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Rätselhafter Vogel-Schwund: Wo sind all die Berliner Spatzen geblieben?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 7, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Rätselhafter Vogel-SchwundWo sind all die Berliner Spatzen geblieben?

Vor einigen Jahren waren die frechen Spatzen auch im Stadtbild von Berlin noch massenhaft zu beobachten. (Foto: IMAGO/GE-Foto)

Spatzen sind ortstreue Vögel, die eng an ihrem Lebensraum Stadt und die Nähe zum Menschen gebunden sind. Kein Wunder, dass Berlin auch die Hauptstadt der Spatzen war. Doch Naturschützer schlagen angesichts der rückläufigen Zahlen Alarm.

Richtig gut geht es dem Haussperling – oft einfach Spatz genannt – schon lange nicht mehr. Seit einigen Jahren aber beobachtet der Biologe Jörg Böhner in Berlin eine beunruhigende Entwicklung: Die Zahl der Haussperlinge sei immens geschrumpft. „Sie liegt inzwischen rund 70 Prozent niedriger als noch 2021.“ Auch der Naturschutzbund (Nabu) Berlin berichtet basierend auf der Zählung „Stunde der Gartenvögel“ von einem „freien Fall“ der Spatzenbestände in der Stadt. „Und das Schlimme ist: Wir wissen immer noch nicht, was die Ursache ist“, hieß es.

Nahrungsmangel müsste auch anderen Singvogelarten zu schaffen machen, doch bei ihnen gebe es keinen auch nur annähernd vergleichbaren Rückgang, erklärt Böhner, Mitglied der Berliner Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft (BOA). Fehlende Nistplätze können demnach ebenfalls nicht der Hauptgrund sein – viele geeignete Niststätten bleiben einfach leer. „Es ist, als hätten sich die Spatzen in Luft aufgelöst“, heißt es beim Nabu.

Berlin ist Spatzenhauptstadt

Berlin gilt als Spatzenhauptstadt Deutschlands. „Anders als in vielen anderen Städten wie Hamburg und Köln ging die Zahl der Vögel hier lange nicht zurück“, sagt Böhner. Ein Grund dafür: „Berlin ist weniger steril.“ Grünflächen würden vergleichsweise selten gemäht, vielerorts sei fressbarer Abfall zu finden. Was so manche Bewohner und Gäste unangenehm finden, freut gefiederte Berliner: „Je schmuddeliger, desto besser für den Spatz.“

Rund 190.000 Brutpaare des Haussperlings (Passer domesticus) gab es nach BOA-Hochrechnung 2021 in der Stadt. Warum sinken die Bestände seither drastisch, obwohl Berlin dem Experten zufolge in den letzten Jahren kaum an Schmuddelreiz verloren hat? Der Vogelkundler hat vor allem wegen des schnellen und massiven Rückgangs einen bestimmten Verdacht: Eventuell dezimiere eine Seuche die Bestände.

Infrage kommen zum Beispiel bestimmte sogenannte Plasmodien, die Verursacher der Vogelmalaria. „Die Erreger und die Überträger – Stechmücken – fühlen sich bei höheren Temperaturen wohler und entwickeln sich schneller, der Klimawandel begünstigt ihr Vorkommen“, erklärt Böhner. Für Menschen ist die Vogelmalaria ungefährlich.

Für London zeigte eine 2019 im Fachjournal „Open Science“ der britischen Royal Society vorgestellte Studie einen Zusammenhang zwischen Plasmodium-Infektionen und den Überlebensraten von Spatzen. Demnach wiesen in schrumpfenden Beständen rund 74 Prozent der Spatzen eine Infektion mit Plasmodium relictum auf. Bei hoher Parasitenlast war die Überlebensrate im Winter merklich geringer. „Die Plasmodien töten die Vögel meist nicht direkt, aber sie können ihre Fitness vermindern“, erklärt Böhner. Für Berlin gebe es eine solche Analyse bisher nicht – angedacht sei sie aber.

Der vielleicht zahlreichste Wildvogel weltweit

Weltweit bedroht ist die Art nicht: „Von allen wild lebenden Vogelarten hat der Haussperling die weltweit größte Ausbreitung, vielleicht ist er sogar die zahlreichste Vogelspezies der Welt“, erklärt der Evolutionsbiologe Glenn-Peter Sætre in seinem gerade erschienenen Buch „Der Spatz“. „Es gibt ihn auf allen Kontinenten mit Ausnahme der Antarktis.“

Dabei querte das gefiederte Pummelchen nicht selbst die Ozeane: Der Mensch nahm ihn mit, oftmals ganz gezielt, selbst nach Südamerika, Südafrika und Australien. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Haussperlinge aus England in die USA importiert – als Mittel gegen Insektenplagen, wie Sætre erklärt. „Der Gedanke an zwitschernde Spatzen in den Straßen der Städte weckte zudem nostalgische Gefühle bei vielen Einwanderern aus Europa.“

Der Irrglaube des Mao Zedong

Binnen 35 Jahren habe sich der Spatz aber fast über das halbe Land verbreitet. „Damit wuchs der Sperlingshass in den USA.“ Auch in Kanada, Australien, Neuseeland und anderen Ländern gelte er heute als invasive Art. Geradezu legendär ist ein Aufruf des Diktators Mao Zedong, der China von 1949 bis zu seinem Tod 1976 regierte: Er befahl 1958 eine Ausrottungskampagne gegen Feldsperlinge, enge Verwandte des Haussperlings, die auf Reisfeldern große Schäden anrichten können.

„Kinder bekamen schulfrei und wurden mit Böllern ausgerüstet, ganze Dörfer nahmen Aufstellung, um die Feldsperlinge zu Tode zu erschrecken, ihre Nester zu zerstören, die Eier zu zerbrechen und die Jungen zu töten“, so Sætre. Etliche Millionen Spatzen seien dem zum Opfer gefallen – Mao Zedong habe aber eines vergessen: dass der Feldsperling auch Blattläuse, Grashüpfer und andere Insekten frisst. „Von den Bäumen der Städte regnete es förmlich Insektenlarven, auf dem Land vermehrten sich die Heuschrecken ungebremst.“ Riesige Schwärme hätten die Felder kahlgefressen und immense Ernteschäden verursacht.

Das Auto verdrängte das Pferd – und damit den Spatz

Der in urbanen Regionen lebende Hausspatz hatte da schon Jahrzehnte des Rückgangs hinter sich. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ertranken die Straßen Londons und anderer Großstädte noch förmlich in Pferdemist, was sie zu einem Mekka für den Haussperling machte, wie Sætre erklärt. Ab den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts schwanden die Bestände jedoch vor allem in urbanen Gebieten rasant, als das Auto das Pferd zu ersetzen begann. Damit gab es kaum noch Getreide, das in Ställen und halb verdaut in den Pferdeäpfeln auf Straßen gelegen hatte.

„Der Auszug der Pferde aus den Großstädten bedeutete Hungersnot für den Haussperling.“ Das Auto habe in London den Spitznamen „sparrow starver“ (Spatzen-Aushungerer) bekommen. Eine Weile habe es so ausgesehen, als würde sich der Bestand nach dem Wegfall der Pferde und der Agrarrevolution auf einem niedrigeren Niveau wieder einpendeln. Doch vor allem in urbanen Regionen Westeuropas sei er dann dramatisch weiter zurückgegangen.

Der Rückgang hat viele Gründe

„Aus den Zentren von Großstädten wie London oder Amsterdam ist der Haussperling so gut wie verschwunden, und im gesamten Verbreitungsgebiet ist die Art auf dem Rückgang“, heißt es im Buch. In Norwegen sei der Haussperling 2021 sogar auf der Roten Liste gefährdeter Arten gelandet. Zu den diskutierten Faktoren zählen demnach der Verlust an möglichen Nistplätzen bei moderner Bauweise, zunehmende Umweltverschmutzung, mehr Räuber wie Katzen und der immense Insektenschwund.

„Obwohl das Verdauungssystem des Haussperlings Mängel zu einem gewissen Grad kompensieren kann, ist diese Flexibilität nicht unbegrenzt“, meint Sætre zum Mangel an Insekten. „Wenn die Kost der Jungvögel zu wenige tierische Proteine enthält, wachsen sie schlecht und die Sterblichkeitsrate steigt.“

Zänkisch, frech – und hoch sozial

Es ist ein herzerwärmender kleiner Geselle, der aus unseren Städten verschwindet. „Der Hausspatz ist ein sehr sozialer Vogel“, sagt Böhner. Eine größere Brutkolonie bestehe oft aus 20 bis 30 Paaren und ihrem Nachwuchs. Wo sich der Schwarm gerade befindet, ist stets deutlich zu hören: Spatzen tschilpen und zetern nahezu unentwegt. „Es gibt ständig kleine Kabbeleien um den Mindestabstand.“ Ernste Auseinandersetzungen gebe es nicht – und auch keine Revierkämpfe mit anderen Trupps.

Das Dauertschilpen signalisiert Böhner zufolge vor allem: „Ich bin hier, alles super.“ Erscheint ein Feind wie eine Katze, schlägt das Tschilpen in Warnlaute um und die gesamte Kolonie flüchtet. Allerdings nicht sonderlich weit: „Der Spatz ist ein sehr sesshafter Vogel und bewegt sich meist in maximal einigen Hundert Metern Umkreis“, sagt Böhner. Manche Trupps hielten sich fast ausschließlich direkt an einer Würstchenbude oder einer ähnlichen Futterquelle auf.

Tür aufmachen? – Kein Problem!

Gut 15 Jahre alt können Spatzen dem Evolutionsbiologen Sætre zufolge bestenfalls werden – und sie sind schlau. Sogar automatische Türen etwa zu Einkaufszentren lernen sie zu öffnen. „Bei einem Café im neuseeländischen Hamilton flatterten einige vor die Sensoren der Eingangstür, und sobald diese aufging, schlüpfte der ganze Schwarm hindurch“, erzählt Sætre. „Wohlgesättigt gelangten sie mithilfe derselben Technik wieder ins Freie.“

Mit Ausnahme der Straßentaube habe wohl kein anderer Vogel eine derart enge Bindung an den Menschen, meint Böhner. „Haben Sie je einen Sperling weit von Menschen entfernt gesehen?“, fragt Sætre. Seinen Ausgang nahm die gemeinsame Reise mit den Menschen ihm zufolge womöglich vom fruchtbaren Halbmond aus, einem bogenförmigen Gebiet im Nahen Osten, das historisch als eine der Ursprungsregionen der Landwirtschaft und menschlicher Hochkulturen gilt.

Für den Sperling gibt es eine Hieroglyphe – und Rezepte

Dem Sperling gebührte Sætre zufolge sogar die Ehre einer eigenen Hieroglyphe – wobei die alten Ägypter wohl nicht sonderlich begeistert von den Vögeln gewesen seien. Ursache sei vermutlich, dass überwinternde Schwärme eines nahen Verwandten des Haussperlings, des Weidensperlings, den Bauern das Getreide von den Feldern fraßen.

Und, auch das dürften viele Menschen nicht wissen: Der Sperling galt immer wieder auch als Speisevogel, wie Sætre erklärt: „Zum Beispiel enthalten das römische Kochbuch des Apicius aus dem 4. Jahrhundert und englische Kochbücher aus dem 18. Jahrhundert Rezepte für die Zubereitung von Spatzen.“

Quelle: ntv.de, Annett Stein, dpa

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