„Fremde Mächte“ als KundenSo machte Ex-BND-Chef Hanning sein Geheimwissen zu Geld
Ex-BND-Chef unter Spionageverdacht. Viel schlimmer kann der deutsche Sicherheitsapparat nicht erschüttert werden. Doch August Hanning bewegte sich schon lange in einer Grauzone.
August Hanning muss das eigentlich geahnt haben. Als Ermittler des Hamburger Landeskriminalamts im September vor einem Jahr das Privathaus des Ex-BND-Chefs in der Nähe von Münster durchsuchen und dabei Umzugskisten voller Beweismaterial sicherstellen, muss dem ehemaligen Chef des Bundesnachrichtendienstes im Grunde eines klar sein: Mit diesem Material wird es nicht bei den Ermittlungen gegen ihn im Entführungsfall Block bleiben. Diese Akten und Datenträger, die die Beamten aus dem Haus tragen, werden zu Ermittlungen in einer völlig neuen Dimension führen.
Die neue Dimension gipfelt nun vorläufig in der Eilmeldung „Ex-BND-Chef August Hanning wegen Spionageverdachts verhaftet“. Hanning, in den Jahren 1998 bis 2005 Kopf des BND und damit oberster Geheimdienstler des Landes, wird verdächtigt, selbst spioniert zu haben. Wegen Verdachts auf Landesverrat wird zudem ermittelt. Sehr viel schlimmer als mit solch einer Eilmeldung lässt sich der deutsche Sicherheitsapparat wohl nicht erschüttern.
Im Zusammenhang mit dem Fall Block stand der 80-Jährige schon länger im Verdacht, mit einer privaten Sicherheitsfirma in einen gescheiterten Entführungsversuch von zwei in Dänemark lebenden Kindern der Steakhaus-Erbin Christina Block verwickelt gewesen zu sein. Hanning bestritt das. Im Zuge der Ermittlungen stand das LKA dann irgendwann vor seinem Privathaus und präsentierte den Durchsuchungsbefehl. Ein Jahr später standen dort wieder Ermittler, nur nahmen sie diesmal keine Datenträger mit, sondern Hanning selbst.
Laut Bundesanwaltschaft soll der Ex-Geheimdienstler über Jahre hinweg geheime Dokumente des BND von seinem ehemaligen Büroleiter Manfred D. erhalten und genutzt haben. Hanning betrieb nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst diverse Sicherheitsfirmen und unterhielt als Pensionär noch immer enge Kontakte in Geheimdienstkreise anderer Länder. Das mussten nicht zwangsläufig befreundete Länder sein.
Expertise zu Geld gemacht
„Er hat nach seiner Zeit beim BND seine sicherheitspolitische Expertise und die Kontakte vielfach genutzt und dann in der Privatwirtschaft zu Geld gemacht“, sagt die Sicherheitsexpertin Birgit Jennen über Hanning. Bei ihren Recherchen zu dem Buch „Putins Marionetten“ stieß die Autorin immer wieder auf Hanning.
„Er ist da keine Ausnahme. Viele Sicherheitsleute, die nach ihrem Ausscheiden nicht richtig loslassen können, machen sich als private Sicherheitsdienstleister selbstständig. Ihre Kontakte sind dann ihr Kapital. Hanning hat das exzessiv betrieben.“
Persönliche Verbindung als Einfallstor
Dabei geht Jennen aufgrund ihrer Recherchen nicht davon aus, dass solche Verbindungen immer direkt zu einem fremden Geheimdienst bestehen. „Zumeist läuft der Austausch über ein Netzwerk aus dem Dienst ausgeschiedener Sicherheitsleute, die noch immer Kontakt in relevante Stellen ihrer ehemaligen Behörde haben. Persönliche Verbindungen sind immer das beste Einfallstor.“
Die in Luzern gemeldete Beraterfirma Pluteos, der Hanning als Chef des Verwaltungsrats vorsteht, wirbt im Internet mit einer „Gruppe von Intelligence- und Sicherheits-Experten auf Weltniveau“ und mit dem Ex-BNDler als „renommierter Staatsbediensteter“.
Bei den Informanten auf der anderen Seite, die also noch im Dienst der Behörde stehen, kommt zu dem Wunsch, die eigenen Kontakte und Einblicke gewinnbringend zu nutzen – wie es bei Manfred D. der Fall gewesen sein soll -, oft auch die politische Übereinstimmung, die mit dem ehemaligen Dienstherren verbindet. Womöglich verdankt der ehemals Untergebene dem Ausgeschiedenen die eigene Karriere. „Wenn der sich dann meldet, sagt man nicht, ich habe keine Zeit. Dann geht man natürlich mit dem Essen“, so beschreibt Birgit Jennen die gefährliche Grauzone. Denn zwischen Leuten, die sich jahrelang womöglich blind vertraut haben, lässt sich hinterher nur schwer die klare Grenze ziehen.
Geheimdienste wie der BND profitieren durchaus von diesen Strukturen und nutzen sie bewusst, da sie sich selbst oft als in einem zu engen Korsett aus Pflichten und Beschränkungen empfinden. Es muss dokumentiert, nachgewiesen und Kontrollgremien berichtet werden, das macht Verbindungen zu privaten Dienstleistern attraktiv.
Diese Beratungsagenturen sind niemandem Rechenschaft schuldig über Mittelsmänner und Methoden. „Sie können daher Aufgaben übernehmen, bei denen die Geheimdienstler selbst unangenehme Fragen von Parlamentsmitgliedern zu befürchten hätten“, sagt Jennen. Dazu können auch Kontakte zu ausländischen Mächten gehören, die womöglich nicht ganz so demokratisch gesinnt sind wie die deutschen.
Laut dem bisherigen Ermittlungsstand soll Hanning bis Juni 2022 fast 2000 Dokumente verkauft haben, darunter viele Informationen für die Leitungsebene, die als Verschlusssache der Geheimhaltung unterlagen. Zu diesem Zweck hat der Ex-BNDler nicht nur seinen ehemaligen Büroleiter weiter kontaktiert, der diese Position auch bei seinen Nachfolgern noch innehatte.
„Fremde Mächte“ als Kunden
Laut Jennen traf sich Hanning auch viele Jahre nach seiner Pensionierung noch mit hochrangigen Regierungsvertretern im Innenministerium. „Immer wieder gab es dann Anfragen aus dem Parlament an die Regierung mit der Bitte, darüber Auskunft zu geben, was Hanning mit diesen Beamten besprochen habe. Die Antwort lautete häufig, das Gesprächsthema sei ’nicht mehr nachvollziehbar'“.
Zu den Kunden von August Hannings florierendem Informationshandel, in dem er mindestens einmal auch geheime Doumente zu einer Analyse zusammengefasst habe soll, äußert sich der ermittelnde Generalbundesanwalt derzeit noch nicht. Es sollen aber in mindestens einem Fall Vertreter einer „fremden Macht“ darunter sein. Nach SPIEGEL-Informationen besteht der Verdacht, dass der Ex-BNDler mit einem Agenten aus Aserbaidschan in Verbindung stand.
Russland wird bislang nicht genannt, dabei ist der pensionierte Spion für seine engen Bindungen nach Moskau bekannt. „In all den Jahren nach der Pensionierung war Hanning im Annäherungsprozess an Russland sehr präsent“, beschreibt Jennen.
„2019 reiste er für Pluteos nach Moskau, zu einer Konferenz mit Vertretern aus Russlands Wirtschaft und Politik, die nach Wegen für eine Zusammenarbeit abseits des westlichen Sanktionsregimes suchten.“ Gerade über Wirtschaftskontakte bemühte sich Hanning stets, die Öffnung Richtung Russland zu fördern.
Zur US-amerikanischen CIA hingegen war Hannings Verhältnis schon während seiner Amtszeit gespannt, nicht zuletzt, nachdem der damalige US-Außenminister Colin Powell 2003 nicht verifizierte Informationen des BND benutzte, um damit vor den UN den Angriff auf den Irak zu begründen. Die deutschen Geheimdienstler hatten 1999 einen irakischen Asylbewerber in einem Flüchtlingsheim befragt, der – laut BND zunächst glaubhaft – über den Aufbau von Anlagen im Irak berichtete, an denen er beteiligt gewesen sei. Seine detaillierten Beschreibungen ließen den Schluss zu, es könnte sich um mobile Produktionsanlagen für Biowaffen handeln. Beweise dafür gab es nicht.
Der BND teilte die Aussagen des Flüchtlings, den er hinter dem Pseudonym „Curveball“ verbarg, mit US-Geheimdiensten. Obwohl Hanning wie auch andere BND-Leute die US-Kollegen nach eigener Aussage mehrfach warnten, Curveballs Aussagen seien nicht verifiziert, stützte die US-Regierung ihre Kriegsentscheidung vor dem UN-Sicherheitsrat im Februar 2003 vor allem auf diese Aussagen. Als später öffentlich wurde, dass alles frei erfunden war, machte sie Deutschland dafür verantwortlich. Hannings Karriere beendete dieser Vorfall nicht. Mit seiner Festnahme scheint sie heute hingegen tatsächlich beendet worden zu sein.
