In der MachtfalleVW droht am eigenen System zu ersticken – wer rettet den Konzern?

VW muss sich radikal neu aufstellen – droht dabei aber am eigenen Machtgefüge zu scheitern. Vorstand, Eigentümer, Arbeitnehmer und Niedersachsen ringen um den richtigen Kurs. Was auf dem Spiel steht, auf wem die Hoffnungen ruhen und wie Lösungen aussehen könnten.
Wie ernst die Lage bei Volkswagen ist, zeigt ein Satz aus einem internen Papier des Managements: „Die Titanic hat den Eisberg schon gerammt, Wasser strömt hinein.“ Diese katastrophale Diagnose findet sich in einem 146-seitigen Dokument des Vorstands, das die „Wirtschaftswoche“ einsehen konnte. Die Schlussfolgerung ist ebenso drastisch: Volkswagen muss sich grundlegend verändern, vor allem dramatisch schrumpfen.
Werke sollen geschlossen, Kapazitäten abgebaut und Geschäfte auf höhere Renditen getrimmt werden. In Emden und Zwickau soll die Produktion demnach 2031 enden, in Hannover 2032 und bei Audi in Neckarsulm 2034. Bis zu 100.000 Jobs könnten auf dem Spiel stehen.
Jetzt kommt dieser Plan offiziell auf den Tisch: An diesem Donnerstag berät zunächst das Präsidium des Aufsichtsrats darüber, am Freitag dann das gesamte Gremium. Im Juli war Blume mit seinem Sparkurs im Aufsichtsrat auf Widerstand gestoßen. Die Zeit spielt für niemanden im Konzern. VW leidet massiv unter Überkapazitäten, hohen Kosten, wachsendem Wettbewerbsdruck aus China und technologischer Trägheit.
Vier Lager, vier Interessen
Diese Woche stehen sich in dem Konflikt wieder dieselben vier Machtblöcke gegenüber:
Die Porsche-Piëch-Familie kontrolliert über die Porsche Automobil Holding SE 53,3 Prozent der Stimmrechte. Sie will Kosten senken, die Komplexität des Konzerns reduzieren und die Kapitalrendite verbessern. Zugleich steht sie selbst unter finanziellem Druck: Der Kursverfall bei Volkswagen und Porsche belastet die Beteiligungsgesellschaft, die zudem mit hohen Schulden kämpft.
Das zweite Lager sind Betriebsrat und IG Metall. Die Arbeitnehmerseite verfügt über die Hälfte der 20 Sitze im Aufsichtsrat und kann den Umbau damit maßgeblich beeinflussen. Sie akzeptiert, dass Volkswagen sich verändern muss, wehrt sich aber gegen eine Strategie, die vor allem über Werksschließungen und Stellenabbau führt. Gefordert sind neue Geschäftsfelder und industrielle Perspektiven.
Das dritte Lager ist der Vorstand um Oliver Blume. Als Konzernchef muss er Kosten senken und Gewinne organisieren. Dafür sollen Produktionskapazitäten in Europa sinken. Die Porsche-Piëch-Familie steht grundsätzlich hinter Blumes Kurs, drängt allerdings auf noch härteres und schnelleres Durchgreifen.
Das vierte Lager ist Niedersachsen. Das Land hält 20 Prozent der VW-Stimmrechte und verfügt damit über erheblichen Einfluss. Ministerpräsident Olaf Lies steckt dabei in einer Zwitterrolle: Er muss Arbeitsplätze und industrielle Substanz verteidigen – und zugleich dafür sorgen, dass Volkswagen wettbewerbsfähig bleibt.
Diese Machtverteilung hat den Konzern in den vergangenen Jahren bereits viel Zeit gekostet, die mit strategischen Kurswechseln verschwendet wurde.
Das Ende des Piëch-Systems
Schon beim Dieselskandal habe sich die Schwäche dieser Aufteilung gezeigt, sagt Hendrik Schmidt, Corporate-Governance-Experte beim Vermögensverwalter DWS, im Gespräch mit ntv.de. VW habe jahrelang Strategien gewechselt und teure Korrekturen vorgenommen. Das komplizierte Geflecht der Interessen erschwere bis heute schnelle und klare Entscheidungen.
Schmidt fordert deshalb einen radikalen personellen Schnitt im Aufsichtsrat. Die großen Aktionärsblöcke sollten jeweils einen ihrer Sitze unabhängigen Experten überlassen, schlägt er vor. Auch die Überkreuzbesetzungen zwischen VW und der Familienholding Porsche SE müssten verschwinden. Gemeint ist, dass einzelne Personen zugleich in den Kontrollgremien mehrerer verbundener Unternehmen sitzen – und damit in unterschiedliche Rollen und Interessenkonflikte geraten können. Mit den aktuell handelnden Personen sei ein echter Neustart kaum möglich, warnt er.
Schmidt kritisiert noch ein weiteres Ungleichgewicht: Die großen Aktionäre kontrollieren über ihre Stammaktien die strategische Richtung des Konzerns. Internationale institutionelle Investoren und Kleinanleger tragen dagegen über die stimmrechtslosen Vorzugsaktien einen erheblichen Teil des wirtschaftlichen Risikos, haben aber keinen entsprechenden Einfluss. Ihre Interessen fänden in der Governance seit Jahren „kein Gehör“, kritisiert er.
Wie ohne Machtkämpfe ein gefährlicher Stillstand überwunden werden kann, zeigt der Blick zurück. Als Ferdinand Piëch Anfang der 1990er Jahre an der Spitze von Volkswagen stand, war der Konzern ebenfalls in einer schweren Krise. Gemeinsam mit dem damaligen Betriebsratschef Klaus Volkert und der Gewerkschaft wurden dann allerdings schmerzhafte Einschnitte vereinbart, darunter die Vier-Tage-Woche.
Piëch konnte Macht bündeln. Heute ist die Macht verteilt. Wer die Richtung vorgibt, ist teils unklar. Für Schmidt liegt die Lösung deshalb in einem Systemwechsel.
System ändern oder Deal schmieden?
Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer hält das VW-System dagegen für eine Realität, mit der der Konzern leben muss – und setzt deshalb auf einen neuen Deal innerhalb dieses Systems.
Dudenhöffer plädiert im Gespräch mit ntv.de für zwei starke Moderatoren: einen im Aufsichtsrat und einen an der Spitze des Konzerns. Vor allem aber brauche Volkswagen eine klare technologische Richtung und mehr Freiraum für neue Ideen. Die reine Schrumpfkur hält er für eine „Kapitulation, keinen Plan“. VW müsse Kosten anpassen, dürfe sich aber nicht aus dem globalen Wachstumsmarkt verabschieden.
Die wichtigste Persönlichkeit in diesem Spiel ist Dudenhöffer zufolge Olaf Lies. Der Ministerpräsident habe die Autorität, einen Kompromiss zwischen der Familie Porsche-Piëch, IG Metall und Land zu schmieden. „Ich denke, Lies schafft es“, sagt Dudenhöffer.
Ein neuer Pakt dürfte allerdings allen Seiten etwas abverlangen. „Alle müssen Kröten schlucken“, sagt Dudenhöffer. Die Eigentümer müssten akzeptieren, dass nicht jede Kostenersparnis sofort in Rendite umgewandelt werden kann. Für die IG Metall wäre eine solche Kröte der Verzicht auf den Lohnausgleich bei einer Rückkehr zur 40-Stunden-Woche. Das würde die Personalkosten nach Dudenhöffers Einschätzung um rund 13 Prozent senken. Im Gegenzug müssten die Beschäftigten aber an einem späteren Erfolg des Konzerns beteiligt werden.
Das wäre der eigentliche Pakt: nicht die Garantie, dass alles bleibt, wie es ist – sondern eine Vereinbarung darüber, wie VW sich verändert, wer dafür welchen Preis zahlt und was danach entstehen soll.
Wenn der Pakt scheitert
Doch was passiert, wenn sich die Lager nicht auf einen solchen Deal einigen? Dann bleibt eine Eskalationsstufe, die die „Zeit“ bereits als „nukleare Option“ bezeichnet hat: eine außerordentliche Hauptversammlung.
Dort stimmen nur die Aktionäre ab – die Arbeitnehmerseite hat im Gegensatz zum paritätisch besetzten Aufsichtsrat kein Stimmrecht. Für Entscheidungen, die der Zustimmung der Hauptversammlung bedürfen, könnte die Kapitalseite damit die starke Position der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat umgehen.
Schmidt warnt allerdings vor den Folgen. Das Ergebnis wäre angesichts der Stimmrechtsverhältnisse kaum überraschend. Doch nicht nur der Vorstand, auch der Aufsichtsrat würde beschädigt. Zugleich dürften die Widerstände bei der Umsetzung eines solchen Kurses wachsen.
„VW braucht keinen Sieger im Machtkampf, sondern einen Pakt“, sagt Dudenhöffer. „Der Konzern muss Kosten anpassen und wettbewerbsfähiger werden, darf aber seine Wachstumschancen nicht verspielen. Die entscheidende Frage ist, ob die Beteiligten einen gemeinsamen Plan zustande bringen.“