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Startseite»Nachrichten»Chrupalla in Pasewalk: Niemand vermisst den Ministerpräsidenten-Kandidaten der AfD
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Chrupalla in Pasewalk: Niemand vermisst den Ministerpräsidenten-Kandidaten der AfD

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 15, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Chrupalla in PasewalkNiemand vermisst den Ministerpräsidenten-Kandidaten der AfD

15.09.2026, 17:34 Uhr Von Hubertus Volmer, Pasewalk
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Dario Seifert (l.), Tino Chrupalla (2.v.l.) und Nikolaus Kramer (r.) bei der Wahlkampfveranstaltung in Pasewalk. (Foto: picture alliance/dpa)

In Mecklenburg-Vorpommern hat die AfD mit Leif-Erik Holm einen Ministerpräsidenten-Kandidaten, der dem nächsten Landtag wahrscheinlich nicht angehören wird. Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Pasewalk ist Holm nicht nur nicht da. Über ihn wird auch so gut wie gar nicht gesprochen.

Beim Wahlkampf in Sachsen-Anhalt hat die AfD sich immer wieder darüber lustig gemacht, dass die CDU ihren Parteivorsitzenden verstecken müsse. Ähnlich ist es in Mecklenburg-Vorpommern. Auch dort wolle die CDU gar nicht, dass der Kanzler auftrete, sagt AfD-Landesgeneralsekretär Dario Seifert am Montagabend bei einer Wahlkampfveranstaltung in einem Kulturzentrum in Pasewalk. „Friedrich Merz war einmal in Kühlungsborn, da hat er in ein nettes Fischbrötchen gebissen, und das war dann aber auch schon alles“, witzelt Seifert.

Das sei bei der AfD anders. Ihr Bundesvorsitzender Tino Chrupalla sei „mehrmals hier im Wahlkampf, um uns zu unterstützen“, so Seifert. Auch an diesem Abend ist Chrupalla gekommen. Einer fehlt: der langjährige AfD-Landesvorsitzende Leif-Erik Holm, der bei der Wahl am kommenden Sonntag Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern werden will. Seine Abwesenheit scheint niemanden zu stören.

Zusammen mit dem örtlichen AfD-Bundestagsabgeordneten Enrico Komning wirbt Chrupalla in der vorpommerschen Kleinstadt für einen Direktkandidaten seiner Partei, der auf der Landesliste nicht abgesichert ist. Nikolaus Kramer tritt im Landtagswahlkreis 36 an, Vorpommern-Greifswald V. „Du bist, nein, du warst neun Jahre lang Fraktionsvorsitzender der Landtagsfraktion“, sagt Komning, und der Versprecher ist bezeichnend: Kramer war Fraktionschef im Landtag, bis er Anfang des Jahres in einem Machtkampf unterlag.

Wahlziel: CDU unter 5 Prozent

Man tritt Kramer und auch Komning und Seifert nicht zu nahe, wenn man unterstellt, dass die rund 500 Besucher nicht ihretwegen in das Kulturzentrum gekommen sind. Sie wollen den Sachsen Chrupalla sehen.

„Bereit für die blaue Wende“, steht auf einem großen Plakat auf der Bühne. Als der AfD-Chef reinkommt, steht das Publikum auf. Die erste Rede hält allerdings nicht Chrupalla, sondern Generalsekretär Seifert, zugleich Bundestagsabgeordneter aus dem Nachbarwahlkreis. „Wir haben erstmalig die Chance, hier in Mecklenburg-Vorpommern Geschichte zu schreiben“, ruft er. Das Minimalziel sei, stärkste Kraft im neuen Landtag zu werden. Aber es sei auch möglich, die CDU erstmals unter die 5-Prozent-Hürde zu drücken.

Seifert und auch andere Redner sagen so etwas häufiger über die CDU. „Hoffentlich fliegen sie aus dem Landtag, denn die braucht keiner mehr“, ruft Chrupalla. Dafür gibt es zuverlässig Applaus.

Der Ministerpräsidentenkandidat steht nicht auf der Liste

Auffällig ist: Holm ist nicht nur nicht da – das kann vorkommen. Über ihn wird auch so gut wie gar nicht gesprochen. Chrupalla erwähnt ihn später, als er ein Insta-Video aufnimmt. In seiner Rede taucht Holm nicht auf. Es ist Seifert, der sagt, die AfD werde es besser machen, „wenn wir die nächste Landesregierung hier in Mecklenburg-Vorpommern stellen und Leif-Erik Holm unser nächster Ministerpräsident wird“. In den Reden bleibt diese Floskel der einzige Verweis auf Holm.

Dass ausgerechnet Seifert Holm erwähnt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Vor Jahren wollte der Landesvorsitzende Holm den heute 32-Jährigen laut NDR wegen angeblich zu großer Nähe zu Rechtsextremen aus der Partei werfen lassen. Das ging schief. 2024 schloss Holm eine Art Burgfrieden mit den Radikalen im Landesverband. Ein Jahr später erhielt Seifert den Bundestagswahlkreis, in dem sonst immer Holm angetreten war.

Holms Rolle bei dieser Landtagswahl ist eine Besonderheit: Er ist „Ministerpräsidentenkandidat“, nicht Spitzenkandidat – das ist AfD-Fraktionschef Enrico Schult. Holm, seit 2017 Bundestagsabgeordneter, steht auch gar nicht auf der Landesliste. Zwar tritt er im Wahlkreis Schwerin I als Direktkandidat an. Aber das ist zugleich der Wahlkreis von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Ein Sieg von Holm dort ist nahezu ausgeschlossen.

„Dafür brauchen wir gar nicht die absolute Mehrheit“

Heißt: Holm wechselt nur von Berlin nach Schwerin, wenn er dort Ministerpräsident werden kann. Für andere Parteien wäre das im Wahlkampf ein Nachteil. Er selbst sagte im TV-Duell bei ntv dazu: „Wir haben ja viele gute Leute, und Enrico Schult ist ja schon unser Fraktionsvorsitzender. Und deswegen haben wir gesagt, wir gehen das als Team an, diese Aufgabe mit der Wahl.“

Vielleicht ist das ein Grund, warum Holm an diesem Abend in Pasewalk nicht erwähnt wird. Und vielleicht rechnet auch niemand mehr mit einem Wahlsieg wie in Sachsen-Anhalt. Dort hat die AfD fast 44 Prozent geholt. In Mecklenburg-Vorpommern steht die Partei in den jüngsten Umfragen zwischen 36 und 38 Prozent. Für ostdeutsche Verhältnisse gilt das inzwischen als ausbaufähig. Der Landesverband ist zugleich der einzige in Ostdeutschland, der vom Verfassungsschutz nicht als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. Holms zumindest nach außen moderater Kurs scheint dem Landesverband nicht zu nutzen.

„Wir können Akzente setzen, dafür brauchen wir gar nicht die absolute Mehrheit“, sagt Generalsekretär Seifert in Pasewalk. Er meint, dass die AfD mit mehr als einem Viertel der Abgeordneten einen Untersuchungsausschuss einsetzen lassen kann – bislang reicht die Fraktionsstärke der AfD im Landtag von Schwerin dafür nicht aus. Ziel ist ein Corona-Untersuchungsausschuss, denn was zwischen 2020 und 2022 passiert sei, „das kann nicht ungesühnt bleiben“, so Seifert.

Großes Lob für Kramer

Als Chrupalla spricht, wird er mit einem Trommelwirbel vom Band angekündigt. Er hält eine im Tonfall scharfe Rede, die vergessen lässt, dass er in TV-Interviews meist versöhnlicher auftritt als seine Co-Chefin Alice Weidel. Über Manuela Schwesig sagt er, man könne sie nicht wählen, weil sie gegen eine Wiederinbetriebnahme der Gasprom-Pipeline Nord Stream 2 sei, „auch wenn sie vielleicht mal nett aussehen mag“. Für Sozialschwache sei Schwesig nicht da, nur für „sozialschwache Ausländer“.

Viel Beifall gibt es für Chrupallas Kritik an der Unterstützung der Ukraine: Er habe vor zwei Jahren hier in Pasewalk gesagt, „wer Merz wählt, wählt den Krieg, und ich hatte so was von recht gehabt“. Die Ukraine nennt er das korrupteste Land Europas, „die Selenskyjs“ würden sich „Milliardenbeträge“ einstecken.

Für Kramer hat Chrupalla viel Lob. Dieser habe die AfD über Jahre „hervorragend“ als Fraktionschef im Landtag vertreten, dafür wolle er sich „im Namen unseres gesamten Bundesvorstandes“ bedanken. Es klingt nach maximaler Distanz zum heutigen Fraktionschef Schult, der im Landtagswahlkampf ja immerhin Spitzenkandidat der AfD ist.

„Mit Machtkämpfen hat das nichts zu tun“

Tatsächlich ist Kramer nicht irgendein Kandidat: Vorsitzender der AfD-Fraktion im Schweriner Landtag war er von 2017 bis 2026. Anfang des Jahres unterlag er im Machtkampf gegen Schult, der sich seit 2021 den Landesvorsitz mit Holm teilt. Zuvor hatte Schult sich auch als Spitzenkandidat für die Landtagswahl gegen Kramer durchgesetzt.

Der Verdacht liegt nahe, dass die Veranstaltung in Pasewalk vor allem eine große Solidarisierung mit Kramer ist, auf der Holm fehl am Platze wäre. Darauf angesprochen, winkt Kramer ab. „Mit Machtkämpfen hat das gar nichts zu tun“, sagt er am Tag nach der Kundgebung am Telefon. „Das lag einfach daran, dass die Terminkalender aller Kandidaten so voll sind.“ Mit Chrupalla verbinde ihn seit Jahren ein freundschaftliches Verhältnis.

Insgesamt drei Auftritte hat Chrupalla im Wahlkampf von Mecklenburg-Vorpommern gemeinsam mit Holm, teilt dessen Büro auf Anfrage mit. Man darf gespannt sein, welche Rollen er und Schult nach der Landtagswahl in der AfD Mecklenburg-Vorpommern spielen werden. Liegt das Ergebnis unter 40 Prozent, könnte ein Job als Sündenbock frei sein.

Quelle: ntv.de

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