Die Protestwelle junger Menschen in Frankreich für bessere Lernbedingungen an Schulen hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Laut Innenministerium beteiligten sich 256.000 Menschen an Demos, allein 56.000 in Paris.
Kurz bevor sich der Demonstrationszug in Gang setzt, stimmen die Protestierenden die französische Nationalhymne an, Version Schülerproteste: „Aux armes, lycéens“ – „Zu den Waffen, Schüler“.
Der martialische Text der Nationalhymne passt allerdings nicht wirklich zur Stimmung auf der Place de la République im Herzen von Paris. Denn die ist entschlossen, aber bisher friedlich. Khalil und Esperanza gehen in Massy südlich von Paris zur Schule. Sie fordern vor allem mehr Geld im Schulsystem.
„Ich bin gekommen, um gegen Stellenstreichungen bei Lehrkräften zu protestieren“, sagt Khalil. „Es heißt, die würden gestrichen, weil es in Zukunft aus demografischen Gründen weniger Schüler geben wird. Aber damit soll doch bloß Geld gespart werden. Und das führt dazu, dass in manchen Klassen bis zu 35 Schüler sitzen. Das sind keine Bedingungen, um zu lernen.“
„Es ist skandalös, dass das Geld in weniger wichtige Bereiche wie die Armee fließt“, sagt Esperanza. „Es ist doch Bildung, die die Nation rettet.“
Esperanza, Khalil und ihr Freund Nassim wollen sich solidarisch zeigen mit den Schülerinnen und Schülern im Département Seine-Saint-Denis nördlich von Paris. Dort leben besonders viele sozial benachteiligte Menschen. Dort fehlt das meiste Geld. Dort hatten die Proteste Mitte September begonnen.
Auch viele Eltern sind dabei – zum Schutz
Toni Tremblay ist Mathelehrer in Seine-Saint-Denis und Vertreter der Gewerkschaft SNES-FSU. „Wir protestieren seit drei Jahren“, erzählt er. „Lehrkräfte, Abgeordnete und Eltern fordern seit drei Jahren einen Notfallplan für das Departement. Und alles, was wir als Antwort bekommen, ist die Verachtung der Regierung, und dass sie uns die Polizei schickt. Wir halten diese Antwort nicht für angemessen. Wir wollen bildungspolitische Antworten.“
Seit den großen Rentenprotesten 2023 war die Place de la République bei einer Demo selten so voll von Menschen. Neben Schülern, Studierenden und Lehrkräften sind dieses Mal auch viele Eltern dabei – zum Schutz. Auch Gewerkschaften und linke politische Parteien hatten Ordnungsdienste geschickt.
„Wir werden immer nur verspottet“
Zuletzt waren die Proteste auch von Gewalt geprägt, zum Teil auf Seiten der Demonstrierenden, aber auch auf Seiten der Polizei. Das prägt inzwischen die mediale und auch die politische Debatte über die Proteste, verzerre aber das Bild, findet Schülerin Esperanza: „Die Gewalt ist überrepräsentiert. Klar fliegen Feuerwerkskörper, das können wir nicht abstreiten.“
Es gebe Gewalt von Seiten der Jugendlichen, räumt Esperanza ein. Aber das sei ein verschwindend kleiner Teil im Vergleich zu denen, die demonstrieren und sich einfach Gehör verschaffen wollen. „In den Medien geht es viel um die Gewalt und wenig um das, was wir fordern. Deswegen protestieren wir doch. Uns wird nicht ausreichend zugehört, wir werden immer nur verspottet.“
Allgemeine soziale Anspannung
Für viele auf der Pariser Demo geht es aber um mehr als überladene Stundenpläne, Unterrichtsausfall und marode Gebäude. Sie sehen die Schülerproteste als Symbol für eine allgemeine soziale Anspannung.
Ob die Schüler die neuen Gelbwesten seien, fragt sich ein Demo-Teilnehmer auf seinem Plakat. Esperanza würde so weit vielleicht nicht gehen, aber sie will kämpfen, bis alle Forderungen der Schüler erfüllt sind – oder sie zumindest so nah wie möglich daran kommen.

