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Politik

Bundeswehr startete 2001 geheim und ohne Mandat nach Afghanistan

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 3, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Exklusiv

Stand: 03.09.2026 • 05:00 Uhr

25 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September gibt es neue Erkenntnisse zum damaligen Auslandseinsatz der Bundeswehr. Nach NDR-Recherchen waren Spezialkräfte bereits nach Afghanistan aufgebrochen, bevor es ein Bundestagsmandat dafür gab.

Von Christoph Heinzle, NDR

Es ist die Nacht zum 29. November 2001. Oberstleutnant Andreas Jödecke und ein Major des KSK, des Kommandos Spezialkräfte der Bundeswehr, besteigen im Oman ein US-Flugzeug und landen zusammen mit Navy-SEALs-Kommandeur Bob Harward kurz darauf in Afghanistan – als erste deutsche Soldaten.

„Das Flugzeug rollte auf dem Boden, die Rampe ging hinten auf. Der Sand füllte das Flugzeug“, erinnert sich Jödecke, „du konntest nichts mehr sehen.“ Im Schutz der Nacht landen die Bundeswehroffiziere mit der C-130 Hercules mitten in der afghanischen Wüste, auf der unbefestigten Landepiste von Camp Rhino, der ersten Einsatzbasis der US-Amerikaner im Süden Afghanistans. „Wir sind aus dem rollenden Flugzeug gesprungen und hörten nur, wie der Ladungsmeister schrie: Der letzte Mann ist raus. Und dann gaben die Vollgas und waren weg.“

Bob Harward und Andreas Jödecke 2001 im Camp Rhino

Bundestag wusste offenbar von nichts

Andreas Jödecke und Wolfgang B. waren bereits am 14.11.2001 getarnt und unter strikter Geheimhaltung als Vorauskommando ins Einsatzgebiet am Persischen Golf gestartet. Das geht aus Unterlagen und Schilderungen damals Beteiligter hervor. Erst zwei Tage später beschloss der Bundestag mit knapper Mehrheit den umstrittenen Einsatz im Rahmen von Operation „Enduring Freedom“, verbunden mit einer Vertrauensfrage von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD).

Laut NDR-Recherchen wurden die Verteidigungsobleute der Fraktionen offenbar nicht informiert, was bei geheimen Operationen sonst oft üblich war.

Ende 2001 gab es vage Meldungen über ein KSK-Vorauskommando in der Presse, die von der Bundesregierung aber nicht bestätigt wurden. Nicht einmal im Verteidigungsausschuss wurde vertraulich informiert, erinnert sich die Obfrau der mitregierenden Grünen, Angelika Beer. „Im Gegensatz zu den früheren Einsätzen habe ich mir gedacht: Was mache ich hier eigentlich überhaupt noch? Also Fragen konnte man stellen, kann einem keiner verbieten, aber es gab keine Antworten.“

Die Verteidigungsexpertin und spätere Grünen-Vorsitzende stört weniger die Erkundungsmission an sich, sondern dass sie ohne Zustimmung des Bundestages lief. „Aus militärischer Sicht kann ich das gut nachvollziehen. Aber es ist halt der Bruch mit allen parlamentarischen demokratischen Grundrechten.“

Konflikt mit dem Bundestag vermieden?

Wäre die Reise bekannt geworden, hätte das die Abstimmung noch beeinflussen können, so die Einschätzung mehrerer ehemaliger Politiker und Generäle. Der damalige Generalinspekteur Harald Kujat schließt nicht aus, dass es Probleme mit dem Bundestag gegeben hätte, meint aber: „Es gab keine Veranlassung das publik zu machen, denn das sind vorbereitende Maßnahmen gewesen. Die machen eine Dienstreise.“

Josef Niebecker, damals Militärberater im Kanzleramt, wusste nichts von der geheimen Mission der ersten Bundeswehrsoldaten. Ein Bekanntwerden hätte seiner Meinung nach die „Abstimmung sicherlich noch etwas weiter verkompliziert und die Mehrheit wäre noch ein Stückchen kleiner wohl geworden.“

Rudolf Scharping hatte bis zum Schluss Zweifel, ob die Abgeordneten dem Einsatz zustimmen werden: „Ich war mir unsicher, ob das funktioniert.“ Der damalige Verteidigungsminister sagte dem NDR, solche Vorauskommandos seien durchaus üblich. „Es ist auch nicht üblich, darüber allzu viel öffentlich zu reden, weil sie nicht ein militärisches Mandat im Sinne unserer Vorstellungen und Vorschriften darstellen, sondern eine Erkundungsmission. Und insoweit war das in Ordnung.“ Ein Bundeswehrsprecher schrieb auf NDR-Anfrage, man äußere sich zu Aktivitäten des KSK grundsätzlich nicht.

Abenteuerliche Reise in US-Uniformen

Oberstleutnant Andreas Jödecke war der erste deutsche Verbindungsoffizier bei der US-geführten Task Force K-Bar in Südafghanistan und der erste nicht-amerikanische. Spezialkräfte sechs weiterer Nationen stießen erst später zu Harward und seinen Einheiten. Der zweiwöchige Weg der Deutschen nach Afghanistan war ungewöhnlich. Die beiden Bundeswehroffiziere waren vom US-Zentralkommando CENTCOM in Florida über Katar in den Oman geflogen, wo sie sich unter Harward vorbereiteten.

Weil sie kein Visum für den Oman hatten und nicht auffallen sollten, trugen die Deutschen US-Uniformen. „Manchmal ist das nötig. In diesem Fall war es nötig“, sagte der damalige Generalinspekteur Harald Kujat. „Es war wirklich für uns extrem wichtig, gemeinsam mit den Amerikanern vom ersten Tag handlungsfähig zu sein – und dieses Ziel haben wir erreicht.“

Als die omanischen Behörden die Bundeswehroffiziere trotz Tarnung entdeckten, flogen diese in einer US-Maschine nach Südafghanistan, wo sie sechs Tage blieben. „Wir wollten zeigen, dass die Deutschen gut sind“, so Andreas Jödecke: „Dass die deutschen Spezialkräfte mitgehen und auch ein gewisses Risiko gehen, damit sie ihren Auftrag erfüllen können.“

Hilfe bei der Planung erster Aufklärungsmissionen

Die beiden Deutschen prüften in Camp Rhino, wie das KSK hier später operieren könnte. Und sie unterstützten die US-Amerikaner bei der Planung erster Aufklärungsmissionen. Es gab Listen gesuchter Al-Qaida- und Talibanführer sowie Aktionen der US-Amerikaner für deren Gefangennahme oder Tötung (Capture or Kill). Nachfolgende Einheiten des KSK waren dann für Operationen außerhalb ihres Camps überall in Südafghanistan unterwegs.

„Die deutschen Kräfte haben durchaus harte Aufträge bekommen“, sagt der ehemalige Bundeswehroffizier Jödecke, „sie haben teilweise auch, ich nenne das jetzt mal so, eigene Gefechtsabschnitte bekommen.“ Der US-Kommandeur des multinationalen Spezialkräfteeinsatzes, der inzwischen pensionierte Vize-Admiral Harward, lobt die Leistung des deutschen KSK. „Die Deutschen waren wunderbar – in jeglicher Hinsicht. Sie haben wie alle anderen Teams gearbeitet. Wir haben Aufträge unter allen verteilt. Und jeden einzelnen Auftrag führten sie ab dem ersten Tag vor Ort erfolgreich aus.“

Proaktiv militärische Fähigkeiten angeboten

Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung haben Bundeswehr und Bundesregierung den USA damals proaktiv militärische Fähigkeiten angeboten. Scharping gab Bundeskanzler Schröder einen selbst getippten Vermerk mit auf dessen erste USA-Reise nach den Anschlägen, „strikt persönlich – vertraulich“. In dem Papier vom 8.10.2001, das dem NDR vorliegt, schreibt der Verteidigungsminister auf, was Deutschland gerne beitragen würde: etwa Flugzeuge, Schiffe, ABC-Abwehr, Minentaucher, Kampfschwimmer, Spezialkräfte, vor allem „KSK für mögliche Zugriffsoperationen“.

Das Angebot nennt Scharping in dem Papier realistisch und politisch durchsetzbar. Seine Empfehlung an Schröder: Die Liste den USA gegenüber „aktiv/offensiv angehen“. Der 78-jährige Ex-Minister und frühere SPD-Vorsitzende sagt heute: „Wir sind das Land, das nach 1945 am meisten von amerikanischem Verständnis und von amerikanischem Schutz profitiert hat. Und den Wert eines Bündnisses erkennt man daran, dass die Partner wirklich füreinander einstehen mit den Möglichkeiten, die sie haben.“



Die Geschichte des ersten Bundeswehrsoldaten in Afghanistan und die politische Debatte nach den Terroranschlägen vom 11.9.2001 erzählt das
ARD Radiofeature „Nach 9/11 – Deutschland im Krieg“.

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Dr. Heinrich Krämer
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