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Startseite»Betrugsmaschen»The COM: Wie Jugendliche online unter Druck geraten
Betrugsmaschen

The COM: Wie Jugendliche online unter Druck geraten

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 15, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Ein neuer Kontakt im Onlinespiel ist nett, hört zu und fragt nach. Er interessiert sich für genau die Probleme, über die sonst niemand reden will. So kann es mit Gruppen wie „The COM“ anfangen – nicht mit Drohungen, sondern mit Aufmerksamkeit.

Das Wichtigste in Kürze

  • „The COM“ ist keine einzelne Gruppe. Der Name steht für viele Onlinegruppen, die Jugendliche unter Druck setzen – bis hin zu Gewalt und Selbstverletzung.
  • Es beginnt meistens freundlich. Zuerst kommt Nähe, dann kommen Forderungen, dann Drohungen.
  • Bei einem Verdacht zuerst reden. Nicht sofort das Handy wegnehmen. Bei Gefahr die Polizei rufen.

Was hinter dem Namen steckt

„The COM“ kommt vom englischen Wort „Community“, also Gemeinschaft. Dahinter steckt aber keine feste Organisation. Es sind viele Onlinegruppen, die zum Teil miteinander verbunden sind. In diesen Gruppen kann es um Gewalt, Selbstverletzung, Erniedrigung und Straftaten gehen.

Das FBI warnt öffentlich vor diesem Netzwerk. Nach seiner Schätzung sehen sich Tausende Menschen als Mitglieder oder frühere Mitglieder, viele davon sind minderjährig. Auch das österreichische Bundeskriminalamt warnt, und laut ORF Steiermark kennt die Polizei bereits Fälle in der Steiermark. Der Name selbst ist für Eltern aber gar nicht so wichtig. Wichtiger ist, wie diese Gruppen vorgehen.

Es beginnt mit Freundlichkeit

Täter schreiben Jugendliche in sozialen Netzwerken, in Onlinespielen oder in Communitys an. Am Anfang wirkt das wie jede andere Onlinebekanntschaft. Besonders gefährdet können Jugendliche sein, die einsam sind, Anerkennung suchen oder von ihren Problemen erzählen. Die Täter schenken ihnen dann sehr viel Aufmerksamkeit – Fachleute nennen das „Love Bombing“.

Gleichzeitig sammeln die Täter Informationen: Name, Wohnort, Schule, Familie, Fotos, private Geschichten. Im Gespräch wirkt das harmlos. Später können genau diese Dinge als Druckmittel dienen. Deshalb gehören fremde Kontakte zu den wichtigsten digitalen Risiken für Kinder und Jugendliche. Die App ist dabei weniger wichtig als das, was im Kontakt passiert.

Schritt für Schritt wird es mehr

Der Druck kommt selten sofort. Zuerst sind die Wünsche klein: ein Foto, eine private Nachricht, eine Mutprobe. Dann kommt die nächste Forderung, und danach noch eine. Wer schon etwas geschickt oder getan hat, kommt schwerer wieder heraus.

Dazu kommt die Scham. Jugendliche glauben dann, dass sie niemandem davon erzählen dürfen – und genau das nutzen die Täter aus. Sie drohen zum Beispiel damit, private Bilder zu veröffentlichen, die Eltern zu informieren oder jemanden vor einer Gruppe bloßzustellen. Aus einer Onlinefreundschaft wird so eine Beziehung, in der nur noch eine Seite das Sagen hat.

Wie aus Nähe Kontrolle werden kann

So gehen Gruppen wie „The COM“ laut Behörden und Beratungsstellen häufig vor.

1

Nett sein

Jemand hört zu, zeigt Interesse und gibt das Gefühl, dazuzugehören.

2

Ausfragen

Wohnort, Schule, Familie, Fotos. Das wirkt harmlos.

3

Kleine Forderungen

Ein Bild, eine Nachricht, eine Mutprobe. Dann mehr.

4

Drohen

Täter drohen, Bilder zu veröffentlichen oder die Eltern einzuweihen. Das Kind schweigt aus Angst und Scham.

Nicht jeder nette Onlinekontakt ist gefährlich. Das Warnzeichen ist der Wechsel: wenn aus freiwilliger Nähe Angst und Zwang werden.

Die Gruppe feuert an

In diesen Gruppen gibt es nicht nur einzelne Täter, sondern auch ein Publikum. Wer etwas besonders Schlimmes zeigt oder eine Forderung erfüllt, bekommt Lob und Aufmerksamkeit. Grenzen zu überschreiten, schreckt dort also nicht ab, es bringt Ansehen. Laut österreichischem Bundeskriminalamt verlangen Täter sehr oft, dass solche Taten vor laufender Kamera passieren.

So kann es immer schlimmer werden. Was gestern noch extrem war, ist in der Gruppe heute normal, und wer wieder auffallen will, muss noch weiter gehen. Am Ende kann es um Selbstverletzung gehen, um Gewalt gegen andere Menschen oder Tiere oder um Sachbeschädigung. Dazugehören heißt dann: immer wieder eine Grenze überschreiten.

Opfer können selbst zu Tätern werden

Nicht immer ist klar, wer Opfer und wer Täter ist. Ein Jugendlicher kann zuerst selbst erpresst werden und später andere anwerben. Manche werden gezwungen, Forderungen oder Drohungen an andere weiterzugeben. Das macht nichts davon harmlos – Straftaten bleiben Straftaten.

Eltern, Beratungsstellen und Behörden sollten aber auch fragen, wie es so weit gekommen ist. Wenn ein Kind plötzlich Gewaltvideos teilt oder andere bedroht, kann es selbst unter Druck stehen. Wer nur auf das Verhalten schaut, übersieht vielleicht, wer im Hintergrund die Fäden zieht. Gute Medienerziehung und Begleitung beginnt deshalb nicht mit Verboten. Sie beginnt damit, dass Kinder über unangenehme Erlebnisse reden können.

Nicht jedes Symbol ist ein Bekenntnis

In solchen Gruppen tauchen manchmal rechtsextreme, antisemitische oder Nazi-Symbole auf. Das heißt aber nicht automatisch, dass jeder Beteiligte eine feste politische Einstellung hat. Gerade bei Jugendlichen kann es auch um Provokation gehen und darum, möglichst jedes Tabu zu brechen. Die Gewalt ist dann nicht Mittel zum Zweck, sondern bringt selbst Aufmerksamkeit und Macht.

Fachleute verwenden dafür auch den englischen Begriff „Nihilistic Violent Extremism“. Gemeint sind Gruppen, in denen Gewalt und Menschenverachtung das sind, was die Mitglieder verbindet. Wie man extremistische Codes erkennt, erklärt unser Überblick zu Rechtsextremismus im Internet. Beides kann sich überschneiden, ist aber nicht dasselbe.

Worauf Eltern achten können

Discord, Onlinespiele oder soziale Netzwerke sind für sich allein kein Grund zur Sorge. Auch ein neuer Onlinefreund oder ein Kind, das sich zurückzieht, beweist noch nichts. Genauer hinschauen sollte man, wenn mehrere Dinge zusammenkommen. Drohungen, Erpressung und Verletzungen müssen aber immer ernst genommen werden.

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Was allein wenig sagt – und was ernst genommen werden muss

Ein einzelnes Zeichen beweist nichts. Wichtig ist, ob mehrere zusammenkommen.

Allein noch kein Beweis

  • Das Kind nutzt Discord, Onlinespiele oder soziale Netzwerke
  • Es hat neue Onlinefreunde
  • Es zieht sich eine Zeit lang zurück

Genau hinschauen

  • Das Kind macht aus bestimmten Kontakten ein großes Geheimnis
  • Es hat sichtbar Angst vor einer Person oder Gruppe
  • Es sagt oder zeigt, dass es aus einer Gruppe nicht mehr herauskommt
  • Es wird bedroht oder erpresst
  • Es hat Verletzungen, die es nicht erklären kann oder will

Drohungen, Erpressung und Verletzungen sind nie „nur eine Phase“.

Vorsicht allerdings mit schnellen Strafen. Wer fürchtet, sofort das Handy zu verlieren, erzählt lieber gar nichts. Täter können genau das ausnutzen und behaupten, Erwachsene würden sowieso nur bestrafen.

Zuerst reden

Bei einem Verdacht ist die wichtigste Frage: Setzt jemand das Kind unter Druck? Offene Fragen helfen dabei, etwa: Macht dir gerade etwas Angst? Verlangt jemand etwas von dir? Gibt es einen Kontakt, den du nicht mehr loswirst? Ein Kind braucht außerdem einen Weg zurück, auch wenn schon etwas passiert ist. Ein verschicktes intimes Foto, eine Straftat oder eine Drohung sind oft genau das, womit die Täter Druck machen.

Wenn Eltern einen Verdacht haben

  • 1

    Erst reden, nicht strafen

    Ruhig fragen, ob jemand Druck macht. Wer sofort das Handy wegnimmt, erfährt oft weniger.

  • 2

    Beweise sichern

    Benutzernamen, Links, Nachrichten, Uhrzeiten und Forderungen festhalten. Aber: Intime Bilder von Minderjährigen nie kopieren und nie weiterleiten.

  • 3

    Hilfe holen

    Bei Selbstverletzung, Suizidgedanken, schweren Drohungen, angekündigter Gewalt oder Aufträgen zu Straftaten nicht allein bleiben. Bei konkretem Verdacht die Polizei einschalten.

Bei akuter Gefahr: Notruf 112, Polizei 133 (Österreich) oder 110 (Deutschland).
Beratung für Kinder, Jugendliche und Eltern: Rat auf Draht 147 (Österreich), Nummer gegen Kummer 116 111 (Deutschland), 147 (Schweiz).

Die Polizei oder medizinische Hilfe zu rufen, ist dabei kein Versagen der Eltern. Genau für solche Situationen gibt es diese Stellen.

Was am Ende zählt

„The COM“ ist keine neue Internet-Challenge. Die Gefahr kommt von bekannten Tricks: Aufmerksamkeit schafft Vertrauen, private Informationen machen abhängig, Scham verhindert Hilfe, und die Gruppe belohnt jeden weiteren Schritt. Das kann auf jeder Plattform passieren. Einzelne Apps zum Problem zu erklären, hilft deshalb wenig.

Wichtiger ist eine einfache Frage: Wird aus Nähe plötzlich Angst, Kontrolle oder Zwang? Dann sollte man genau hinsehen. Und Jugendliche müssen wissen, dass sie Hilfe bekommen – auch dann, wenn schon Fehler passiert sind. Genau das nimmt Erpressern einen Teil ihrer Macht.

Häufige Fragen

Ist Discord wegen „The COM“ gefährlich?

Nein. Eine Plattform allein macht einen Kontakt nicht gefährlich. Gefährlich sind Manipulation, Erpressung, Gewaltforderungen und das Gefühl, einen Kontakt nicht mehr beenden zu können.

Sollen Eltern bei Verdacht sofort das Handy wegnehmen?

Besser nicht. Ein sofortiges Verbot kann dazu führen, dass Jugendliche weniger erzählen. Wichtiger ist zuerst ein ruhiges Gespräch. Bei konkreten Drohungen sollten außerdem Nachrichten und Benutzernamen gesichert werden.

Wann braucht es professionelle Hilfe?

Sofort bei Suizidgedanken, Selbstverletzung, schweren Drohungen, angekündigter Gewalt oder konkreten Aufträgen zu Straftaten. Bei akuter Gefahr müssen Polizei oder Rettung gerufen werden.

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Dr. Heinrich Krämer
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