Das Smartphone ist für Jugendliche Kommunikationsmittel, Unterhaltungsgerät, Suchmaschine und zunehmend auch Zugang zu künstlicher Intelligenz. Trotzdem dreht sich die Debatte über Mediennutzung häufig zuerst um die Bildschirmzeit. Wie viele Stunden sind zu viel, wann sollte das Handy weg und welche Grenzen brauchen Kinder?
Die Studie „Eltern im Fokus 2026“ der Körber-Stiftung lenkt den Blick auf ein Problem hinter diesen Fragen. Die Dauer der Nutzung lässt sich vergleichsweise einfach erfassen. Schwieriger ist zu beurteilen, was Jugendliche während dieser Zeit erleben und wie sicher sie mit Falschinformationen, KI und anderen digitalen Risiken umgehen.
Für die Untersuchung wurden im März 2026 bundesweit 1.004 deutschsprachige Eltern schulpflichtiger Kinder zwischen 12 und 18 Jahren befragt. Die Ergebnisse beruhen damit auf Einschätzungen der Eltern und nicht auf einer direkten Befragung ihrer Kinder.
Die Stunden erzählen nur einen Teil
Nach Einschätzung der Eltern verbringen 36 Prozent der 12- bis 18-Jährigen mindestens drei Stunden täglich am eigenen Smartphone. Mit dem Alter nimmt die geschätzte Nutzungsdauer deutlich zu. Bei den 12- bis 14-Jährigen kommen 21 Prozent auf mindestens drei Stunden, bei den 15- bis 18-Jährigen sind es 54 Prozent.
Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass Eltern die Nutzungsdauer unterschätzen. Die Körber-Stiftung zieht zum Vergleich die JIM-Studie 2025 heran. Dort gaben 80 Prozent der befragten 12- bis 19-Jährigen an, durchschnittlich knapp vier Stunden täglich am Smartphone zu verbringen.
Interessant ist dabei nicht nur die Differenz zwischen Fremd- und Selbsteinschätzung. Auch Erwachsene haben Schwierigkeiten mit der eigenen Nutzung. 61 Prozent der Eltern sagen, sie könnten ihre Bildschirmzeit gut regulieren. Ihren Kindern trauen das lediglich 36 Prozent zu.
Selbstregulation ist damit keine reine Jugendfrage.
Wer Medienkompetenz nur an der Bildschirmzeit von Kindern festmacht, übersieht, dass Erwachsene denselben Mechanismen digitaler Aufmerksamkeit begegnen.
Medienkompetenz beginnt nach dem Entsperren
Die Dauer allein sagt zudem wenig darüber aus, was am Bildschirm geschieht. Eine Stunde Videotelefonie mit Freunden, eine Recherche für die Schule und eine Stunde Kurzvideos erscheinen in der Statistik zunächst gleich. Die Anforderungen an Aufmerksamkeit und Urteilsvermögen unterscheiden sich jedoch erheblich.
Genau diese Unterschiede werden in der Studie sichtbar. 91 Prozent der Eltern glauben, ihre Kinder könnten digitale Geräte gut für den Austausch mit Freunden und Familie nutzen. 80 Prozent trauen ihnen einen sinnvollen Einsatz des Internets für Schule und Alltag zu.
Bei anspruchsvolleren Fähigkeiten fällt die Einschätzung zurückhaltender aus. Nur 43 Prozent meinen, ihr Kind könne Falschinformationen gut von zuverlässigen Informationen unterscheiden. 49 Prozent beurteilen diese Fähigkeit als eher oder sehr schlecht.
Auch die Regulierung der Bildschirmzeit bereitet Sorgen. 63 Prozent der Eltern bewerten die Fähigkeit ihrer Kinder dazu als eher oder sehr schlecht.
Damit entsteht ein Unterschied zwischen digitaler Routine und Medienkompetenz. Eine App sicher bedienen zu können bedeutet noch nicht, ihre Inhalte zuverlässig bewerten zu können.
KI macht diese Lücke sichtbarer
Künstliche Intelligenz erweitert dieses Problem. Inhalte müssen heute nicht mehr nur danach beurteilt werden, ob eine Quelle glaubwürdig erscheint. Texte, Bilder und Videos können automatisiert erzeugt oder verändert werden.
Viele Eltern müssen diese neue Informationsumgebung selbst erst kennenlernen. 28 Prozent fühlen sich im Umgang mit KI-Anwendungen eher oder sehr unsicher. Bei sozialen Medien liegt dieser Anteil bei 21 Prozent. Damit ist die Unsicherheit bei KI unter den abgefragten Anwendungen am größten.
Hinzu kommt eine unterschiedliche Nutzung. 42 Prozent verwenden KI-Anwendungen privat selten oder nie. Eltern mit Abitur oder Studium nutzen solche Werkzeuge häufiger als Eltern mit Haupt- oder Realschulabschluss.
Das hat Folgen für die Begleitung von Kindern. 28 Prozent der Eltern sagen, sie könnten ihr Kind bei der Nutzung von KI-Anwendungen nur schlecht unterstützen. Auch dabei zeigen sich Unterschiede nach Bildungsabschluss.
Medienkompetenz hängt deshalb nicht allein davon ab, ob Technik verfügbar ist, sondern auch davon, ob Menschen ihre Funktionsweise und Grenzen einschätzen können.
Falsche Inhalte sind bereits Alltag
Wie konkret diese Herausforderung ist, zeigt eine weitere Zahl. 42 Prozent der Eltern geben an, ihr Kind habe im Internet bereits etwas für echt gehalten, das sich später als falsch oder KI-generiert herausstellte.
Die Studie erfasst noch weitere Erfahrungen. 35 Prozent der Eltern wissen von einer Konfrontation ihrer Kinder mit extremen politischen Ansichten. 32 Prozent berichten von Verschwörungstheorien.

Doch gerade bei solchen Angaben ist Vorsicht nötig. Gefragt wurde danach, was Eltern über die Erfahrungen ihrer Kinder wissen. Fehlende Kenntnis bedeutet deshalb nicht, dass etwas nicht passiert ist.
Der von der Körber-Stiftung angeführte Vergleich mit der JIM-Studie 2025 macht diese Grenze sichtbar. Dort berichteten 67 Prozent der 12- bis 19-Jährigen, im vergangenen Monat Fake News wahrgenommen zu haben. 59 Prozent waren extremen politischen Ansichten begegnet, 46 Prozent Verschwörungstheorien.
Eltern sehen also nur einen Ausschnitt der digitalen Erfahrungswelt ihrer Kinder.
Kontrolle stößt an natürliche Grenzen
Das erklärt auch, warum reine Kontrolle als Schutzstrategie schwieriger wird. Bildschirmzeiten können begrenzt und bestimmte Anwendungen gesperrt werden. Ob ein Video irreführt, ein Bild mit KI erzeugt wurde oder eine vermeintliche Nachricht aus einer verlässlichen Quelle stammt, lässt sich damit nicht entscheiden.
Diese Bewertung muss zunehmend während der Nutzung stattfinden. Dafür brauchen Jugendliche Kriterien, mit denen sie Quellen, Behauptungen und digitale Inhalte prüfen können.
Bei Eltern besteht dafür durchaus Bewusstsein. 76 Prozent schätzen ihre eigene Fähigkeit, Falschinformationen von zuverlässigen Informationen zu unterscheiden, als gut ein. Zugleich wünschen sich 65 Prozent mehr Informationen darüber, wie sich Falschinformationen und KI-generierte Bilder oder Videos erkennen lassen.
Diese beiden Ergebnisse widersprechen sich nicht zwingend. Menschen können sich im bisherigen Umgang mit Informationen sicher fühlen und trotzdem erkennen, dass KI neue Unsicherheiten schafft.
Medienkompetenz wird zur gemeinsamen Aufgabe
Auffällig ist deshalb, welchen Stellenwert Eltern der Informationsprüfung für die Zukunft geben. 66 Prozent halten die Fähigkeit, Falschinformationen von zuverlässigen Informationen zu unterscheiden, für eine sehr wichtige berufliche Kompetenz. Beim Umgang mit KI sagen das 52 Prozent.
Die Verantwortung dafür sehen viele nicht ausschließlich im Elternhaus. 60 Prozent betrachten Eltern und Schule gleichermaßen als zuständig, wenn Kinder lernen sollen, Falschinformationen zu erkennen. Bei KI-Kompetenzen sind es 52 Prozent.
Das ist auch deshalb relevant, weil die Voraussetzungen in Familien unterschiedlich sind. Nutzung und Sicherheit im Umgang mit KI variieren in der Befragung nach Bildungsabschluss. Medienkompetenz ausschließlich an Eltern zu delegieren, kann bestehende Unterschiede deshalb verstärken.
Die entscheidende Frage lautet nicht nur, wie lange Kinder online sind, sondern was sie dort selbstständig beurteilen können.
Bildschirmzeit bleibt ein sinnvoller Teil der Medienerziehung, besonders wenn Nutzung andere Aktivitäten verdrängt oder die Selbstregulation schwerfällt. Als alleiniger Maßstab greift sie jedoch zu kurz.
Mit KI-generierten Inhalten und leicht verbreitbaren Falschinformationen verändert sich die Aufgabe. Schutz entsteht dann nicht nur durch weniger Bildschirm, sondern durch mehr Orientierung am Bildschirm.
Fazit: Medienkompetenz braucht mehr als Zeitlimits
Bildschirmzeit bleibt ein wichtiger Teil des Familienalltags, erklärt aber nicht, wie sicher Kinder und Jugendliche online unterwegs sind. Die Studie zeigt vor allem eine gemeinsame Herausforderung für Eltern und Kinder: KI und Falschinformationen machen es wichtiger, Inhalte beurteilen und die eigene Nutzung reflektieren zu können. Medienerziehung bedeutet deshalb zunehmend, nicht nur Grenzen zu setzen, sondern Orientierung zu geben.
FAQ
Wie viel Bildschirmzeit haben Jugendliche laut Studie?
Nach Einschätzung der Eltern verbringen 36 Prozent der 12- bis 18-Jährigen mindestens drei Stunden täglich am Smartphone. Bei den 15- bis 18-Jährigen liegt der Anteil bei 54 Prozent.
Können Jugendliche Fake News erkennen?
Das lässt sich aus der Studie nicht direkt feststellen, weil die Eltern befragt wurden. 43 Prozent der Eltern glauben, ihr Kind könne Falschinformationen gut von zuverlässigen Informationen unterscheiden. 49 Prozent schätzen diese Fähigkeit schlechter ein.
Was hat KI mit Medienkompetenz zu tun?
KI kann Texte, Bilder und andere Inhalte erzeugen, deren Herkunft nicht unmittelbar erkennbar ist. In der Befragung berichten 42 Prozent der Eltern, ihr Kind habe bereits Inhalte für echt gehalten, die sich später als falsch oder KI-generiert erwiesen.
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