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Ist Sachsen-Anhalt wirtschaftlich abgehängt? | tagesschau.de

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 5, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Analyse

Stand: 05.09.2026 • 07:25 Uhr

Die Wirtschaftslage ist bei der Wahl in Sachsen-Anhalt ein wichtiges Thema. Das Bundesland altert und schrumpft, die Arbeitslosigkeit ist eher hoch. Manche Sorgen kennen aber auch Westregionen – und es gibt Standort-Vorteile.

Bianca von der Au

Sachsen-Anhalt habe im bundesweiten Vergleich mit Blick auf die Wirtschaftskraft häufig die „rote Laterne“, sagt Joachim Ragnitz, der Leiter des ifo-Instituts Dresden. Das belegten Auswertungen von rund 300 Wirtschaftsindikatoren im Vergleich der 16 Bundesländer.

„Die Arbeitslosenquote ist ziemlich hoch im Vergleich zu anderen Ländern, wir haben sehr geringe Löhne dort und wir haben geringe verfügbare Einkommen,“ so der Wirtschaftsforscher Ragnitz gegenüber der ARD-Finanzredaktion. Im August lag die Arbeitslosenquote in Sachsen-Anhalt bei 8,2 Prozent und damit über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,5 Prozent.

Jahreseinkommen unter dem Durchschnitt

Der durchschnittliche Bruttojahresverdienst von Vollzeitbeschäftigten in Sachsen-Anhalt lag laut Statistischem Bundesamt 2025 bei 51.937 Euro und damit deutlich unter dem Bundesschnitt von 65.441 Euro.

Nimmt man nicht nur die Vollzeitstellen, sondern alle sozialversicherungspflichtig Beschäftigte hinzu, lag der durchschnittliche Jahresbruttolohn in Sachsen-Anhalt im Jahr 2025 bei 41.163 Euro, bundesweit etwas höher, bei 45.913 Euro. Das beinhaltet auch die Löhne von Geringverdienern und Teilzeitarbeitenden. Auch hier gehört Sachsen-Anhalt im Bundesvergleich zu den Schlusslichtern, liegt aber nach Zahlen des Statistischen Bundesamts noch vor Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein.

Die älteste Bevölkerung aller Bundesländer

Hinzu komme „eine sehr ungünstige Bevölkerungsstruktur,“ so Joachim Ragnitz. „Wir haben in Sachsen-Anhalt die älteste Bevölkerung aller Bundesländer und gleichzeitig eine sehr negative Bevölkerungsentwicklung für die Zukunft.“ Das Potential der Erwerbstätigen in dem Bundesland wird in den kommenden zehn Jahren laut Ragnitz um gut neun Prozent schrumpfen.

Ende 2025 lebten rund 2,12 Millionen Menschen innerhalb der Landesgrenzen, das waren 0,7 Prozent weniger als im Vorjahr. Schon jetzt fehlen Fachkräfte. Es sei nicht besonders attraktiv für Unternehmen, dort zu investieren, so ifo-Forscher Ragnitz. „Dann kommt hinzu, dass die Siedlungsstruktur nicht besonders günstig ist. Mit Halle und Magdeburg gibt es nur zwei große Städte und darüber hinaus sehr viele Regionen, die sehr ländlich geprägt und sehr abgelegen sind.“

Dörfer, in denen kein Bus mehr hält

In den 1990er-Jahren gab es eine sehr hohe Arbeitslosigkeit nach dem Zusammenbruch der DDR-Industrie, erklärt Ragnitz. Viele Menschen seien damals abgewandert. Die Folgen spüre man noch jetzt. Dörfer, in denen kein Bus mehr hält, der letzte Bäcker geschlossen und der nächste Arzt zu weit ist – all das sei Realität im dünn besiedelten, ländlichen Raum.

„Das ist in vielen Regionen Sachsen-Anhalts so: dass weder die öffentliche Daseinsvorsorge richtig funktioniert, weil der Staat es sich nicht leisten kann, eine Schule zu betreiben, weil auch zu wenig Kinder da sind.“ Ein solches Schrumpfen gebe es gleichzeitig im privaten Sektor. „Da wo wenig Leute wohnen, die auch nicht mehr in die Kneipe gehen, da wird sich keine Kneipe halten können. Die verschwindet dann.“

Strukturschwache Regionen auch im Westen

Allerdings sind das keine ausschließlich ostdeutschen Phänomene. Auch in westdeutschen Flächenländern gebe es sehr strukturschwache, ländliche Gegenden. Daher hält der ifo-Forscher die Differenzierung zwischen West und Ost für teilweise nicht mehr zeitgemäß. Vielmehr müsse man unterscheiden zwischen Stadt und ländlicher Region.

„Wir sehen in unseren Daten, dass die regionale Differenzierung zwischen einzelnen Landkreisen im Westen teilweise noch viel größer, als es zwischen Ost und West.“ Ragnitz spricht von einer Dreiteilung Deutschlands.

Es gebe die südlichen Bundesländer, Bayern, Baden-Württemberg und Hessen, die relativ gut dastehen, so der Ökonom. „Dann haben wir die nördlichen Bundesländer plus das Saarland, die tendenziell eher schwach sind. Und wir haben den Osten, der diese Nordländer teilweise schon erreicht hat, sogar fast überholt hat.“

Von kleinen und mittelständischen Firmen geprägt

Schaut man auf die Wirtschaftsstruktur in Sachsen-Anhalt, so ist diese von vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägt. Die chemische Industrie sei ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor, insbesondere im südlichen Sachsen-Anhalt, sagt Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). „Die Branche ist allerdings sehr Energie-intensiv und leidet unter den gestiegenen Kosten.“ Auch das: kein spezifisches Problem von Sachsen-Anhalt.

Aber in einem ansonsten eher strukturschwachen Bundesland schlügen Krisen besonders hart zu, so IWH-Forscher Holtemöller. „Wenn ich einen Arbeitsplatz in einem Unternehmen verliere, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich im direkten Umfeld eine neue Beschäftigung finden kann, geringer als in einer Region, in der es mehrere urbane Ballungszellen gibt.“

Es fehlt eine ausreichende Zahl großer Konzerne, die wirtschaftliche Schwächephasen im eigenen Land durch ein internationales Geschäft abfedern können. Größter Arbeitgeber in Sachsen-Anhalt ist laut Erhebung der Norddeutschen Landesbank (Nord/LB) kein großes Industrieunternehmen, sondern die Deutsche Bahn mit mehr als 8.000 Beschäftigten.

Niedrige Mieten und geringere Lohnkosten

Dass das Bundesland so dünn besiedelt ist, bedeutet aber auch Kostenvorteile für den Standort. Die Forscher vom Institut der deutschen Wirtschaft haben sich die Lebenshaltungskosten in Sachsen-Anhalt angeschaut und kommen zu dem Schluss, dass diese geringer seien als in allen anderen Teilen Deutschlands – vor allem dank geringer Wohnkosten. Ein repräsentativer Warenkorb ist demnach in Sachsen-Anhalt rund 7 Prozent günstiger als in Deutschland. So bleibe in Sachsen-Anhalt mehr Geld zum Leben.

Aus Sicht der Wirtschaftsforscher ist das ein Argument für die Ansiedlung von Fachkräften. Zudem seien die vergleichsweise geringen Lohnkosten ein guter Grund für Unternehmen, dort zu investieren. Der DAX-Konzern Daimler Truck scheint die Vorteile erkannt zu haben: Im Sommer 2025 eröffnete er ein Logistik-Zentrum in Halberstadt. Investitionsvolumen: 500 Millionen Euro. Von der Stadt im Landkreis Harz aus versorgt der Lkw-Konzern seine Kunden nun weltweit mit Ersatzteilen.

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