Die Pegel im Rhein erreichen historische Tiefststände. Wo sonst Wasser fließt, kommen Kampfmittel, Munitionsreste und Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg zutage. Der Kampfmittelräumdienst ist im Dauereinsatz.
„Ich bin entspannt“, sagt Sascha Hummrich und lächelt. Gleich wird er im Neoprenanzug in den Rhein steigen, um eine Bazooka auf dem Grund des Flusses abzulegen. Die Panzerabwehrhandwaffe soll im Wasser gesprengt werden.
Hummrich und sein Kollege Marco Ofenstein vom Kampfmittelräumdienst Rheinland-Pfalz (KMRD) haben die Bazooka, die Spaziergänger am Ufer des Rheins in Koblenz-Wallersheim gefunden hatten, verpackt, mit Sand gesichert und mit einem Zünder versehen.
Was aussieht wie ein verrostetes Rohr ist auch 81 Jahre nach Kriegsende noch immer hochgefährlich, erläutert Ofenstein: „Bei unsachgemäßer Handhabung kann sich das Kampfmittel nochmal detonativ umsetzen, das heißt konkret: Wenn man da dabei ist, überlebt man das Ganze nicht.“
Ofenstein und seine Kollegen beim Kampfmittelräumdienst sind derzeit im Dauereinsatz.
Häuser für Sprengung im Rhein evakuiert
Der Kollateralschaden, den dieser explosive Zufallsfund am Ufer des Rheins bei Koblenz verursacht hat: Für die Sprengung wurden zwölf Häuser im Umkreis von 100 Metern evakuiert. Bewohner eines Alten- und Pflegeheims am Rande der Gefahrenzone mussten zwar nicht raus, durften das Gebäude aber nicht verlassen. Die Rheinschifffahrt wurde in dem betroffenen Gebiet kurzfristig eingestellt.
Für die beiden Männer vom Kampfmittelräumdienst ist der Einsatz Routine, der Grad ihrer Konzentration immer gleich: „Ob wir eine große Fliegerbombe in der Innenstadt entschärfen oder eine Handgranate, das ist uns egal.“ Am Rheinufer gibt es aber eine besondere Herausforderung: „Hier liegt überall Kies, und wenn man hier sprengt, muss man aufpassen, dass man diese Steine nicht mitbeschleunigt und die dann durch die Gegend fliegen“, sagt Ofenstein.
Kampfmittelräumdienst im Dauereinsatz
Einsätze wie diesen haben die Mitarbeiter des rheinland-pfälzischen Kampfmittelräumdienstes im Moment mehrmals am Tag – und auch in der Nacht. „Es ist wirklich extrem in diesem Sommer“, erzählt der Technische Leiter des KMRD, Sven Rasehorn, „ständig kommen neue Meldungen rein, unsere Mitarbeiter sind 24/7 im Einsatz. Die Leute sind beim Niedrigwasser viel am Rheinufer unterwegs und finden alles Mögliche. Handgranaten, Mörsergranaten, Munitionsreste – aber natürlich auch viel Schrott.“
Dass Funde gesprengt würden, sei eher die Ausnahme, erklärt Rasehorn. Evakuierungsaktionen wie die in Koblenz-Wallersheim will man möglichst vermeiden. „In der Regel machen unsere Experten die Waffenfunde unschädlich und bringen sie in sicheren Munitionskisten in einen Bunker auf unsere Dienststelle. Von dort werden sie dann abgeholt, nach Munster ins Bundeswehrdienstleistungszentrum gebracht und dort vernichtet“, beschreibt Rasehorn das Vorgehen.
Sven Rasehorn ist technischer Leiter des Kampfmittelräumdienstes.
Waffenfunde in anderen Bundesländern
Auch außerhalb von Rheinland-Pfalz tauchen in diesen Tagen vermehrt Kampfmittelfunde auf: Im hessischen Trebur etwa hat ein Spaziergänger am Mittwoch eine rauchende Phosphorgranate am Rheinufer entdeckt. Durch den niedrigen Wasserpegel des Rheins kam sie zum Vorschein – und in Berührung mit Luft. Das führte zu einer chemischen Reaktion zwischen Phosphor und Sauerstoff, wie die Polizei mitteilt.
Das brandenburgische Ministerium des Innern und für Kommunales in Potsdam warnt: „Wenn Fundmunition aufgefunden wird, gilt: Meiden Sie den Gegenstand, markieren Sie den Fundort und melden Sie den Fund der Polizei“, so ein Ministeriumssprecher.
Und auch im bayerischen Innenministerium ist man sich der Gefahren in trocken liegenden Gewässern bewusst: „Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Bomben, Granaten und Munitionsreste gezielt versenkt. Aufgrund der inzwischen verstrichenen Zeit sind solche Kampfmittel regelmäßig unter Sedimenten in Seen und Flüssen verborgen und nicht ohne weiteres lokalisierbar“, so ein Sprecher.
„Viele Soldaten wollten ihre Waffen loswerden“
Markus Pöhlmann ist Historiker und Leiter des Forschungsbereiches „Militärgeschichte bis 1945“ am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam. Er erläutert, in der Endphase des Zweiten Weltkrieges von Januar 1945 habe es besonders entlang der Rheinfront „Auflösungserscheinungen“ bei den deutschen Truppen gegeben. „Vieles passierte in dieser völlig chaotischen und auch gefährlichen Phase unkoordiniert und spontan, viele Soldaten desertierten und wollten ihre Waffen loswerden“, so der Historiker.
Man sei nach dem Prinzip ‚aus den Augen, aus dem Sinn‘ vorgegangen und habe massenhaft Kriegsgerät in Flüsse, vor allem den Rhein, geworfen. Nach der Kapitulation der Deutschen im Mai 1945 schließlich seien „Unmengen an Waffen und Munition übrig geblieben.“
„Da lagen buchstäblich Berge mit tausenden Gewehren oder 20.000 Schuss Munition einfach herum“, sagt Pöhlmann. Die Alliierten hätten vor der Herausforderung gestanden, diese Waffen entsorgen zu müssen: „Auch aus Sicherheitsgründen entschieden die Alliierten, Waffen auf die leichteste Art zu entsorgen, nämlich sie in Flüsse zu ‚verklappen‘.“
In der Endphase des Zweiten Weltkrieges landeten „Unmengen“ Waffen und Munition unter anderem im Rhein.
Keine Zahlen über entsorgte Kampfmittel
Wie viele Waffen in deutschen Binnengewässern entsorgt worden seien, sei nicht nachzuvollziehen. „Es gibt keine Zahlen dazu“, sagt Pöhlmann. Klar sei aber, dass im Meer, also in der Ost- und Nordsee, vor allem Munition, Minen und chemische Kampfstoffe entsorgt worden seien. Dies sei auch dokumentiert worden. In Flüssen hingegen lägen bis heute vermutlich tausende Granaten, Gewehre, Sprengstoffe und schweres Kriegsgerät wie Panzer.
Das weiß auch Sven Rasehorn vom rheinland-pfälzischen Kampfmittelräumdienst. „Wir können natürlich nicht den ganzen Fluss säubern“, sagt er. Solange der Rhein genügend Wasser führe, gehe allerdings wenig Gefahr von diesen Kampfmitteln aus.
Die Bazooka am Rheinufer in Koblenz-Wallersheim ist für die Kampfmittelräumer kein größeres Problem. Nachdem Sascha Hummrich sie im Wasser abgelegt hat, ist nach zehn Minuten ein lauter Knall zu hören – die Detonation ist noch hundert Meter weiter zu spüren. „Alles gut gelaufen“, erläutert Marco Ofenstein kurz danach. Während er und sein Kollege mit der Sprengung beschäftigt waren, sind schon wieder neue Meldungen eingegangen.

