, die im Durchschnitt weniger Schwierigkeiten in den abgefragten Lebensbereichen gezeigt haben und zufriedener mit ihrem Leben sind, hatten bei der Messung ihres Intelligenzquotienten im Alter von acht Jahren höhere Werte. Die Studie fand einen statistischen Zusammenhang zwischen einem höheren Intelligenzquotienten (IQ) im Kindesalter und einem niedrigeren Risiko für spätere Probleme in Partnerschaft, sozialem Umfeld und Karriere.
Warum der IQ nicht alles erklärt
Dieser Wert darf aber nicht isoliert betrachtet werden, so Entwicklungspsychologe Wolke. Neben dem IQ gebe es mehrere Faktoren, die sehr wichtig für die allgemeine Zufriedenheit und kognitiven Fähigkeiten der zu früh geborenen Menschen sind. Für ein „optimales Funktionieren“ nennt Wolke konkret vier Faktoren: erstens die zu frühe Geburt, zweitens das Temperament, also wie stark man zum Beispiel aufgabenzentriert sei. Drittens und viertens nennt Wolke „die Eltern-Kind-Beziehung und das Elternverhalten“. Diese Faktoren können sich auch auf den IQ auswirken. Deswegen sei es wichtig, auch das Elternverhalten früh anzupassen und die Eltern-Kind-Beziehung bei Frühchen zu fordern.
Der Intelligenzquotient misst immer nur ein Potenzial, die Fähigkeiten und Möglichkeiten eines Menschen – im Falle des IQ die Fähigkeiten, Muster zu erkennen, logisch zu denken und Probleme zu lösen. Dieses Potenzial ist nicht fest, es ist ein Leben lang veränderbar, besonders stark in jüngeren Jahren.
Warum Nähe von Anfang an wichtig ist
„Sie müssen sich vorstellen, wenn Sie ein Kind haben, das sehr früh in der Neonatalstation geboren ist: Sie haben riesige Angst. Das ist etwas, was Sie nie erwartet haben“, sagt Wolke. Eltern seien zur Geburt ihres Kindes überfordert, Krankenhäuser nähmen ihnen Aufgaben ab – zum Beispiel bei der Ernährung des Kindes. Diese funktioniert bei Frühgeborenen oft noch über Magensonden, die Kinder liegen in den ersten Wochen noch entfernt von ihren Eltern im Brutkasten.
Christian Gille, Ärztlicher Leiter der Neonatalstation in Heidelberg, plädiert dafür, Eltern mehr Möglichkeiten zu geben, auch bei Frühchen das Kind öfter an die Brust zu legen und selbst zu ernähren, damit sich ihre Bindung zueinander besser aufbauen könne und das Kind unterstützt werde. So könne auch die spätere kognitive Entwicklung des Kindes früh gefördert werden.
Wie Eltern Frühchen im Alltag fördern können
Eltern können ihr frühgeborenes Kind auch später im Alltag kognitiv unterstützen und fördern, damit es in Zukunft Partnerschaft, soziale Kontakte und Karriere gut meistert. Dieter Wolke empfiehlt, dem Kind eine sichere, lernfähige Umgebung zu schaffen – damit es sich stressfrei weiterentwickeln kann. Gemeinsame Museumsbesuche, leicht fordernde Gespräche, Vorlesen: Das alles kann frühgeborene Kinder – genauso alle anderen – besser auf ihr späteres Leben vorbereiten.
