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Startseite»Nachrichten»„Die Schönheit der Distanz“: Wie nah darf man sich beim Sterben kommen?
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„Die Schönheit der Distanz“: Wie nah darf man sich beim Sterben kommen?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 20, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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„Die Schönheit der Distanz“Wie nah darf man sich beim Sterben kommen?

20.09.2026, 12:40 Uhr Von Sabine Oelmann
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Einige wollen den anderen gar nicht loslassen, einige wollen ihre Ruhe. Auch im Sterben. Wer sich zu Lebzeiten Gedanken macht, hat es auf der Zielgeraden vielleicht einfacher. (Foto: IMAGO/Funke Foto Services)

Es sind die Dinge, über die wir nicht nachdenken wollen. Bis sie mit aller Macht in unser Leben treten. Manchmal hätten wir es ahnen, vielleicht sogar wissen können. Manchmal überrascht es uns. Wie das Paar, von dem Nao-Cola Yamazaki erzählt in ihrem kleinen Buch mit viel Inhalt.

Sarah Jessica Parker sagt über dieses Buch: „Eine Hommage an die kleinen Gesten, aus denen die größten Liebesgeschichten entstehen.“ Das trifft es ganz gut. Denn wenn man sich überlegt, was wohl die Dinge sind, die am wichtigsten werden, wenn man definitiv weiß, dass das Leben bald enden wird, dann kommt man auf die grundlegenden Dinge: Zeit, Zuhören, etwas Schönes, aber nicht Aufwendiges zu essen, gemeinsam lachen, Händchen halten. Jeder, der schon einmal eine Person gepflegt hat, die im Sterben liegt, wird wissen, dass es nicht wichtig ist, ob die Haare frisch gewaschen oder die Nägel perfekt sind, die Schuhe neu oder was „die Leute“ wohl denken. Jeder, der schon einmal eine Person gepflegt hat, die im Sterben liegt, weiß, dass es die elementaren, aber insbesondere die einfachen Dinge sind.

Wie in Nao-Cola Yamazakis Buch „Die Schönheit der Distanz“. Kann Distanz denn schön sein? Vor allem, wenn man weiß, dass das Leben einer geliebten Person dem Ende entgegengeht? Yamazaki zumindest beschreibt es so, und sagt: „Ich habe das Gefühl, dass es […] nicht nur ein Annähern gibt, sondern dass man auch eine perfekte Distanz wahren kann.“ Natürlich, man kann anderen zu nahe treten, indem man distanzlos ist. Aber wenn die geliebte Person stirbt, will man dann nicht alle Zeit nutzen, die man noch hat? Wahrscheinlich, aber auch die Zeit, in der man nicht aneinanderklebt, ist wichtig.

Yamazaki lässt ihren Figuren viel Raum, und deswegen kann der Mann, der jeden Tag zu seiner Frau ins Krankenhaus fährt, aber auch sofort Platz macht, wenn anderer Besuch kommt, uns an seinen Gedanken teilhaben lassen. Er kann über das Schicksal sinnieren, während er auf den Bus wartet. Jeden Tag. Sein Leben steht ohnehin gerade still. Seine Konzentration liegt auf seiner Frau, der er jeden Tag das Haar bürstet und sich, teils mit ihr, teils allein, an die prägenden Momente ihrer Beziehung erinnert.

Wozu Trauerurlaub?

Während er spürt, wie ihm die Liebe seines Lebens entgleitet, spürt er noch etwas anderes, nämlich wie seltsam der Umgang mit Pflege und Krankheit in der Gesellschaft gehandhabt wird. Er fragt sich, warum es normal ist, Trauerurlaub nach einem Tod zu nehmen, wenn er doch lieber die wenige Zeit, die ihnen noch bleibt, bei seiner Frau verbringen würde. Und so setzt er alles daran, seiner Frau in ihren letzten gemeinsamen Stunden ein Gefühl von Hoffnung zu geben. Und Respekt. Bei diesen beiden steht fest: Wenn sie einen Alltag – sofern möglich – wahren möchten, dürfen gewisse Grenzen nicht überschritten werden.

Jeder geht anders mit dem Sterben um, dem eigenen Sterben und dem eines geliebten Menschen. Die einen brauchen Nähe, die anderen wollen das mit sich selbst ausmachen. Die einen lassen den anderen an sich heran, sowohl physisch als auch psychisch, andere wahren den Schein, so lange es geht. Yamazaki fragt, ob in der Distanz, die zwischen zwei Personen herrscht, die sich eigentlich nah sind, auch eine große Schönheit liegen kann. Die Antwort lautet – nach der Lektüre – eindeutig ja. Sie erzählt, inspiriert von der Krebserkrankung ihres Vaters, aufrichtig, tiefgründig und bewegend von Fürsorge und Pflege, aber auch von Gemeinschaft und Zusammenhalt in einer Welt, die sich immer schneller dreht. Und stellt fest, dass Distanz etwas sehr Intimes sein kann.

Yamazaki gelingt es, die Lesenden mit Fragen zurückzulassen, die jede und jeder für sich selbst beantworten kann. Wenn der eine gar nicht genug Nähe haben kann, fühlt ein anderer sich vielleicht schon manipuliert. Yamazaki findet den richtigen Ton und kriecht in unsere Köpfe – denn wer hat sich noch nicht gefragt, ob man selbst manchmal zu viel ist? Oder zu wenig?

Nao-Cola Yamazaki wurde 1978 in Kitakyushu, Japan, geboren. Ihr literarisches Debüt „Don’t Laugh at Other People’s Sex Lives“ erschien 2004 in Japan und erhielt den Bungei-Preis für neue AutorInnen. Insgesamt wurde Yamazaki fünfmal für den renommierten Akutagawa-Preis nominiert, zuletzt für „Die Schönheit der Distanz“.

Quelle: ntv.de

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