Stand: 2. September 2026
Wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September macht in sozialen Netzwerken eine Grafik die Runde, die aussieht wie eine gewöhnliche Sonntagsfrage. Die AfD steht darin bei 46 Prozent, die CDU bei 20, die Grünen knapp unter der Fünfprozenthürde, das BSW knapp darüber. Als Absender werden das Institut Insa und die „Mitteldeutsche Zeitung“ genannt, als Datum der 29. August. Wer das für bare Münze nimmt, liest daraus: Die absolute Mehrheit im Landtag ist für die AfD zum Greifen nah.
Dass die AfD in Sachsen-Anhalt in Umfragen deutlich vorn liegt, ist keine Erfindung. Die Grafik ist es. Die Umfrage, auf die sie sich beruft, existiert nicht.
Wo die Umfrage sein müsste – und wo sie fehlt
Der erste Schritt ist der einfachste: nachschauen, ob die genannte Quelle das hergibt. Weder auf den Seiten von Insa noch bei der „Mitteldeutschen Zeitung“ aus Halle findet sich eine Erhebung mit diesen Zahlen und diesem Datum. Die Werte tauchen ausschließlich in der kursierenden Grafik auf.
Die Deutsche Presse-Agentur hat bei beiden nachgefragt. Insa bezeichnet die Umfrage gegenüber der dpa als Fälschung. Die „Mitteldeutsche Zeitung“ veröffentlichte einen Artikel in eigener Sache und stellt darin klar, dass sie bei Insa keine derartige Befragung beauftragt hat – und dass sie rechtliche Schritte gegen die vermeintliche Umfrage prüft. Die letzte Umfrage, die die Zeitung tatsächlich veröffentlichte, stammt vom 30. Juli. Sie wurde gemeinsam mit MDR, WDR und der „Volksstimme“ aus Magdeburg bei Infratest dimap in Auftrag gegeben, nicht bei Insa.
Was echte Umfragen zuletzt gezeigt haben
Die erfundenen Werte weichen nicht nur in einem Punkt von der Realität ab, sondern fast durchgehend. Ende August sahen die Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF und Infratest dimap für die ARD die AfD bei 40 beziehungsweise 42 Prozent. Die Grünen lagen in beiden Erhebungen bei 6 Prozent und würden damit den Einzug in den Landtag schaffen. Das BSW kam auf 3 beziehungsweise 4 Prozent und würde ihn verpassen – in der Fälschung ist es genau umgekehrt. Die SPD stand bei 9 beziehungsweise 8 Prozent, deutlich über den behaupteten 5 Prozent. Auch CDU und Linke hatten in den echten Umfragen mehr Zustimmung, als die Grafik ihnen zuschreibt.
Die Grafik gegen die echten Zahlen
Links die Werte aus der gefälschten „Insa-Umfrage“, rechts die Umfragen der Forschungsgruppe Wahlen (ZDF, 28. August) und von Infratest dimap (ARD, 26. August 2026).
Die Umfrage von Insa für die „Mitteldeutsche Zeitung“ existiert nicht – das bestätigen beide gegenüber der dpa.
Ob die vom Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt als rechtsextrem eingestufte AfD am 6. September eine absolute Mehrheit der Sitze erreicht, lässt sich aus keiner dieser Umfragen ablesen. Sie liegt klar vorn. Das ist etwas anderes als die 46 Prozent, die die Fälschung ihr zuschreibt.
Die Grafik verrät sich selbst
Man müsste gar nicht bei Insa anrufen, um stutzig zu werden. Wer die Prozentwerte der Grafik zusammenzählt, landet nicht bei 100, sondern bei 96. Auch die angegebenen Veränderungen passen nicht zusammen: Die Linke soll um 0,5 Punkte zugelegt haben und damit auf 10 Prozent kommen – in sämtlichen Umfragen des Jahres 2026 lag sie aber bereits klar im zweistelligen Bereich. Ein Plus, das unter dem Ausgangswert landet, gibt es nur in erfundenen Tabellen.
Hinzu kommt die Optik. Das Wappen Sachsen-Anhalts zeigt kleine Unregelmäßigkeiten und verschwommene Details – wer es mit dem offiziellen Landeswappen vergleicht, sieht den Unterschied. Im Hintergrund ist ein Schloss zu sehen, das es in Sachsen-Anhalt nicht gibt. Beides sind typische Spuren von KI-Bildgeneratoren, die Wappen und Architektur nur ungefähr nachbilden.
Der Eindruck lässt sich bestätigen. Eine Abfrage in einem Prüfwerkzeug von OpenAI erkennt in der Bilddatei ein unsichtbares Wasserzeichen, mit dem das Unternehmen Inhalte kennzeichnet, die mit seinen KI-Anwendungen erstellt wurden. Die Grafik wurde also nicht in einer Redaktion gesetzt, sondern von einer KI erzeugt.
Vier Dinge, die an der Grafik nicht stimmen
Die Summe

Alle Prozentwerte zusammen ergeben 96, nicht 100.
Die Veränderung
Die Linke soll mit +0,5 auf 10 Prozent kommen – sie war 2026 in allen Umfragen schon klar zweistellig.
Das Wappen
Unregelmäßigkeiten und verschwommene Details im Landeswappen.
Das Schloss
Das Gebäude im Hintergrund existiert in Sachsen-Anhalt nicht.
Warum gerade Umfragen so ein dankbares Ziel sind
Gefälschte Umfragen funktionieren, weil sie nichts Unglaubliches behaupten müssen. Die AfD liegt in Sachsen-Anhalt tatsächlich weit vorn, also wirkt eine Grafik mit noch höheren Werten nicht absurd, sondern nur ein bisschen dramatischer als das, was man ohnehin schon gehört hat. Ein bekanntes Institut, eine Regionalzeitung als Auftraggeber, ein konkretes Datum – mehr braucht es nicht, damit ein Screenshot wie eine Nachricht aussieht. Wer ihn teilt, prüft selten nach, ob die Summe der Balken überhaupt 100 ergibt.
Wer genau die Grafik erstellt und in Umlauf gebracht hat, ist nicht bekannt. Welche Absicht dahintersteckt, lässt sich aus der Grafik allein nicht ablesen. Belegt ist nur, dass sie falsch ist.
Zum Mitnehmen
Drei Fragen bei jeder Umfrage-Grafik
- Steht sie beim genannten Absender?Institut und Medium nennen ihre Umfragen selbst. Findet sich dort nichts, ist das ein Alarmsignal.
- Ergeben die Zahlen 100?Sonstige inklusive. Bei 96 stimmt schon die Rechnung nicht.
- Passen die Veränderungen?Ein Plus, das unter dem letzten bekannten Wert landet, geht nicht auf.