Bildungspflicht statt Schulpflicht ist eine zentrale Forderung der AfD vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Als Vorbild nennt die Partei Österreich. Wie funktioniert der „häusliche Unterricht“ dort?
Jemima wird von ihrer Mutter nochmal in den Arm genommen. Die beiden stehen vor einem gelben Schulbau in Wiener Neustadt. Es geht zur staatlichen Externistenprüfung – der jährliche Test für Kinder in Österreich, die zuhause unterrichtet werden.
Gleich wird sich zeigen, ob das Lernen am heimischen Wohnzimmertisch ausgereicht hat, um die siebte Klasse zu bestehen. Der komplette Jahresstoff wird geprüft, immer vor den Sommerferien. Etwa jeder fünfte Prüfling fällt durch oder tritt erst gar nicht an. Bei Jemimas Vorgängerin lief es schlecht. Die beiden Mädchen umarmen sich, dann betritt Jemima die Mittelschule, in der die Prüfung abgenommen wird – Englisch ist an der Reihe.
„Eigentlich ein ganz normaler Schultag“
„Ich stehe meistens um sechs Uhr auf. Dann mache ist Sport oder ich lese in der Bibel. Dann machen wir als Familie Frühstück. Und dann kommt eigentlich ein ganz normaler Schultag“, sagt Jemima.
Sich selbst organisieren, in ihrem Tempo lernen, das gefällt ihr am häuslichen Unterricht. Zudem ermöglicht der Heimunterricht, flexibel zu verreisen. Es ist ein Grund, warum die Familie von Deutschland nach Österreich gezogen ist, wo Heimunterricht erlaubt ist.
Das Unterrichtsmaterial muss die Familie allerdings selbst besorgen. Auf Messenger-Diensten tauschen sich Familien, die sich für den häuslichen Unterricht entschieden haben, darüber aus. „Das ist ja in England, in den USA das Normalste der Welt“, sagt Jemimas Mutter. „Da ist Deutschland vielleicht ein bisschen ein Nachzügler.“
Fehlt der Austausch mit anderen Kindern?
Tatsächlich ist häuslicher Unterricht in vielen Ländern grundsätzlich möglich, anders als in Deutschland. Und für manche Kinder würde dieses Modell durchaus Sinn machen, glauben Bildungsforscherinnen wie Barbara Schule von der Universität Wien. Etwa für für Mobbingopfer oder bei schwerem ADHS oder Autismus.
Darüber hinaus sieht sie Heimunterricht aber eher kritisch: „Wir wissen ja, Kinder können sich eigentlich nur in Gemeinschaft entwickeln. Wir sind soziale Wesen als Menschen, und all diese Dinge würden ihnen ja dann weggenommen, zum Beispiel mit wem sie befreundet sein wollen. Und das ist auch eine Erfahrung, die wichtig ist in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.“
Jemima sagt, dass ihr Klassenkameraden nicht fehlen würden: „Weil ich mich ja auch in meiner Freizeit mit anderen treffen kann. Ich gehe auch in den Chor und zum Reiten, also habe ich einen sozialen Ausgleich.“
Ein Viertel bricht ab
In Österreich wurden zuletzt rund 4.000 Kinder für den häuslichen Unterricht angemeldet. Rund ein Viertel davon bricht den Heimunterricht aber im Lauf des Jahres ab, schreibt das österreichische Bildungsministerium.
Jemima betont, dass sie sehr selbstständig lernt. Aber natürlich wird auch sie von ihrer Mutter unterstützt. Auch andere Familien schildern, dass dieses Model nur schwer umzusetzen ist, wenn die Eltern nicht die Zeit haben, ihre Kinder beim Heimunterricht zu unterstützen und anzuleiten – gerade bei Kindern im Grundschulalter. „Natürlich ist es hilfreich, dass auch ich das Abitur habe“, sagt Jemimas Mutter.
Ursprünglich Regel für Unterricht mit Hauslehrer
In Österreich wurde der häusliche Unterricht verfassungsrechtlich bereits 1867 verankert: Da wollte man vor allem reichen Familien, Familien aus den höheren Schichten ermöglichen, dass sie ihre Kinder auch zu Hause beschulen können. „Das heißt, das war eigentlich nicht Homeschooling im klassischen Sinne, sondern Eltern engagierten Privatlehrer, manchmal auch zusammen mit anderen Familien oder eben alleine zu Hause“, sagt Wissenschaftlerin Schulte.
Parallel wurde die Pflicht zum Nachweis festgelegt, dass die Kinder trotzdem den vorgeschriebenen Lehrplan vermittelt bekommen – ein Prinzip das bis heute durch die Externistenprüfung gewährleistet wird. Wer durchfällt, muss das Jahr wiederholen.
Im Einzelfall kann der häusliche Unterricht sogar untersagt werden. Wie oft dies zuletzt der Fall war, kann das Bildungsministerium jedoch nicht sagen. Dazu gebe es keine Zahlen.
Heute „Bewegungen gegen die Schule als Institution“
Heute würden sich Familien vor allem aus pragmatischen Gründen für den häuslichen Unterricht entscheiden, sagt Forscherin Schulte, etwa weil sich der häusliche Unterricht besser mit dem Beruf der Eltern vereinbaren lasse. Oder wegen spezieller Bedürfnisse der Kinder, beispielsweise Diagnosen wie ADHS oder ähnlichem.
In letzter Zeit hätten sich die Beweggründe jedoch teilweise verschoben, sagt Forscherin Schulte. „Was stärker geworden ist in der letzten Zeit, sind vor allem Bewegungen gegen die Schule als Institution.“ Wissenschaftsfeindlichkeit sei ein besonders wichtiger Grund.
Auch Sexualkunde, religiöse Gründe oder der Vorwurf, dass in Schulen „Gender-Ideologie“ verbreitet würde, seien Beweggründe, um Kinder zuhause beschulen zu wollen. „So die Vorstellung, dass da Dinge unterrichtet werden, mit denen die Kinder nichts zu tun haben sollen.“ Es seien Vorbehalte, die von rechtspopulistischen Parteien wie der FPÖ „dankbar aufgegriffen“ würden, sagt Schulte weiter.
Nichts von alldem sei bei ihnen der Fall, betont Jemimas Mutter. Ihre Familie wolle sich aus politischen Debatten heraushalten. Am häuslichen Unterricht wollen sie jedoch festhalten. Die Externistenprüfung hat Jemima jedenfalls bestanden.

