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Normalverdiener-Hölle Berlin : Wer hier eine Wohnung sucht, sollte reich sein – oder weniger arbeiten

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 16, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Normalverdiener-Hölle Berlin Wer hier eine Wohnung sucht, sollte reich sein – oder weniger arbeiten

16.09.2026, 20:14 Uhr Ein Kommentar von Uladzimir Zhyhachou
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Die Linke und die CDU liefern sich vor der Abgeordnetenhauswahl in Berlin ein Kopf-an-Kopf-Rennen. (Foto: picture alliance / Caro Kadatz)

Wer arm ist und in Berlin eine Wohnung sucht, darf auf eine Sozialwohnung hoffen. Wer reich ist, findet etwas auf dem freien Markt. Normalverdiener-Haushalte, selbst mit zwei Einkommen, haben die schlechtesten Karten. Dass es nach der Berlin-Wahl besser wird, ist nicht absehbar. Eher im Gegenteil. 

Dass Berlin schon lange weder arm noch sexy ist, ist eigentlich keine Neuigkeit. Seit Ende August ist es aber offiziell: Eine Umfrage zufolge hat die Hauptstadt in den vergangenen 20 Jahren dramatisch an Anziehungskraft verloren. 46 Prozent der Befragten in Deutschland sagten, sie wollen auf keinen Fall in Berlin leben.

Dabei ist es nicht so, dass die Stadtbewohner diese 46 Prozent in Berlin vermissen würde. Die Stadt platzt auch ohne sie aus allen Nähten. Im Februar wurde die Marke von 3,9 Millionen Einwohnern geknackt, fünf Jahre zuvor waren es noch 3,77 Millionen. Egal, wie hässlich einige Stadtteile sind, egal, wie sehr es in der U-Bahn stinkt, egal, wie viele Clubs dichtmachen und wie viele obdachlose Menschen Grünflächen und Unterführungen behausen – Berlin wächst immer weiter.

Und ja, das Leben vieler Berliner ist heute deutlich weniger sexy als vor mehr als 20 Jahren, als Klaus Wowereit seinen legendären Spruch äußerte. Stand man damals das ganze Wochenende in den Schlangen vor den Clubs, sind es heute Schlangen für Wohnungsbesichtigungen, wo die Berliner anzutreffen sind. Berliner haben keine Zeit und Kraft für Club-Besuche. Wenn sie nicht gerade arbeiten, schreiben sie Wohnungsbewerbungen. Und wenn sie nicht Wohnungsbewerbungen schreiben, arbeiten sie. Wobei, das stimmt nicht ganz – sie schreiben auch Wohnungsbewerbungen, während sie arbeiten. Sorry, Chef, aber die meisten Anzeigen sind nach ein paar Minuten schon wieder offline, weil sich Hunderte oder Tausende in kürzester Zeit bewerben.

Und wenn man wie durch ein Wunder zu einer Besichtigung eingeladen wird (natürlich immer vormittags unter der Woche, sorry, Chef!), ahnt man sofort, dass das nichts wird. Denn unter den 50 Eingeladenen sind immer Leute dabei, die mehr verdienen als du, keine Katze haben und mit Nachnamen weder Zhyhachou noch Nguyen oder Al-Khatib heißen.

Wohnungsmarkt mit Abstand größtes Problem

Statt die Nächte durchzutanzen, wälzen sich die Wohnungssuchenden im Bett, grübeln, verzweifeln, weil sie seit Monaten und Jahren suchen – und nichts finden. Selbst Akademikerfamilien mit zwei guten Einkommen finden keine Wohnung und entwickeln darüber Existenzängste. Und am nächsten Morgen meldet man sich krank. Psychische Erkrankungen stehen inzwischen an der Spitze der Fehlzeitenstatistik in Deutschland, noch vor Atemwegsinfektionen. Klar, das betrifft nicht nur Berlin und hat bei Weitem nicht nur mit der Lage auf dem Wohnungsmarkt zu tun. Eine Umfrage vor der Abgeordnetenhauswahl zeigt aber: Für 43 Prozent ist der „Wohnungsmarkt“ das wichtigste Problem Berlins – mit großem Abstand. Kein anderes Thema treibt die Menschen an der Spree dermaßen um.

Und dabei will gerade diese Bundesregierung ja, dass die Menschen fleißig arbeiten. Dann sollte sie ihnen die Voraussetzungen dafür geben. Wenn aber selbst Familien mit zwei Einkommen keine Wohnung in ihrer Stadt finden, ist diese Voraussetzung nicht gegeben.

Die aktuell in der Hauptstadt regierende CDU sollte sich also nicht wundern, wenn am Sonntagabend die „extreme, radikalisierte Linke“, wie Spitzenkandidat Stefan Evers sie nennt, gewinnt. In den Umfragen eine Woche vor der Wahl liegt sie knapp vorn. Und dafür wäre die aktuell von der CDU geführte Koalition zum Teil selbst verantwortlich. Denn die Bevölkerung schreit inzwischen buchstäblich: Gebt uns die verdammten Wohnungen! Und – das ist kein Geheimnis – wenn Menschen verzweifelt sind und sich nicht gehört fühlen, neigen sie zu radikalen Antworten, in der Hoffnung, dass schnelle, radikale Antworten die Probleme lösen.

Und mit solchen radikalen Lösungen macht die Linke Wahlkampf. Mit der versprochenen Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne punktet die Partei bei ihren Wählern. Doch selbst wenn das gelingt – woran es große Zweifel gibt -, entsteht dadurch keine einzige neue Wohnung, sondern nur eine neue Verteilung der vorhandenen. Und wer bekommt sie? Normalverdiener mit zwei Einkommen ganz sicher nicht. Wie die Linke zu solchen Menschen steht, zeigt ein anderer Punkt in ihrem Wahlprogramm.

Enteignungen nicht der radikalste Punkt des Wahlprogramms der Linken

Die Partei will, dass die landeseigenen Wohnungsunternehmen künftig 100 Prozent aller freiwerdenden Wohnungen innerhalb des S-Bahn-Rings an Haushalte mit einem Wohnberechtigungsschein (WBS) gehen. Da wird der Wohnberechtigungsschein wörtlich genommen: Wer keinen hat, ist innerhalb des Rings nicht berechtigt zu wohnen.

Heißt also: In der Innenstadt sollen nur noch Menschen leben dürfen, die sich eine nicht geförderte Wohnung nicht leisten können. Grob vereinfacht: Normalverdiener sollen verbannt werden – und von außerhalb ihre Steuern zahlen, um die WBS-Wohnungen in der Innenstadt zu finanzieren. Sounds like a plan!

Klar, Menschen, die Unterstützung brauchen, sollen sie bekommen. Aber wenn die Linke die Menschen, die diese Unterstützung überhaupt erst möglich machen, zum Feind erklärt und aus der Stadt verdrägt, dann hat das mit Solidarität und sozialer Gerechtigkeit wenig zu tun.

Hier könnte die Linke natürlich sagen: Die Maßnahme ist gegen die bösen Superreichen gerichtet, denn für Menschen mit mittlerem Einkommen gibt es in Berlin inzwischen den WBS 220. Für zwei Erwachsene mit einem Kind zum Beispiel liegt dabei die Einkommensgrenze bei 49.720 Euro netto im Jahr – rund 4140 Euro im Monat. Wer also mehr verdient, ist raus. In einer Familie mit zwei Einkommen ist das schnell der Fall, selbst wenn einer der beiden nur in Teilzeit arbeitet.

Einmal WBS – immer WBS?

Wie falsch die Prioritäten liegen, wird bei der Frage klar, wie lange eine Förderung eigentlich gilt. Bis 2002 mussten Mieter von Sozialwohnungen in Berlin, deren Einkommen nach dem Einzug deutlich gestiegen war, eine sogenannte Fehlbelegungsabgabe zahlen. Berlin schaffte sie ab – seither wird das Einkommen nach dem Einzug nicht mehr überprüft. Wer als Student mit WBS eine Wohnung bekommen hat, kann Jahrzehnte später Millionen verdienen und trotzdem in der subventionierten Wohnung bleiben.

Und damit bekommen wir das, was wir jetzt haben: Es gibt Sozialwohnungen für Menschen mit WBS und es gibt teure Wohnungen für Topverdiener, die sich kein Normalverdiener leisten kann. Dazwischen klafft eine riesige Lücke, und die ganzen Normalverdiener fallen in diese Lücke. Das System scheint einem zu sagen: Dann werde doch arm! Nicht jeder kann sein Gehalt von heute auf morgen verdoppeln. Also macht es Sinn, weniger zu arbeiten, um die Grenzen einzuhalten und Zugriff auf WBS-Wohnungen zu bekommen. Es ist ja auch nicht so, dass es sie im Überfluss gibt, aber der Suchhorizont erweitert sich zumindest ein wenig. Mit dem Prinzip „Leistung soll sich wieder lohnen“, wie es die CDU propagiert, hat das wenig zu tun.

Zehntausende Wohnungen – nur wo sind sie?

Die CDU scheint die Problematik zumindest erkannt zu haben. In ihrem Wahlprogramm verspricht sie, bei Neuvermietungen von Sozialwohnungen regelmäßige Einkommensprüfungen für Mieter einzuführen. Und mit ihrer versprochenen Bauoffensive zeigt sie: Sie weiß, was ein verzweifelter Arbeitnehmer auf Wohnungssuche hören will. Nur hat die CDU in Berlin schon mehrmals mitregiert – und regiert seit 2023 wieder mit. Evers verweist auf rund 80.000 Wohnungen, die in dieser Legislaturperiode fertiggestellt worden seien.

Aber wer seit Monaten neben einem Vollzeitjob am Rande des Nervenzusammenbruchs Hunderte Bewerbungen ins Leere schickt, in Motivationsschreiben seine Seele lässt, für aussichtslose Besichtigungen Urlaub nimmt und am Ende doch nur Absagen bekommt, hat von solchen Zahlen wenig. Denn auf dem Wohnungsmarkt zählt nicht, was irgendwo in einer Statistik steht, sondern ob man einen Schlüssel in der Hand hält. Wer vor fünf oder sieben Jahren in Berlin eine Wohnung gesucht hat und heute wieder sucht, weiß: Die Lage, die damals schon kaum schlimmer werden konnte, ist noch katastrophaler geworden.

Geht das so weiter, muss die Linke die Normalverdiener auch gar nicht erst aus der Innenstadt verdrängen. Wenn sie keine bezahlbare Wohnung finden und zugleich keine Aussicht haben, dass sich daran bald etwas ändert, gehen sie eben selbst. Irgendwohin, wo man trotz zweier Gehälter nicht um ein angemessenes Dach über dem Kopf betteln muss. Und bei der nächsten Umfrage gehören sie dann bestimmt zu den inzwischen mehr als 46 Prozent, die auf keinen Fall in Berlin leben wollen.

Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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