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Einfallstor für Strom-Sabotage: „Zur Trafostation kann man einfach rübergehen und den Schalter umlegen“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 27, 2026Keine Kommentare8 Minuten Lesezeit
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Einfallstor für Strom-Sabotage„Zur Trafostation kann man einfach rübergehen und den Schalter umlegen“

27.09.2026, 11:16 Uhr Interview: Christian Herrmann
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Das deutsche Stromnetz ist kritische Infrastruktur. (Foto: picture alliance / Chris Emil Janßen)

Die Energiewende benötigt Stromautobahnen und andere wichtige Infrastruktur. Doch wie gut sind Freileitungen, Erdkabel und Umspannwerk vor Sabotage geschützt? Die Firma Friedrich Vorwerk ist maßgeblich am Bau der Systeme und Anlagen beteiligt. Unternehmenschef Torben Kleinfeldt warnt vor erheblichen Sicherheitslücken: „In England haben Energiezentralen dreireihige Stacheldrahtzäune und eine massive Präsenz von Wachpersonal mit Hunden“, sagt er. Deutschland sei in dem Bereich „sehr nachlässig“. Im Interview erklärt der Ingenieur außerdem, warum die größte Sichjerheitsherausforderung die riesigen Hochspannungstrassen sind und ebenfalls, warum selbst unterirdische Stromleitungen keinen hundertprozentigen Schutz bieten. Gleichzeitig ordnet er ein, warum Erdkabel trotz der höheren Baukosten sinnvoller sein können als oberirdische Leitungen.

ntv.de: Sie bezeichnen sich selbst als Werkbank der Energiewende. Inwiefern?

Torben Kleinfeldt: Alles, was sich die Politik und die großen Netzbetreiber für die Energieinfrastruktur ausdenken, muss umgesetzt werden. Das übernehmen wir. Unsere Kolleginnen und Kollegen planen die Projekte an ihren Computern. Ungefähr 2000 Mitarbeiter sind derzeit mit Baggern und großen Maschinen auf Baustellen im Einsatz. 

Friedrich Vorwerk baut Pipelines für Erdgas und Wasserstoff, aber auch große Stromtrassen. Ganz egal, was politisch gerade gefragt ist:  Sie profitieren immer.

In der Tat. Es gibt letztlich vier große Märkte. Im Erdgasbereich bauen wir Kompressorstationen und große Pipelinesysteme. Dasselbe können wir für Wasserstoffnetze machen. Fast 50 Prozent unseres Umsatzes verdienen wir im Stromnetz. Wir bauen die großen Trassen, mit denen Offshore-Strom in den Süden zu den Industriestandorten gebracht wird – aber nicht oberirdisch: Wir haben uns durch unsere Erfahrung im Pipelinebau auf die Erdverkabelung spezialisiert. Wir beschäftigen uns außerdem mit der Fernwärmeversorgung in großen Städten oder Themen wie Biogasaufbereitung und CO2-Abspaltung.

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Das Kerngeschäft von Friedrich Vorwerk war einst der Bau von Infrastruktur für Erdgas. Inzwischen ist Elektrizität der größte Geschäftsbereich. (Foto: picture alliance / Caro)

Wie ist Deutschland beim Netzausbau aufgestellt? 

Strom ist die Quelle der regenerativen Energien. Er wird durch PV, Wind oder in Ländern wie Norwegen durch Laufwasserkraftwerke erzeugt. Für die Verteilung benötigen wir Stromautobahnen. Die Netzentwicklungsplanung der Bundesregierung für Wasserstoff, Erdgas und Strom bestätigt das. Das Stromnetz ist mit Investitionen von 320 Milliarden bis 2045 der größte Brocken. 

Öffentlich ist der Eindruck: Wir kommen zu langsam voran. 

Das muss man relativieren. Selbst, wenn man kein Experte im Bereich der Energieinfrastruktur ist, weiß man wahrscheinlich, dass die Kabel in Spanien oder in den USA nach wie vor außen an Häusern hängen. Nach einem Gewitter gibt es dort zwei Tage lang keinen Strom. In deutschen Verteilnetzen sind die Kabel teils bereits vollständig erdverlegt. 

In Berlin gab es Anfang des Jahres einen Stromausfall im Südwesten der Stadt. Im vergangenen Jahr gab es einen Stromausfall im Südosten. 

Das lag aber nicht an einem Gewitter. Ausbaubedarf besteht bei den Transportnetzen: Wie bekommen wir erneuerbaren Strom zu den Verbrauchern? Die großen Überlandtrassen sollten 2021 fertig sein. Wegen der Genehmigungsverfahren haben sie sich verzögert. Energieinfrastruktur findet immer auf Grundstücken von fremden Dritten statt. Man muss zigtausende Betroffene ins Boot holen, wenn man einmal durch die ganze Republik baut. Irgendwo gibt es immer Ablehnung. Die muss man befrieden. Das ist ein maximal komplexes Unterfangen.

Hatte man den Widerstand politisch nicht auf dem Schirm?

Doch. Aus dem jahrzehntelangen Bau von Energieinfrastruktur ist bekannt, dass man für eine Trasse ein Wegerecht erwerben muss. In den vergangenen Jahren ist allerdings der Naturschutz durch mannigfaltige Auflagen deutlich komplexer geworden. Die zentralisierten Planungsverfahren waren außerdem zeitintensiver als das vorherige Modell.

Beim Ausbau der Windenergie hat das Bundeswirtschaftsministerium unter Robert Habeck die Genehmigungsverfahren so stark beschleunigt, dass Deutschland europäisches Vorbild geworden ist. Ist das beim Netzausbau auch möglich?

Das versucht man über die sogenannten Netzausbaubeschleunigungsgesetze aufzufangen. Die wurden Ende der 2010er-Jahre erlassen. Darin wurden zentralisierte Genehmigungsverfahren für bundeslandübergreifende Energietrassen geschaffen. Mein Eindruck ist allerdings nicht, dass diese Regelung zur Beschleunigung beigetragen hat, im Gegenteil. Die endlosen Abstimmungsschleifen mit sehr vielen Beteiligten haben den Prozess eher verlangsamt. 

Man probiert, die Planung auf dem Papier perfekt zu machen, anstatt einfach zu beginnen?

Ja. Anfang der 2000er-Jahre haben wir viele Pipelines schlüsselfertig gebaut. Da gab es dieses Planungsgesetz nicht. Wir haben alles im Einzelverfahren genehmigt, heißt: Wir sind auf die Trasse gegangen, haben überlegt, wo wir die Leitungen hinlegen wollen und dann mit Landwirten, Deichverbänden, Umweltschutz- und Wasserbehörden gesprochen und uns mit jedem einzelnen Akteur abgestimmt. Wir hatten direkte Ansprechpartner, die ihre Gegebenheiten vor Ort kannten. Mit denen konnten wir jederzeit Kontakt aufnehmen. So sind wir schnell zu genehmigungsfähigen Trassen gekommen. Das ist durch die heute üblichen großen Runden deutlich komplexer geworden. 

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Der Bau der deutschen Stromautobahnen dauert länger als geplant: Zwei Arbeiter prüfen die neu installierten Kabel. (Foto: picture alliance / Daniel Kubirski)

Werden die großen Stromautobahnen trotzdem rechtzeitig fertig? 

Derzeit sind drei große Nord-Süd-Trassen im Bau: der Korridor A-Nord, der Suedlink und der SuedOstLink. Die Idee für diese Stromautobahnen ist durch den Atomausstieg entstanden. Die Trassen verlaufen aus gutem Grund in der Nähe der ehemaligen AKW-Standorte: Dort ist die Infrastruktur für die Weiterleitung des Stroms vorhanden. Die Trassen sollten fertig sein, wenn die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen. Wir sind maßgeblich an A-Nord in Niedersachsen beteiligt und zuversichtlich, dass diese Trasse Ende 2027 in Betrieb gehen kann. Das letzte Atomkraftwerk wurde bereits 2023 abgeschaltet. Insofern sind wir einige Jahre zu spät dran. 

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche möchte den Ausbau der Erneuerbaren mit dem Netzausbau synchronisieren. Ist das geschafft, wenn diese Stromtrassen fertig sind?

Ich kenne die Netzkapazitäten nicht zu einhundert Prozent und weiß nicht, welche Erneuerbaren nicht einspeisen können, weil sich der Netzausbau verzögert. Klar ist: Drei so große Trassen schaffen enorme Transportkapazitäten gen Süden. Künftig müssen weniger Windräder abgeregelt werden. Das spart auch Geld, weil die Betreiber vergütet werden, wenn das passiert.

Wie schützen wir diese Stromautobahnen und andere wichtige Energieinfrastruktur? Die beiden großen Berliner Stromausfälle wurden durch Sabotage verursacht. In den vergangenen Wochen gab es mehrere Angriffe auf Umspannwerke in Brandenburg, Sachsen und im Rheinland. 

Umspannwerke sind räumlich begrenzte Industrieanlagen. Solche Knotenpunkte lassen sich mit relativ wenig Aufwand gut und zuverlässig schützen. Das sieht man bei unseren Projekten in England. Die dortigen Energiezentralen, wo etwa das Nordseegas an der Küste anlandet, haben dreireihige Stacheldrahtzäune und eine massive Präsenz von Wachpersonal mit Hunden.

Man spürt auf den ersten Blick, dass es sich um kritische Infrastruktur handelt?

Im Norden von Hamburg ist ein Betrieb von uns zufällig Nachbar einer großen Trafostation. Dort könnten wir einfach rübergehen und den Schalter umlegen. Daran könnte uns niemand hindern. In dem Bereich sind wir sehr nachlässig. Problematischer sind aber die großen Streckenverbindungen. Die Stromtrassen sind bis zu 500 Kilometer lang. Auch unterirdische Kabel sind angreifbar. 

Ist der Vorteil von Erdleitungen nicht gerade, dass sie besser geschützt sind als Freileitungen?

Das ist ein Argument für die Erdverkabelung. Bei einer Freileitung sieht man aus einem Kilometer Entfernung, wo man hin muss und was man angreifen kann. Letztlich ist aber auch ein kilometerlanges Kabel unter der Erde angreifbar.

Man kann es durchtrennen? Das passiert ja manchmal versehentlich bei Bauarbeiten mit einem Bagger. 

Ja. Wir könnten bei einschlägigen Unternehmen einen Bagger mieten und loslegen – wenn Sie bereit sind, in eine 525-Kilovolt-Leitung zu greifen. 

Sie würden davon abraten? 

Ich würde jedenfalls weit vom Bagger weggehen. Man kann aber genauso gut einen Sprengsatz anbringen. Auch das ist bei Freileitungen einfacher als bei Erdkabeln. Ein Hochspannungsmast ist im Nu umgelegt. Aber beim Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines hat man gesehen: Es gibt selbst 40 Meter unter Wasser keinen hundertprozentigen Schutz. 

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Zwei Kabelschutzrohre werden in einem Kanal der Erdkabeltrasse A-Nord in Rhede verbunden. Die 300 Kilometer lange Stromverbindung wird zukünftig zwei Gigawatt an Windstrom vom ostfriesischen Emden bis ins nordrhein-westfälische Meerbusch-Osterath transportieren. (Foto: picture alliance/dpa)

Ein starkes Argument für Freileitungen sind die Kosten. Erdleitungen sind teurer. Trotzdem wehren sich Schleswig-Holstein und Niedersachsen gegen den oberirdischen Bau. Warum?

Freileitungen haben ein Akzeptanzproblem. Die sind einfach nicht schön anzuschauen, so ehrlich muss man sein. Schleswig-Holstein und Niedersachsen leben viel vom Tourismus. Es ist nachvollziehbar, dass man diese Leitungen unter der Erde verschwinden lassen möchte. 

Die höheren Kosten nimmt man in Kauf? 

Ja. Aber das ist keine Schwarz-Weiß-Debatte. Es gibt sowohl für Freileitungen als auch für die Erdverkabelung eine Reihe von Argumenten. Die Sicherheit haben wir angesprochen, dazu gehört auch der Schutz vor Witterung. Es gibt auch ökonomische Gründe. Der Bau einer Freileitung ist günstiger, der Betrieb aber teurer, weil sie öfter kontrolliert und instand gesetzt werden muss. Dazu kommen technische Gründe: An manchen Stellen ist eine Freileitung sinnvoller, an anderen baut man lieber eine Erdleitung. Man kann nicht nur das eine oder das andere machen, sondern lediglich einen Vorrang formulieren. Schlussendlich entscheiden die Netzbetreiber, was sich wo besser eignet. Das ist eine Abwägungsfrage, die man den Planungsexperten überlassen sollte. 

Aufgrund der Geografie?

Zum Beispiel. Für den Anschluss von Offshore-Windparks kommen ohnehin nur Erdkabel infrage. Im Meer können wir schlecht eine Hochspannungsleitung bauen. In ein Naturschutzgebiet möchte man wahrscheinlich auch nicht unbedingt einen großen Strommast bauen. 

Mit Torben Kleinfeldt sprach Christian Herrmann. Das Gespräch wurde am 15. September auf dem TBF Investor Day in Bad Homburg aufgezeichnet und zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast „Das Klima-Labor von ntv“ anhören.

Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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