Polnische Gebietsansprüche im Grenzgebiet zu Tschechien galten bislang als bedeutungslose Fußnote der Geschichte. Bis es kürzlich hieß, Polen bestehe auf die Rückgabe. Mittlerweile ist klar: Alles frei erfunden.
Ein großes Thema in den tschechisch-polnischen Beziehungen waren die knapp 400 Hektar bislang nicht – allenfalls eine historische Fußnote, für die sich bereits eine Lösung abzeichnete. Bei einer Grenzbegradigung im Jahr 1958 überließ Polen der damaligen Tschechoslowakei rund 368 Hektar mehr als es im Gegenzug erhielt.
Zuletzt verhandelten beide Länder darüber, die Differenz durch gemeinsame Hochwasserschutzprojekte auszugleichen. So weit eine Geschichte, die selbst in der betroffenen Grenzregion rund um Cesky Tesin allenfalls einige Landwirte interessierte.
Gefälschte Profile und Regierungsschreiben
Doch plötzlich standen polnische Gebietsansprüche gegen Tschechien neu und mit Nachdruck im Raum. Unbekannte hackten die Seite eines polnischen Radiosenders und verbreiteten dort die Meldung, Polen fordere die Herausgabe tschechischen Gebietes.
Es folgten gefälschte Profile tschechischer und polnischer Diplomaten, ein falsches polnisches Regierungsschreiben, eine harsche und ebenso falsche tschechische Zurückweisung und eine täuschend echte Kopie des öffentlich-rechtlichen Nachrichtenportals iRozhlas.
Schließlich rief ein offenbar frei erfundener Organisator im Netz sogar zu einer Demonstration in der tschechischen Grenzstadt Trinec auf – der Slogan „Hier wohnen wir. Hier bleiben wir“ sollte offensichtlich Ängste vor Enteignung und Vertreibung schüren. Innerhalb weniger Tage wurde so aus einer historischen Fußnote ein scheinbar echter internationaler Konflikt.
Ein via Social Media verbreiteter Aufruf zu einer anti-polnischen Demonstration.
Historisch umstrittenes Gebiet
Die Desinformationskampagne versucht, die Flammen eines alten Streits neu zu entfachen. Die Grenzstadt Cesky Tesin (wie sie auf Tschechisch heißt) / Ciezsyn (wie sie in Polen heißt) war nach dem Ende des Ersten Weltkriegs lange umstritten. 1919 setzte die junge Tschechoslowakei ihre Ansprüche in einem Sieben-Tage-Krieg militärisch durch.
Nach dem Münchner Abkommen besetzte Polen 1938 das Gebiet. Während des Zweiten Weltkriegs war es von Deutschland annektiert. 1945 wurde der polnisch-tschechoslowakische Grenzverlauf von 1920 wiederhergestellt, der die Stadt erneut in Cieszyn und Cesky Tesin teilte.
Erst der tschechisch-polnische Grenzvertrag von 1958 sorgte für Stabilität. Und nach dem Beitritt beider Länder zur EU 2004 und zur Schengen-Zone 2007 fanden auch die Bürger der geteilten Stadt zusammen. Die Beziehungen seien heute endlich frei von Problemen – umso mehr ärgert es viele hier, dass alter Hass angefacht werden soll.
„Reksio und der kleine Maulwurf wissen es schon lange: Polen und Tschechien sind echte Freunde“, postete der polnische Premier Tusk als Antwort auf die Desinformationskampagne.
„Vorfall nicht unterschätzen“
Wie viele Menschen die gefälschten Meldungen tatsächlich ernst nahmen, ist nicht bekannt. Dem gefakten Demonstrationsaufruf sei niemand gefolgt, sagte ein Vertreter der Stadt Trinec. Doch tschechische und polnische Politiker sind alarmiert.
Der polnische Premier Donald Tusk reagierte prompt: Er postete ein Bild der beiden Zeichentrick-Kinderhelden Reksio und des kleinen Maulwurfs – einträchtig nebeneinander. Dazu schrieb er auf Tschechisch: „Reksio und der kleine Maulwurf wissen es schon lange: Polen und Tschechien sind echte Freunde.“
Doch Geheimdienste beider Länder sprechen von einem ernsten Vorfall und ermitteln gemeinsam. „Wir dürfen die Sache keinesfalls unterschätzen. Sie trägt alle Merkmale einer typischen russischen Desinformationskampagne“, sagte der Sprecher des tschechischen Inlandsgeheimdienstes BIS, Ladislav Sticha, im Gespräch mit der ARD. Die bisherigen Erkenntnisse deuteten darauf hin, dass Russland und seine Geheimdienste hinter der Aktion steckten. Die Ermittlungen seien allerdings noch nicht abgeschlossen.
Längst einvernehmliche Lösung in Sicht
Das Ziel sei eindeutig: Mithilfe eines alten historischen Streits solle Zwietracht zwischen Polen und Tschechien gesät werden – zwei Ländern, die die Ukraine unterstützen. Für Tschechiens Außenminister Petr Macinka haben die Urheber damit jedoch das Gegenteil ihres Ziels erreicht.
Polen und Tschechien hätten schnell und geschlossen reagiert – und zugleich öffentlich gemacht, dass für den alten Grenzstreit längst eine einvernehmliche Lösung gesucht werde. Tschechien soll demnach kein Gebiet abtreten, sondern sich stärker an gemeinsamen Hochwasserschutzprojekten beteiligen.
Statt die beiden Nachbarn zu entzweien, habe die Kampagne so vor allem gezeigt, wie eng sie inzwischen zusammenstehen. Aus dem herbeigefälschten Bruderkrieg wurde eine demonstrative Verbrüderung – mit Reksio und dem kleinen Maulwurf als Friedensstiftern.
Ein Happy End? Nicht unbedingt, denn dem Desinformator muss es gar nicht darum gehen, eine Lüge dauerhaft glaubhaft zu machen. Es reiche, hier und da Zweifel zu säen, alte Konflikte wiederzubeleben und das Vertrauen in Politik, Medien und Nachbarn zu untergraben, so Geheimdienstmitarbeiter – um so eine Gesellschaft langsam von innen heraus zu zersetzen.

