Auch eine Woche nach der verheerenden Sturzflut in Nepal und China suchen Rettungskräfte nach Überlebenden – trotz erschütternder Bilder, trotz steigender Opferzahlen. Denn es gibt sie: die Momente, die Hoffnung geben.
Menschen werden zu Nummern – BHF 23, BHF 216, BHF 254. In der schweren, roten Erde in einem Wald bei Chitwan werden hunderte Leichen bestattet. Niemand weiß bisher, wer sie sind.
Chitwan ist eigentlich bekannt für einen Nationalpark mit Tigern und Nashörnern. Jetzt aber sammeln sich hier die Toten, an der Mündung des Trishuli in den Narayani. „Die Sturzflut hat zahlreiche Leichen flussabwärts geschwemmt, die entlang der Ufer des Flusses Narayani aufgefunden wurden“, berichtet Dharma Thapa von der Polizei in Chitwan. Die Toten seien aus dem Fluss geborgen und in das Bezirkskrankenhaus gebracht worden, wo DNA-Proben entnommen worden seien.
Die Menschen, die die Sturzflut mitgerissen hat, wurden mit dem Wasser kilometerweit, manche bis zu 100 Kilometer weit, über Geröll und Felsen geschleift. Viele sind nicht mehr zu erkennen, teils können nur Leichenteile geborgen werden – einige wurden hoch oben in Bäumen gefunden, nachdem die Flut zurückgegangen war.
Noch immer werden tausende Menschen vermisst
Weil in den Krankenhäusern zu wenig Platz für all die Todesopfer ist und auch, um Seuchengefahr vorzubeugen, hat die Regierung beschlossen, nicht identifizierte menschliche Überreste vorübergehend zu bestatten, wie hier im Wald bei Chitwan. Den sterblichen Überresten würden Kennzeichnungsmarken mit Nummern zugeordnet, heißt es von Dharma Thapa weiter.
Sollte in Zukunft eine DNA-Übereinstimmung festgestellt werden, können die Überreste unter Einhaltung vorgeschriebener Verfahren exhumiert und den Angehörigen übergeben werden. Die technischen Vorkehrungen würden somit für eine künftige Identifizierung und Bergung getroffen.
Was war passiert?
Eine verheerende Sturzflut aus Wasser, Schlamm, Eis und Geröll hatte am 26. August im Grenzgebiet alles mit sich gerissen, was ihr im Weg stand. Experten zufolge soll ein massiver Gletscherabbruch auf der nepalesischen Seite die Flut ausgelöst haben. Viele Dörfer sind völlig zerstört, die Bewohner dort haben alles verloren. Tausende Einsatzkräfte suchen weiter in den Erdmassen und in verschütteten Tunneln nach Vermissten. Die Such- und Rettungsarbeiten werden immer wieder von weiteren drohenden Sturzfluten und schlechtem Wetter beeinträchtigt.
Formale Abläufe – es klingt trotzdem erschütternd. Viele Menschen werden wohl nie erfahren, was aus ihren Angehörigen geworden ist. Zwar konnten mehr als 11.000 Menschen gerettet werden, doch immer noch werden fast 4.000 Menschen vermisst.
Rabin Dhital hat mittlerweile traurige Gewissheit. „Wir haben bis heute an dieser Hoffnung festgehalten, dass wir unseren Sohn finden würden. Schließlich fanden wir ihn, er war tot. In dem Moment zerbrachen all unsere Hoffnungen und Träume“, sagt der Vater.
Kleine Zeichen der Hoffnung
Nach wie vor suchen Rettungskräfte fieberhaft nach hunderten von Arbeitern, die im Tunnelnetz der zerstörten Wasserkraftwerke eingeschlossen wurden. Einige seien tot geborgen worden, aber für andere bestünde noch Hoffnung, schätzen Fachleute. Es gäbe Zugang zu Sauerstoff. Bis Montag waren schon knapp 300 Menschen aus den Tunneln gerettet worden.
Und auch andere gute Nachrichten sind zu hören. Wie von dem Lehrer, der dank einer rechtzeitigen Warnung 900 Kinder vor dem Tod bewahren konnte. Er erzählt vom Tag der Katastrophe:
Ich war in meiner Klasse, ein Kollege kam rein und rief: ‚Die Flut kommt!‘ Da habe ich entschieden, die Schule zu evakuieren. Wir haben uns weiter oben in Sicherheit gebracht. Als ich zurückkam, sah ich, dass die ganze Schule fortgespült wurde. Ich bin fassungslos.
Schock und Ungewissheit
Sauberes Trinkwasser, Lebensmittel, Medikamente, Decken, Solarlampen – all das brauchen die Menschen, die überlebt haben. Aber vor allem die Kinder brauchen auch ein Gefühl von Stabilität, eine Idee der Normalität, erklärt Unni Krishnan von der Hilfsorganisation Plan international. Die Kinder stünden „zweifellos unter Schock, denn sie haben Dinge miterlebt, die kein Kind je sehen sollte“. „Ein weiterer schwerer Schlag für sie ist die Trennung von ihren Familien, Eltern und Freunden. Und dazu kommt: Ihre Schulen sind zerstört. Sie möchten unbedingt wieder zur Schule gehen – die Ungewissheit darüber, ob dies angesichts ihrer Unterbringung in Notunterkünften überhaupt möglich sein wird, schürt ihre Ängste zusätzlich“, berichtet Unni Krishnan.
Ein Land steht unter Schock. Von Normalität ist Nepal noch lange entfernt.

