Worum es geht
In sozialen Netzwerken kursiert der Bildausschnitt eines angeblichen SPD-Faltblatts zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026. Darauf steht: „Jetzt Briefwahl beantragen! Sonst haben wir keine Chance!“ Manche Beiträge deuten den Zusatz als Eingeständnis – die SPD gebe damit zu, auf Briefwahlstimmen angewiesen zu sein, oder bereite gar eine Manipulation vor.
Der Ausschnitt ist verfälscht. Der Unterschied zum Original besteht aus einem einzigen Satz.
Ein Satz zu viel
Dieselbe Gestaltung, dieselbe Überschrift – und eine Ergänzung, die es im Original nicht gibt.
Original
„Jetzt Briefwahl beantragen!“
So steht es im offiziellen Kandidierendenflyer im SPD-Shop und auf der Website der SPD Sachsen-Anhalt.
Verbreitete Fassung
„Jetzt Briefwahl beantragen!“
„Sonst haben wir keine Chance!“
Dieser zweite Satz steht auf keinem offiziellen SPD-Material.
Erst der hinzugefügte Satz macht aus einer üblichen Wahlaufforderung ein vermeintliches Geständnis.
Was im Original tatsächlich steht
Im SPD-Shop findet sich ein sechsseitiges Faltblatt für Kandidierende in Sachsen-Anhalt, das offenbar individuell mit Foto und Wahlversprechen gestaltet werden kann. Eine Seite ähnelt dem verbreiteten Bild stark – mit einem entscheidenden Unterschied: Die Überschrift lautet dort nur „Jetzt Briefwahl beantragen!“. Auch auf der Website der SPD Sachsen-Anhalt steht dieselbe Überschrift mit dem zugehörigen Erklärungstext, ebenfalls ohne den Zusatz.
Ein Sprecher des SPD-Landesverbands Sachsen-Anhalt bestätigte laut dpa, dass die kursierende Aufnahme mit dem Zusatz gefälscht ist.

Warum die Fälschung funktioniert
Sie wirkt glaubwürdig, weil sie auf einem tatsächlich existierenden Layout basiert. Schriftart, Farben, Aufbau – alles stimmt. Genau darin liegt der Täuschungskern: Ein echter Flyer wird um einen einzigen zugespitzten Satz ergänzt, und schon lädt sich die Aussage politisch auf.
Aus einer gewöhnlichen Aufforderung zur Briefwahl entsteht so der Eindruck, die Partei räume eine besondere Abhängigkeit von Briefwahlstimmen ein oder bereite etwas vor. Für diese Deutung liefert der manipulierte Ausschnitt allerdings keinen Beleg – er ist selbst der einzige „Beweis“, und er ist erfunden.
Wie der Ausschnitt verbreitet wird
Der manipulierte Flyer taucht in unterschiedlichen Beiträgen auf, jeweils mit einer mitgelieferten Deutung. In einem archivierten Beitrag steht über dem Bild: „Klarer kann man seine Betrugsabsicht nicht zum Ausdruck bringen.“ Darüber wird das Thema zusätzlich mit Migration verknüpft.
Ein zweiter archivierter Beitrag formuliert vorsichtiger und fragt nur, was mit dem Satz gemeint sei – verlinkt darunter aber gleich einen Telegram-Kanal. Bemerkenswert ist hier das Bild selbst: Es zeigt nur den unteren Teil des Flyers, die manipulierte Überschrift ist gar nicht zu sehen. Zitiert wird sie trotzdem, im Beitragstext.
Beide Beiträge liefern damit dasselbe Muster: nicht die Behauptung „Die SPD plant Wahlbetrug“, sondern ein Bild plus eine Frage, aus der sich die Schlussfolgerung von selbst ergeben soll. Nur beruht sie auf einem Satz, den es auf dem Original nicht gibt.
Zur Einordnung: Briefwahl in Zahlen
Die Briefwahl ist ein regulärer Bestandteil deutscher Wahlen und ermöglicht die Stimmabgabe, ohne am Wahltag persönlich ins Wahllokal zu gehen. Bei der Bundestagswahl 2021 nutzten sie nach Angaben der Bundeswahlleitung 47,3 Prozent der Wählerinnen und Wähler. Eine Partei, die zur Briefwahl aufruft, tut damit nichts Ungewöhnliches – das machen praktisch alle.
Wahlbehörden verweisen regelmäßig auf die organisatorischen Absicherungen: Unterlagen werden nur an Wahlberechtigte ausgegeben, bei abweichender Versandadresse greifen Kontrollmechanismen, und die Auszählung durch die Wahlvorstände ist öffentlich. Auch die Wahlleitung in Sachsen-Anhalt hat das zuletzt betont.
Das heißt nicht, dass Manipulationen theoretisch unmöglich wären. Das Bundesverfassungsgericht hat die Briefwahl mehrfach bestätigt und zugleich darauf hingewiesen, dass die öffentliche Kontrolle bei der Stimmabgabe per Brief nicht in gleichem Maß gewährleistet ist wie im Wahllokal; diese Nachteile hält das Gericht bis zu einem gewissen Grad für hinnehmbar. Aus dem verfälschten Flyer ergibt sich dafür aber kein Nachweis.
Der Flyer belegt keine Wahlmanipulation
Im Umfeld der Landtagswahl wird die Briefwahl politisch kritisiert. Das ist von der Prüfung des Flyers zu trennen: Der kursierende Bildausschnitt ist kein Beleg für Wahlfälschung, sondern selbst manipuliert.
Pauschale Vorwürfe über angeblich beeinflusste Briefwahlstimmen müssen belegt werden. Nach den vorliegenden Angaben gibt es dafür keine belastbaren Nachweise.
Fazit
Der verbreitete Bildausschnitt zeigt keinen echten SPD-Flyer in dieser Form. Der Satz „Sonst haben wir keine Chance!“ wurde dem Originalmaterial hinzugefügt.
Bewertung: Falsch. Die Manipulation nutzt ein echtes Layout, verändert aber die zentrale Aussage des Flyers.
